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Christoph Lagemann, Leiter des Instituts Suchtprävention, Vorstandsvorsitzender der Österreichischen ARGE Suchtvorbeugung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© MUW

Prof. Dr. Gabriele Fischer, Leiterin der Drogenambulanz, Suchtforschung und Suchttherapie an der MedUni Wien, Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© ÖÄK/Zeitler

Dr. Gert Wiegele, Stellvertretender Obmann der Bundeskurie Niedergelassene Ärzte in der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK)

 
Gesundheitspolitik 20. November 2013

Standpunkte: Cash Cow Sucht – aber wohin mit dem Geld?

Bringen Suchtkranke dem Finanzminister mehr Geld ein, als sie den Gesundheits- und Sozialminister kosten?

Die soeben veröffentlichte Studie „Soziale Folgekosten von Lust & Sucht in Österreich“ des Marktanalyse-Instituts Kreutzer Fischer & Partner (KFP) kommt zu dem Schluss, dass die Einnahmen aus dem Verkauf von Alkohol und Zigaretten sowie die Abgaben aus dem Glücksspiel die volkswirtschaftlichen Kosten der damit zusammenhängenden Suchtkrankheiten sowie des Rauchens und der Drogenabhängigkeit bei Weitem übersteigen. Laut Berechnungen von KFP stehen jährlichen Kosten von 1,5 Milliarden – diese setzen sich aus medizinischen und sozialen Ausgaben, staatlichen Kosten und indirekten Kosten aus dem Produktivitätsverlust zusammen – Einnahmen von 2,2 Milliarden Euro gegenüber. Daraus lassen sich unterschiedliche Schlüsse ziehen. Einer könnte etwa die Frage aufwerfen, ob angesichts der fieberhaften Suche nach verlorenen Budgetmilliarden das vollmundige Bekenntnis der Regierungspartner nach Forcierung einer Präventionskultur nicht Gefahr läuft, im politischen Tagesgeschäft zum Lippenbekenntnis zu verkommen. Ein anderer Schluss könnte wiederum zur Versuchung Anlass geben, der Prävention zukünftig vielleicht doch mehr als die angekündigten 150 Millionen innerhalb der nächsten zehn Jahre aus diesem Überschuss zweckgebunden zur Verfügung zu stellen. Nun, es wird jedenfalls spannend zu beobachten sein, welche Schlüsse die nächste Bundesregierung daraus ziehen und welche politischen Handlungen sie daraus ableiten wird.

 

Return of Investment?

„Quantitative Fragestellungen haben die qualitativen in vielen Lebensbereichen verdrängt.“

Christoph Lagemann Leiter des Instituts Suchtprävention, Vorstandsvorsitzender der Österreichischen ARGE Suchtvorbeugung

Die Frage nach den volkswirtschaftlichen Kosten und dem Nutzen von Nikotin, Alkohol & Co. wurde bereits mehrfach gestellt und beantwortet – mit unterschiedlichen Ergebnissen. Die Fragestellung ist eine äußerst komplexe, möglicherweise zu komplex, um eine klare Antwort erwarten zu dürfen. Neben den hohen Folgekosten der Sucht gibt es auch monetäre Folgenutzen – ein im Rahmen der Beschaffungskriminalität gestohlenes Autoradio wird in der Regel vom Besitzer neu gekauft, der inhaftierte Straftäter muss beaufsichtigt und rehabilitiert werden ... Wie richtig also die kolportierten Zahlen sind, sei dahingestellt.

Bemerkenswert in diesem Zusammenhang finde ich die Tatsache, dass Kosten-/Nutzenberechnungen oft die einzigen Argumente sind, die in neoliberalen Zeiten wahr- und ernst genommen werden. Auch in der Prävention unterwerfen wir uns dem neuen Dogma und versuchen den „Return of Investment“ nachzuweisen, um die Politik von der Sinnhaftigkeit von Investitionen in die Vorbeugung zu überzeugen – mit bescheidenem Erfolg. Die Frage „Was bringt’s?“ existiert quasi nur mehr in einem monetären Zusammenhang. Quantitative Fragestellungen haben die qualitativen in vielen Lebensbereichen zunehmend verdrängt – bis hin zum Tod. Nicht die Frage, wie jemand gelebt hat, sondern wie alt er wurde, ist heute relevant. Doch „die messbare Seite der Welt ist nicht die Welt; sie ist die messbare Seite der Welt“ meint der deutsche Philosoph Martin Seel. Und so stelle ich mir – ganz altmodisch – ethische Fragen: Warum ist das Solidaritätsprinzip, dass sich die Gesunden um die (Sucht-)Kranken kümmern, für eine Gesellschaft wichtig? Muss sich eine Gesellschaft bemühen, das chronische Leiden, das mit Alkohol-, Nikotin- oder Glücksspielsucht für die Betroffenen und ihr Umfeld einhergeht, zu mindern und erst gar nicht entstehen zu lassen? Welchen Wert haben solche Bemühungen für uns alle und was sollten sie dem Staat wert sein? Ist es in Ordnung, dass der Staat viele Millionen aus dem Glücksspiel lukriert, aber nichts in die Glücksspielprävention investiert? Und so stelle ich mir Fragen über Fragen. Ganz altmodisch.

