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Übung macht den Meister: Schulkinder lernen bei einem Projekt der Medizinischen Universität Wien, wie eine Herzdruckmassage richtig gemacht wird.
 
Gesundheitspolitik 22. Oktober 2013

Restart a Heart – wo Ärzte auf Laienhilfe angewiesen sind

Auch ein gut funktionierendes Notarztsystem kommt beim plötzlichen Herz-Kreislauf-Stillstand zu spät, wenn Ersthelfer nicht bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Österreich hat akuten Nachholbedarf.

Der 16. Oktober 2013 wurde auf Initiative des European Resuscitation Councils, des Europäischen Rats für Wiederbelebung, europaweit zum ersten „European Restart a Heart Day“ ausgerufen. Ziel der Aktion ist es, stärkere nationale Anstrengungen zur Bewusstseinsbildung der Bevölkerung zu erreichen und die Menschen zu motivieren, im Notfall selbst zuzupacken. Die heimischen Notärzte unterstützten die Initiative mit großem Engagement. Sie wissen, dass ihre professionelle Hilfe nur dann Leben retten kann, wenn Laienhelfer vor Ort die Zeit bis zu ihrem Eintreffen für die kardiopulmonale Reanimation nützen.

Der Europäische Rat für Wiederbelebung schätzt die Zahl der außerklinischen Herz-Kreislauf-Stillstände in Europa auf 350.000 pro Jahr, in Österreich auf 10.000 bis 12.000. Nur rund zehn Prozent der Opfer überleben. Es sterben also zwölfmal mehr Menschen am Herz-Kreislauf-Stillstand als im Straßenverkehr. Während jedoch in die Verbesserung der Überlebenschancen bei Verkehrsunfällen massiv – und erfolgreich – investiert wurde, ist der Zehn-Prozent-Überlebensquotient beim plötzlichen Herztod über die letzten Jahre hinweg stabil geblieben, erläutert Dr. Michael Baubin, Bereichsoberarzt Notfallmedizin an der Universitätsklinik für Anästhesie und Intensivmedizin in Innsbruck und zugleich Vorsitzender des Österreichischen Rats für Wiederbelebung.

Besseres Leben danach

Was sich hingegen kontinuierlich verbessert habe, sei die Überlebensqualität, sagt Dr. Michael Lang, Präsident der Ärztekammer für Burgenland und Leiter des Referats für Notfall- und Rettungsdienste sowie Katastrophenmedizin in der Österreichischen Ärztekammer: „Die Chance, einen Herz-Kreislauf-Stillstand mit guter Lebensqualität zu überstehen, ist heute deutlich größer als noch vor 20 Jahren.“ War es damals gerade einmal ein Fünftel der Überlebenden, die nach der Entlassung aus dem Spital ihr bisheriges Leben wieder aufnehmen oder zumindest ein eigenständiges Leben führen und sich selbst versorgen konnten, so sind es „heute eher vier Fünftel“.

Hauptgründe dafür sind laut Lang die Verbreitung einheitlicher Leitlinien, immer bessere Rettungsdienst- und Notarztsysteme, früher und gezielter Einsatz von Defibrillatoren sowie große Fortschritte in der Logistik und vor allem in der Intensivmedizin.

Dem heimischen professionellen Notfallsystem attestiert Lang hohe Dichte und Kompetenz: „Mit mehr als 14.380 ausgebildeten Notärzten, davon etwa 3.000 aktiven, verfügt Österreich über ein hoch qualifiziertes flächendeckendes Notarztsystem. Dazu kommen rund 170 Notarztwagen und 36 im Notarztwesen eingesetzte Hubschrauber. Damit liegt Österreich an der Spitze der Länder mit vergleichbaren Rettungssystemen.“ Bis zum Eintreffen von Ärzten und Sanitätern am Einsatzort vergehen im Durchschnitt zehn Minuten. Dieser Wert sei konstant und an der unteren Grenze des logistisch Machbaren angekommen. Natürlich könne man noch punktuell nachbessern und optimieren, große Sprünge in Richtung Verbesserung der Überlebenschancen, seien damit aber nicht mehr zu erzielen.

Schwachstelle Ersthelferreanimation

Solche wesentlichen Verbesserungen wären dennoch möglich, ist Lang überzeugt. Dazu müsste es aber gelingen, mehr Passanten vor Ort dazu zu bewegen, im Notfall selbst aktiv zu werden. Denn letztendlich entscheiden die ersten drei Minuten über Leben und Tod, eine Zeitspanne also, wo professionelle Nothelfer in der Regel nicht zur Verfügung stehen. „Die drei Minuten sind genau das Zeitfenster, in dem ein Ersthelfer mit der Reanimation beginnen muss“, bestätigt auch Baubin. Leider sei allerdings die Bereitschaft zur Reanimation gering – oder anders gesagt: die Hemmschwelle ziemlich hoch. Laut einer europaweiten Umfrage von Autofahrerklubs über Erste-Hilfe-Maßnahmen in vierzehn Ländern sind zum Beispiel nicht einmal 15 Prozent der Befragten bereit, kardiopulmonale Reanimationsmaßnahmen durchzuführen, wenn sie zu einem Autounfall dazukommen.

