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Wie ein Coach soll sich der Arzt oder die Ärztin künftig vorsorglich mithilfe des Gesundheits-Checks Junior um die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen kümmern.
 
Gesundheitspolitik 16. Oktober 2013

Ring frei für den Gesundheits-Check Junior

Die SVA will mit ihrem neuen Jugend-Vorsorgeprogramm die Lücke zwischen Mutter-Kind-Pass und Volljährigkeit schließen.

Mit ihrer Initiative „Gesundheits-Check Junior“ sieht sich die Sozialversicherung der gewerblichen Wirtschaft (SVA) nach dem Erwachsenen-Vorsorgeprogramm „Selbständig gesund“ endgültig „am Weg von der Krankenkasse zur Gesundheitsversicherung“. Prävention sei zwar in aller Munde, sagt Peter McDonald, SVA Obmann-Stellvertreter, während viele darüber reden würden, sei die SVA aber auch bereit, zu handeln. Und tatsächlich klingt die Intention des Modells plausibel und sinnvoll. Ob es die Erwartungen in der Praxis aber auch tatsächlich erfüllen kann, muss es erst noch beweisen. Zu viele Fragen bleiben ungeklärt, zu viele Voraussetzungen und Rahmenbedingungen unberücksichtigt.

Der „Gesundheits-Check Junior“ wurde von der SVA in Kooperation mit der Ärztekammer entwickelt und wird vorab als Pilotprojekt in Wien und im Burgenland ausgerollt. Ziel ist es, das Bewusstsein für Vorsorge und Gesundheitsförderung schon in einem Alter zu fördern, in dem spätere Zivilisationskrankheiten noch verhindert werden können.

Der „Gesundheits-Check Junior“ knüpft deshalb unmittelbar an den Mutter-Kind-Pass an. Mitversicherte Kinder von sechs bis elf Jahren und Jugendliche von zwölf bis 17 Jahren können ab sofort in der Modellregion eine kostenlose, speziell auf ihr Alter angepasste Gesundenuntersuchung in Anspruch nehmen, die von Allgemeinmedizinern und Fachärzten für Kinder- und Jugendheilkunde angeboten wird.

Wie sinnvoll eine solche Initiative gerade hierzulande ist, verdeutlicht ein Blick in die jüngste OECD-Studie zur Kinder- und Jugendgesundheit. Österreich belegt im OECD-Ranking Platz 27 von 30. Ein Viertel der Jugendlichen ist übergewichtig, nirgendwo sonst rauchen und trinken so viele 15-jährige Mädchen und Buben.

Der Arzt als Coach

Der SVA-Vorsorge-Check ist dreistufig konzipiert: Im Rahmen der körperlichen Untersuchung werden bei Kindern und Jugendlichen Größe und Gewicht gemessen, eventuelle Haltungsanomalien festgestellt und die Zahngesundheit wird untersucht. Bei Kindern wird außerdem eine Allergieanamnese durchgeführt und bei Jugendlichen der Blutdruck gemessen. Beim Thema Entwicklung stehen bei Kindern die Sprache, das Hören und Sehen, Lesen, Rechtschreiben und Rechnen im Mittelpunkt, untersucht wird auch die Motorik und eventuelle Verhaltensauffälligkeiten. Bei Jugendlichen stehen hingegen Sozialisation, die Entwicklung in der Schule und individuelle Begabungen im Mittelpunkt, aber auch ihr Sexualverhalten und die Pubertätsentwicklung. Ernährung, Bewegung und Sport sind schließlich wichtige Themen im Bereich der Prävention. Auch Beratung zur Unfallprävention und der aktuelle Impfstatus sind vorgesehen. Bei Jugendlichen werden außerdem die Themen Stress und Sucht sowie der individuelle Medienkonsum angesprochen.

All diese Themen sollen im Rahmen eines „Coachings“ besprochen und dabei die „individuelle Situation der Kinder beziehungsweise Jugendlichen“ berücksichtigt werden. „Auffälligkeiten“ im Essverhalten, bei Sport und Bewegung, Medien- und anderen Suchtverhalten sollen aufgegriffen und von den Ärzten soll beratend eingegriffen werden.

Offen bleibt freilich die Frage, ob Kinder- und Hausärzte von vornherein über die entsprechende Coaching- und Kommunikationskompetenz verfügen. Spezielle Weiterbildungsprogramme oder Unterstützung für die Ärzte sind zum jetzigen Zeitpunkt jedenfalls nicht vorgesehen. Auch die Frage, was mit im Coaching thematisierten Auffälligkeiten in weiterer Folge zu geschehen hat, bleibt weitgehend unbeantwortet. Immerhin wird den Kindern und Jugendlichen eine kleine Broschüre ausgehändigt, die „wichtige Tipps“ enthält, etwa diesen: „Auch Computer und Internet können süchtig machen!“

Probleme ungeniert ansprechen

„Das Vorhaben, die Vorsorgelücke für Kinder und Jugendliche zu schließen, finde ich grundsätzlich richtig“, antwortet Dr. Christian Euler, Präsident des Hausärzteverbandes, auf die Frage der Ärzte Woche, was er von der SVA-Initiative hält. Allerdings greift für Euler der konzeptionelle Ansatz zu kurz: „Ich halte es für ein großes Manko, dass dies von einer einzelnen Versicherung gemacht wird und nicht im Verbund der Sozialversicherungen für eine Region.“ Die starke Eingrenzung würde kaum relevante Erkenntnisse zulassen, auch deshalb, weil die SVA eine vergleichsweise geringe Anzahl an Kindern und Jugendlichen repräsentiert. Zudem verspüre er „tiefes persönliches Misstrauen, was die Sozialkompetenz der SVA“ betrifft.

