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Gesundheitspolitik 7. November 2013

Homo oeconomicus

Editorial

Beim Durchblättern der heimischen Tageszeitungen stoße ich in letzter Zeit vermehrt auf Meldungen wie diese (im „Standard“):  „Krebserkrankungen haben im Jahr ­€€‚ volkswirtschaftliche Kosten von ƒ­„ Milliarden Euro in der EU verursacht, so das Ergebnis einer in The Lancet Oncology publizierten Studie.“ Ähnliche Berichte findet man zu Diabetes, Herz-Kreislauferkrankungen, Rückenproblemen, Übergewicht, psychischen Erkrankungen – stets wird der Leser eindringlich auf den immensen volkswirtschaftlichen Schaden hingewiesen, den medizinische Probleme verursachen.

Offenbar findet hier langsam ein Paradigmenwechsel statt: Die Notwendigkeit, Krankheiten zu bekämpfen und Leiden zu lindern, richtet sich immer weniger nach den Bedürfnissen der Bevölkerung als nach denen der Ökonomie. Oder anders ausgedrückt: Wichtiger als das Leid der Betroffenen ist das Leid der Pensionskassen, Versicherungen und vor allem der Wirtschaft (Sie wissen ja: wenn’s der schlecht geht, geht’s uns allen schlecht…).
Denn Schuld an dieser enormen Belastung für das Allgemeinwohl sind zum größten Teil wir selbst – und zwar jeder einzelne! – wie von Experten betont wird: Weil unser westlicher (=dekadenter) Lebensstil kriminell ungesund ist und die Gesundheitskosten etc. explodieren lässt.
Weil wir uns partout weigern, unsere Lebensgewohnheiten an die wirtschaftlichen Bedürfnisse anzupassen.

Wir alle verursachen durch diese Sturheit immense Kosten, die wir alle bezahlen müssen, aber bald nicht mehr können. Die Wirtschaft und damit der Staat werden von uns unverantwortlichen Schlemmern massiv geschädigt! Und bist Du nicht willig…

Offenbar sind wir nicht willens, von uns aus einen ökonomisch wertvollen Lebensstil zu praktizieren. Daher machen sich bereits Politiker, Interessensverbände, und andere (halb)öffentliche Organisationen Gedanken, mit welchen Mitteln man die Menschen dazu bewegen kann, gesund und damit ökonomisch sinnvoll zu leben.
Folgende Maßnahmen werden – so wird gemunkelt – in diversen Expertengruppen erörtert:

  • Tägliche Vergatterung der Bevölkerungzu einstündiger öffentlicher Massengymnastik.
  • Sofortiges Verbot des Konsums vonTabakwaren. Empfindliche Geldstrafefür auf frischer Tat ertappte Raucher; mehrjährige Gefängnisstrafe für Wiederholungstäter.
  • Alkoholkonsum nur mehr nach ärztlicherVerordnung! Bei Zuwiderhandeln– siehe Tabakgesetz.
  • Einführung einer Zucker- und Fettsteuer;Form ist noch festzulegen.
  • Monatliche verpflichtende Gewichtskontrollenfür alle volljährigen Staatsbürgermit Zielvereinbarungen: Bei Nichterreichen selbiger drohen finanzielle Konsequenzen.
  • Sofortiges Verbot von Bergsteigen,Paragliding und ähnlichen verletzungsgefährlichenFreizeitaktivitäten.
  • Generelle Helmpflicht für alle Kinder bis 10 Jahre – dazu unterstützend:mediales Comeback der beliebten 1980er-Jahre Figur „Helmi“.
  • Für unbelehrbare Übergewichtige (BMI als Beurteilungskriterium): Wiedereinführung des Prangers aus der guten alten Zeit.
  • Halbjährlich verpflichtender Besuch bei einem staatlich geprüften „Lach- Coach“, um Depressionen vorzubeugen.
  • Weitere Abschreckungskampagnen, z.B.: Fotos aus Schlachthöfen auf Fleisch- und Wurstwaren, Bilder vom diabetischen Fuß auf Süßigkeiten.
  • Staatliche Förderung des Lebensstils „Modern-Mönch“ bzw. „New-Nonne“; Vorbild: Ordensregeln der Kartäuser ergänzt durch (Pensionssicherung!) zweimal im Jahr stattfindende verpflichtende Paarungszeit.

Sie finden das zynisch? Warten Sie ab, wie viele dieser Vorschläge in einigenƒ€ Jahren ernsthaft diskutiert werden,
fürchtet Ihr

Ingo Schlager

Redaktion hautnah

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