 

Nationale Suchtstrategie

„Die föderalistische Umsetzung treibt gerade im Sucht- und Drogenbereich extreme Blüten.“

Prof. Dr. Gabriele Fischer Leiterin der Drogenambulanz, Suchtforschung und Suchttherapie an der MedUni Wien, Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie

Fundiertes Datenmaterial aus einer wissenschaftlich epidemiologischen Studie zur Prävalenz ist bislang für Österreich nicht vorhanden. Es schafft erst die Voraussetzung für einen effizienten Einsatz der finanziell beschränkten Ressourcen im Sinne einer nationalen Suchtstrategie. In Österreich gibt es keine reliablen Zahlen, höchstens Schätzungen, die zum Großteil auf zu geringen Stichproben beruhen. Die Prävalenz einzelner Suchterkrankungen ist vermutlich kaum höher als 0,6 Prozent, entsprechend große Stichproben müssen untersucht werden.

Die politische Verantwortung für Suchterkrankungen splittet sich in Österreich auf: Alkohol und Nikotin finden sich in einer Abteilung des Gesundheitsministeriums wieder, illegale Suchterkrankungen in einer anderen Abteilung, Spielsucht gar im Finanzministerium. Es wäre notwendig, alles zusammenzufassen und im Sektor „Mental Health“ anzusiedeln. Eine gesunde Person wird nicht suchtkrank, daher hat eine erfolgreiche Präventionsstrategie – respektive Therapielogarithmen – aus dem Bereich Mental Health generiert zu werden. 70 Prozent der Betroffenen haben psychiatrische Begleit- bzw. Primärerkrankungen.

In Zeiten knapper Gesundheitsbudgets haben öffentliche Gelder überprüfbar, effizient und internationalen Standards folgend eingesetzt zu werden – und zwar im Gesundheitsministerium beginnend mit der Etablierung einer nationalen Suchtstrategie für Österreich. Die föderalistische Umsetzung treibt gerade im Sucht- und Drogenbereich extreme Blüten. Obwohl internationale Standards für die Behandlung existieren, unterscheidet sich das Vorgehen in Österreichs Osten deutlich von dem im Westen. Zudem geht gegenwärtig ein wesentlicher Teil der Gelder durch Etablierung und Ausbau von Parallelstrukturen bei Personal und Verwaltung verloren, deren Vorgaben häufig mehr eminenz- als evidenzbasiert sind.

Die Suchterkrankung ist ein integraler Bestandteil der Psychiatrie und aufgrund der hohen indirekten Kosten – Beschäftigungslosigkeit, Krankenstände etc. – einer der teuersten. Daher sollten eine professionelle Umsetzung in die Hand von Experten und die Ressourcen in eine qualitätsgesicherte Prävention und Therapie gelegt werden.

 

Füllmaterial für Budgetloch

„Einnahmen und Ausgaben klaffen noch viel dramatischer auseinander als gedacht.“

Dr. Gert Wiegele Stellvertretender Obmann der Bundeskurie Niedergelassene Ärzte in der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK)

Die Autoren einer Studie, die in Kooperation mit der Wiener Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie durchgeführt wurde, kommen zum Schluss, dass alle in Österreich unter Alkohol-, Tabak-, Spiel- oder Drogensucht leidenden Menschen zusammen der Gesellschaft deutlich weniger Kosten verursachen als bisher angenommen.

Man wird sich die Studie sicher noch im Detail ansehen müssen, aber aus volkswirtschaftlicher Sicht wäre das zweifellos eine gute Nachricht. Auch angesichts des von vielen Experten kritisierten Umstands, dass wir bei der Beurteilung der Suchtproblematik in Österreich mangels präziser Daten oft auf Schätzungen angewiesen sind, wäre die laut den Autoren durchgeführte Bereinigung um Komorbidität und Komortalität sicher ein Schritt in die richtige Richtung.