Die Zahl deckt sich mit vergleichbaren Studien. Auch laut deutschem Reanimationsregister führen nur 15 Prozent der Ersthelfer in Deutschland bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand die Herzdruckmassage aus. Diese Quote gilt für Österreich.

Hauptbegründungen für die Zurückhaltung vieler Menschen sind Unwissenheit, das Verlassen auf ein gut funktionierendes Rettungswesen, persönliche Angst, etwas falsch zu machen, und fehlende Kompetenz. Hinzu kommt noch die irrationale Angst, für unabsichtlich zugefügten Schaden zur Rechenschaft gezogen zu werden. Irrational deshalb, weil in Österreich niemand beim Leisten von Erster Hilfe dafür strafrechtlich belangt werden kann – im Gegenteil zum Fall von unterlassener Hilfeleistung.

Entkoppelung

Noch deutlich höher als bei der kardiopulmonalen Reanimation sind im Übrigen die Hemmungen bei der Mund-zu-Mund-Beatmung oder der Versorgung stark blutender Verletzungen. Baubin spricht sich daher für eine Entkoppelung der Themen Erste Hilfe und Wiederbelebung aus: „Keine andere Erste-Hilfe-Maßnahme entscheidet so unmittelbar über Leben und Tod wie die Herzdruckmassage. An einer nicht durchgeführten Seitenlage oder einem nicht angelegten Verband ist noch kaum jemand gestorben, an der nicht erfolgten Herz-Druckmassage sehr wohl und sehr viele.“

Hemmungen und Angst begründen sich vielfach in fehlender Routine und mangelnder Praxis, meint Lang und wünscht sich ein möglichst frühes Einsteigen und wiederholtes Üben der kardiopulmonalen Animation: „Ein eintägiger Kurs, wie er etwa im Rahmen des Führerscheins vorgeschrieben ist, reicht dafür sicher nicht aus. Und wie wichtig gerade das Auffrischen ist, lässt sich vielleicht daran ermessen, dass selbst Notärzte trotz ihrer hoch spezialisierten Ausbildung gesetzlich verpflichtet sind, alle zwei Jahre Fortbildungen zu absolvieren – und zwar nicht nur, um fachspezifisch auf dem aktuellen Stand zu sein, sondern auch, weil das Handeln im Ernstfall laufend trainiert werden muss – auch von ausgebildeten Medizinern.“

Vorbild Nordeuropa

Gänzlich anders stellt sich die Situation in den nordischen Ländern und den Niederlanden dar. Hier zögern bis zu 60 Prozent (Spitzenwert in Schweden und Holland) der Ersthelfer keinen Moment, um im Notfall unverzüglich mit Reanimationsmaßnahmen zu beginnen. Diese hohe Bereitschaft wirkt sich direkt auf die Überlebensraten aus, die auf 40 Prozent klettern. Diese bemerkenswerten Zahlen sind für Baubin ein „deutlicher Erfolg des Reanimationsunterrichts in den Schulen, der in den Niederlanden und Schweden seit zwanzig Jahren, in Norwegen sogar schon seit 50 Jahren verpflichtend ist.“

Je früher das regelmäßige Üben einsetzt, desto eher ist ein gewisser Automatisierungsgrad zu erreichen, der in Notfällen wiederum einen „Ersthelfer-Reflex“ auslöst. „Wer als Kind Rad fahren gelernt hat, wird es ein Leben lang nicht verlernen“, vergleicht es Lang. „Genauso wird ein Kind, das spielerisch gelernt hat zu reanimieren, sich als Erwachsener eher Wiederbelebungsmaßnahmen zutrauen und im Notfall auch handeln. Vorausgesetzt, die erworbenen Kenntnisse werden immer wieder aufgefrischt.“

Daher widmete sich der diesjährige Tag der Wiederbelebung dem Schwerpunktthema Reanimation durch Kinder und Jugendliche. Derzeit ist man hier noch alleine auf die Eigeninitiative engagierter Lehrer und Schulärzte angewiesen. Geht es nach dem Willen des Österreichischen Rates für Wiederbelebung, dann soll von der zukünftigen Bundesregierung ein verpflichtender Reanimationsunterricht in den Schulen eingeführt werden, wünscht sich Baubin: „Mit Erste-Hilfe-Basics sollte schon im Kindergarten begonnen werden. Spätestens gegen Ende der Pflichtschule, also bei den Zwölf- bis 14-Jährigen, sollten drei Stunden Reanimation verpflichtend sein. Im vorletzten Schul- oder Lehrjahr sollen die Jugendlichen ihr Wissen auffrischen und den Einsatz des automatisierten Defibrillators trainieren.“

V. Weilguni, Ärzte Woche 43/2013

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