Euler kritisiert aber auch die Informationspolitik und mangelnde Vorbereitung der Ärzte: „Das Projekt trifft uns Hausärzte gänzlich unvorbereitet. Es beginnt, ohne mit uns abgestimmt zu sein, ohne Ausbildungsangebote anzubieten oder Hilfestellungen bereitzustellen.“

Trotzdem sieht Euler grundsätzlich großes Potenzial und eine Weichenstellung in die richtige Richtung. So werde sich dadurch etwa die Chance für die Ärzte deutlich verbessern, Probleme aktiv zu thematisieren: „Allein die Tatsache, dass jemand sein Kind zu der Vorsorgeuntersuchung anmeldet“, erläutert Euler, bildet für uns Mediziner einen Rahmen, der es uns erlaubt, Auffälligkeiten tatsächlich auch anzusprechen.“ Barrieren könnten damit abgebaut werden, die das Arzt-Patient-Gespräch heute vielerorts belasten würden.

Euler nennt folgendes Beispiel: „Wenn ein Kind, das viel zu dick ist, mit Ohrenschmerzen zu mir kommt, will es die Schmerzen loswerden und die Eltern nicht von mir hören, dass es sich mehr bewegen und gesünder essen soll. Das war bisher für uns Ärzte immer ein gewisser ‚Eiertanz‘ zwischen ärztlicher Herausforderung und Taktgefühl.“ Wer sich nun bewusst zum Vorsorge-Check entschließt, der sei auch darauf eingestellt, dass alles auf den Tisch kommt, Probleme ungeniert angesprochen werden. Da hieße es sozusagen „Ring frei“!

Kindergesundheits- Netzwerke

Auch Dr. Klaus Vavrik, Präsident der Österreichischen Liga für Kinder- und Jugendgesundheit, steht der Initiative insgesamt positiv gegenüber. So könnten bei einem flächendeckenden Ausbau wichtige epidemiologische Daten gewonnen und dadurch die aktuell äußerst dürftige Datenlage bei den Gesundheitsdaten von Kindern und Jugendlichen verbessert werden.

Als entscheidendes Erfolgskriterium sieht Vavrik allerdings die Frage der Qualitätssicherung. Gerade bei einer Altersgruppe, die bisher selten aus freien Stücken zum Arzt gegangen ist, würde es auf ärztlicher Seite an Erfahrung fehlen, mit deren Problemen entsprechend umzugehen. Daher brauche es nicht nur zusätzliche gesundheitsfördernde Angebote, die Kindern und Jugendlichen dann zur Problembewältigung angeboten werden können, sondern auch begleitende Ausbildungsangebote für die Ärzte selbst bzw. verbesserte Möglichkeiten zur Kooperation. Coaching sei ein sehr allgemeines Schlagwort, erläutert Vavrik, damit es in der Praxis auch funktioniert, müsse ebendort „die Kompetenz dafür geschaffen und das Teamwork gefördert werden“. Dazu müssten Kindergesundheits-Netzwerke auf- und ausgebaut werden, die neben der Medizin auch die Psychologie, Psychotherapie, Ergotherapie, Sport- und Ernährungswissenschaften etc. umfassen.

Umfeld integrieren

Auch Schulärzte, Bildungsverantwortliche und vor allem die Eltern gelte es, besser in die Netzwerke zu integrieren, wünscht sich Vavrik, denn Ärzte könnten oftmals zwar die Problemlage erkennen, sie aber im eigenen Arbeitsbereich nicht lösen: „Die Problembewältigung und Begleitung muss zumeist in den Lebensräumen der Kinder erfolgen, im Elternhaus und in den Bildungseinrichtungen. Beide müssen wir entsprechend inkludieren und befähigen.“ In diesem Zusammenhang sei auch das Schulärztesystem grundlegend zu überdenken, fordert Vavrik: „Schulärzte haben einen direkten Zugang zu den Kindern, dürfen aber de facto wenig tun, nicht therapeutisch aktiv werden oder vernetzen. Mit einer Aufwertung ihrer Rolle könnte man einen großen Schatz heben.“ Dafür müssten aber erst die rechtlichen Grundlagen geschaffen werden. Aber das ist eine andere Geschichte.

V. Weilguni, Ärzte Woche 42/2013

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