Aber unabhängig davon klaffen die jährlichen Einnahmen aus Steuern und Abgaben auf Alkohol, Tabak und Glücksspiel einerseits und die Ausgaben für Suchtforschung und -prävention andererseits dramatisch auseinander. Der aktuellen Studie zufolge eben noch viel stärker als gedacht: Selbst nach Abzug der genannten Ausgaben lukriere die öffentliche Hand sage und schreibe 1,5 Milliarden Euro.

Es besteht wenig Hoffnung, dass in Zukunft ein nennenswerter Teil dieses eklatanten Überschusses – egal, wie hoch er nun tatsächlich ist – in die Suchtprävention und -forschung zurückfließt. Immerhin hat uns die Politik gerade erst ein beachtliches Budgetloch offenbart und sucht nun nach Füllmaterial. Wenn es sein muss, auch auf Kosten der Gesundheit der Bürgerinnen und Bürger, die nächste Wahl liegt ja in bequemer Ferne. Staatliche Spekulationen mit Steuerertrag aus Suchtmitteln sind jedenfalls zynisch angesichts des Leids, das nicht nur die Betroffenen selbst, sondern auch deren Familien trifft.

Übrigens: Unser noch amtierender Gesundheitsminister hat im Frühling angekündigt, dass über die nächsten zehn Jahre ganze 150 Millionen Euro für Prävention ausgegeben werden sollen. Auf ein Jahr gerechnet wäre das gerade einmal ein Hundertstel jenes hier diskutierten staatlichen „Reingewinns“ aus Alkohol, Tabak und Glücksspiel.

V. Weilguni, Ärzte Woche 47/2013

  • Frau Ein Volk ist so reich, wie es Birgit Kübler Ein Volk ist so reich, wie es , 22.11.2013 um 13:12:

    „Den wahren Wert eines gesunden Menschenlebens läßt sich nicht mit der Höhe einer Geldsumme vergleichen. Welchen Wert hat ein Elternhaus, in welchem Tabak, Alkohol und die Spielsucht regieren? Wenn man Ihren Artikel "Das fetale Tabaksyndrom" gelesen hat, weiß man, wie viel Glück Kinder nichtrauchender Eltern haben. Dieses Glück ist nicht käuflich, es ist unbezahlbar! Gesundheit kann man nicht kaufen, aber indem man die Finger von den Alltagsdrogen, Tabak und Alkohol, und sein Geld nicht für Spielsucht verschwendet, kann jeder einzelne zu einem wertvolleren Leben beitragen. Dabei bleibt mehr Geld auf dem Sparkonto, womit man dann Sinnvolles tun kann.

    Ich gebe zu, daß ich über dieses Rechenbeispiel in Ihrem Artikel mehr als entsetzt bin. So einfach ist es nicht. Die ökologischen Folgen des Tabakkonsums haben diese Rechenkünstler beispielsweise nicht mitberücksichtigt. Googeln Sie bitte mit dem Begriff "45 Minuten die Philip Morris Story"! Die Kinder, die auf den Tabakplantagen als Sklaven mißbraucht werden, weil sie als Tabakpflücker schuften müssen, nehmen so viel Nikotin täglich auf, als würden sie täglich 50 Zigaretten rauchen, denn ihnen werden keine Schutzkleidung zur Verfügung gestellt. Für Schule und Bildung bleibt keine Zeit. Welch ein Verlust!

    Für mich hat der Friede einen sehr hohen Wert. Ich beende meinen Kommentar mit einem Zitat von Buddha: "Den höchstens Frieden findet der, der schützt, was atmet, schützt, was lebt!" Deshalb sollte man nicht die Lebensgrundlagen verseuchen.

    Und meiner Meinung nach gibt es keine größere und wertvollere Kultur, als Kinder und Jugendliche vor Schaden zu bewahren. Dazu bedarf es des glaubwürdigen Beispiels seitens der Erwachsenen.

    Mit freundlichen Grüßen

    Birgit Kübler“

  • Frau Rentnerin Birgit Kübler Rentnerin, 22.11.2013 um 13:34:

    „Leider ist die Überschrift meines Kommentars nicht vollständig wiedergegeben worden.

    Weil sie alles auf den Punkt bringt, möchte ich sie hier nachträglich
    hinzufügen:

    Ein Volk ist so reich, wie es gesund ist!

    Mit freundlichen Grüßen

    Birgit Kübler“

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