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Die Selbstuntersuchung der Brust wird wegen zu vieler \\\\
 
Gesundheitspolitik 16. Oktober 2013

Disput über Empfehlungen für Vorsorgeuntersuchungen

Verunsicherung von Patientinnen und Patienten werfen Experten der Wiener Ärztekammer vor: Die empfehle veraltete Vorsorgeuntersuchungen.

WissenschafterInnen und ÄrztInnen der renommierten Cochrane Collaboration, des Austrian International Screening Committees und des Österreichischen Netzwerks Evidenzbasierter Medizin äußern sich besorgt über kürzlich herausgegebene Vorsorgeempfehlungen der Wiener Ärztekammer (www.gesagt-getan-vorgesorgt.at). Einige der Empfehlungen weichen laut den ExpertInnen deutlich von internationalen Standards ab - mit nachteiligen Folgen für die PatientInnen.

"Manche Vorsorgeempfehlungen der Wiener Ärztekammer waren vor zehn bis 15 Jahren aktuell, entsprechen mittlerweile aber nicht mehr dem letzten Stand der Wissenschaft", sagt Prof. Dr. Gerald Gartlehner, Direktor der österreichischen Cochrane Zweigstelle. "Studien deuten darauf hin, dass zum Beispiel die regelmäßige Selbstuntersuchung der Brust, Mammographien ab 40 oder regelmäßige Prostata-Tastuntersuchungen wegen vieler falsch positiver Befunde mehr Schaden als Nutzen verursachen können", so Gartlehner weiter.

Dr. Franz Piribauer, Sprecher des Austrian International Screening Committee ergänzt: "Eine objektive Information von Patienten über Nachteile von Vorsorgeuntersuchungen ist unumgänglich, was bei der Kampagne der Wiener Ärztekammer völlig außer Acht gelassen wird".

Konkret beurteilen die ExpertInnen folgende von der Wiener Ärztekammer empfohlenen Untersuchungen als problematisch:

  • Mammographie zur Brustkrebs-Früherkennung ab 40 Jahren: Dies ist international nicht mehr üblich. Im neuen österreichischen Früherkennungsprogramm werden Mammographien ab 45 Jahren empfohlen, in den meisten anderen Ländern ab 50 Jahren.
  • Regelmäßige Selbstuntersuchung der Brust: Wegen vieler "falscher Alarme" wird die Selbstuntersuchung nicht mehr empfohlen, die U.S. Preventive Services Task Force spricht sich explizit dagegen aus.
  • Hormonstatus beim Mann: Eine Erhebung des Hormonstatus als Vorsorgeuntersuchung wird allgemein nicht empfohlen.
  • Früherkennungsuntersuchung nach Hodenkrebs: Internationale Organisationen sprechen sich explizit gegen Früherkennungsuntersuchungen nach Hodenkrebs aus.
  • PSA-Test und Tastbefund der Prostata: Diese Untersuchungen sind wissenschaftlich äußerst umstritten und sollten nicht generell für alle Männer ab 40 Jahren empfohlen werden. Sie werden auch nicht in der österreichischen "Vorsorgeuntersuchung neu" berücksichtigt.

Für gesunde Frauen und Männer, die Vorsorgeuntersuchungen nutzen, bedeuten diese Empfehlungen nach Ansicht der Experten ein erhöhtes Risiko für nicht notwendige Folgeuntersuchen und Therapien.

Prof. Dr. Andrea Siebenhofer-Kroitzsch, Sprecherin des Österreichischen Netzwerks Evidenzbasierte Medizin fasst die Problematik zusammen: "Prävention ist wichtig, aber jede Untersuchung hat Vor- und Nachteile, die Nutzen und Schaden generieren. Deshalb müssen wir bei Vorsorgeuntersuchungen, genauso wie in der therapeutischen Medizin, evidenzbasiert, das heißt nach letztem Stand der Wissenschaft vorgehen und abwägen. Das erwarten unsere Patientinnen und Patienten und das sind wir Ihnen als Ärztinnen und Ärzte schuldig."

Ärztekammer vom Nutzen überzeugt

In einer Aussendung geht die Wiener Ärztekammer auf die Kritik der Screening-Experten ein: Dr. Thomas Szekeres: "Die Wiener Ärztekammer ist vom Nutzen regelmäßiger Vorsorgeuntersuchungen mit Beachtung des Genderaspekts überzeugt."

Aktuell läuft gerade die großangelegte Vorsorgekampagne "Gesagt.Getan.Vorgesorgt.". Die darin enthaltenen Empfehlungen der Ärztekammer wurden in Zusammenarbeit mit wissenschaftlich-medizinischen Experten aus den jeweiligen Fachbereichen erarbeitet und entsprechen dem aktuellen Stand der Wissenschaft zusammengefasst, argumentiert die Wiener Ärztekammer. "Grundsätzlich gilt natürlich in jedem Fall, dass eine individuelle fachärztliche Beratung über die Vor- und Nachteile unverzichtbarer Bestandteil jeder medizinischen Gesundheitsvorsorge ist", erklärt Szekeres.

Brustkrebsvorsorge ab 40 Jahren empfohlen

Gerade im Bereich der Brustkrebsvorsorge habe sich gezeigt, dass Mammakarzinome auch in jüngeren Jahren immer häufiger auftreten, so Szekeres. "Daher fordern auch medizinische Fachgesellschaften immer wieder, Frauen bereits ab 40 Jahren die Möglichkeit zu geben, eine Mammografie durchführen zu lassen." Es sei gelungen, im neuen österreichweiten Brustkrebs-Früherkennungsprogramm Frauen ab dem 40. Lebensjahr die Möglichkeit zu geben, auf Anfrage am Mammascreening-Programm teilzunehmen.

Zudem empfehlen laut Ärztekammer sowohl die Österreichische Krebshilfe als auch Krebsgesellschaften in den USA eine regelmäßige Mammografie ab dem 40. Lebensjahr.

Prostata-Vorsorge

"Fest steht weiters, dass es, wenn es um Prostatavorsorge geht, keine Alternative zum PSA-Test gibt", betont Szekeres. "Wenn auf die Vorsorge durch den PSA-Test verzichtet wird, werden die Prostatatumore im fortgeschrittenen Stadium wieder zunehmen."

Entscheidend für mögliche weitere Untersuchungen sei der Verlauf des PSA-Werts. Es gelte, diesen genau zu beobachten und in einem eingehenden Beratungsgespräch die Patienten über Vor- und Nachteile weiterer Untersuchungen aufzuklären, betont Szekeres.

Mittlerweile sei auch etabliert, dass nicht jeder Mann jedes Jahr oder sogar öfter einen PSA-Wert benötige, sondern die Intervalle je nach Ausgangswert ausdehnbar sind. Szekeres: "Um ein individuelles Intervall festzulegen, ist es wichtig, mit 40 Jahren einen Ausgangswert zu messen und im Rahmen einer fachärztlichen Konsultation die Kontrollen durchzuführen." Das empfehle auch die American Urological Association.

Quellen: Presseaussendungen von WissenschafterInnen und ÄrztInnen der Cochrane Collaboration, des Austrian International Screening
Committees und des Österreichischen Netzwerks Evidenzbasierter
Medizin sowie der Wiener Ärztekammer.

Lesen Sie auch Zankapfel PSA-Test
  • Herr Prim. Dr. Karl Hermann Grubmüller, 17.10.2013 um 13:37:

    „Sowohl was die Brust aber vorallem die Prostata betrifft, kann ich dem Herrn Präsidenten der Wiener Ärztekammer nur vollinhaltlich zustimmen!“

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