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DDr. Claudius Ratschew Pressereferent der Österreichischen Zahnärztekammer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Mag. Johanna Mikl-Leitner Bundesministerin für Inneres, ÖAAB-Bundesobfrau

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Mag. Bernhard Wurzer Generaldirektor-Stellvertreter im Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger

 
Gesundheitspolitik 14. Oktober 2013

Standpunkte: Gratis-Zahnspangen aus der Tabaksteuer?

Bundesgesundheitsminister Stöger hat eine langjährige Forderung der Zahnärzte aufgegriffen und will die Gratis-Zahnspange nun endlich umsetzen. Zur Finanzierung soll Geld aus der Tabaksteuer zweckgebunden werden.

Rechtzeitig noch kurz vor der Nationalratswahl – es sei ein Schalk, wer Zusammenhänge vermutet – hat Bundesminister Alois Stöger ein Zahngesundheitspaket für Kinder und Jugendliche vorgestellt, das die Streichung der Selbstbehalte bei Zahnspangen, Zahnersatz und Mundhygiene vorsieht. Zahnspangen, egal ob abnehmbar oder festsitzend, sollen zukünftig also, geht es nach den Plänen des Ministers, bei Jugendlichen bis 19 Jahre in vollem Umfang von den Kassen bezahlt werden. Zusätzlich soll für alle Jugendlichen ab dem dreizehnten Lebensjahr die Mundhygiene einmal pro Jahr gratis angeboten werden. Die Kosten dafür schätzt das Bundesministerium für Gesundheit auf jährlich 120 bis 130 Millionen Euro. So altbekannt die Forderung nach einer Anpassung des Leistungskatalogs in der Zahngesundheit an die Bedürfnisse der Zeit an sich ist, so innovativ und politisch außergewöhnlich erscheint das Finanzierungsmodell, das Stöger dafür vorschlägt: Zahlen sollen das nämlich die Raucher. 1,6 Milliarden Euro werden jährlich mit der Tabaksteuer eingenommen, daran werden auch die jüngst vom EU-Parlament beschlossenen Schutzmaßnahmen und Schockbilder zumindest kurzfristig kaum etwas ändern. Nicht einmal zehn Prozent der Steuereinnahmen würden laut Rechnung von Minister Stöger also bereits ausreichen, um das Zahngesundheitspaket zu finanzieren: „Das müssen uns unsere Kinder wert sein.“


Leistungen aus der Zahn-Steinzeit

Ratschew: „Gespannt, ob sich nach der Wahl jemand an die Forderungen des Ministers an sich selbst erinnern wird.“

Gesundheitsminister Stöger forderte nicht zufällig kurz vor der Nationalratswahl, dass Zahnspangen und festsitzender Zahnersatz – Kronen, Brücken und Implantate – für Kinder und Jugendliche bis zum Alter von 18 Jahren künftighin zur Gänze von der Krankenkasse bezahlt werden sollen. Da stellt sich mir jetzt aber schon die Frage, von wem Stöger dies nun fordert, schließlich trägt er selbst seit fünf Jahren die politische Verantwortung dafür. Er hätte also schon eine ganze Legislaturperiode lang Zeit dazu gehabt, selbst die ersten Schritte in diese Richtung zu setzen. Die Zahnärztekammer vertritt seine jüngsten „Forderungen“ nämlich schon seit vielen Jahren, stieß damit allerdings bei Stöger selbst sowie beim Hauptverband der Österreichischen Sozialversicherungsträger, der mit uns gemeinsam die vertragliche Basis dafür zu schaffen hätte, bis heute stets auf taube Ohren. In Wahrheit wurde der Zahnärztekammer seitens der diesbezüglich politisch Verantwortlichen seit über zwei Jahren viel mehr bereits jedes Reformgespräch in diese Richtung verweigert.

Der Vorschlag Stögers, diese neuen Leistungen angeblich aus den Mitteln der Tabaksteuer finanzieren zu wollen, dürfte ebenso eine Milchmädchenrechnung sein, die er vielleicht vorher besser mit der Finanzministerin abgesprochen hätte. Leere Versprechungen und schöne Worte hin oder her, Tatsache ist, dass die Gesundheitspolitik unseren Patienten im Jahr 2013 immer noch einen zahnärztlichen Kassenvertrag aus dem Jahr 1957 zumutet, dessen Leistungsspektrum großteils auch der damaligen Zeit entspricht, also aus der „Zahn-Steinzeit“ stammt. Ich bin schon sehr gespannt, ob sich nach dem Urnengang noch irgendjemand im Parlament an die „Forderungen“ von Gesundheitsminister Stöger an sich selbst erinnern wird. Wenn bei amtierenden Ministern nämlich wenige Tage vor einer Nationalratswahl plötzlich der imaginäre Heiligenschein zu drücken beginnt, dann ist an der Ernsthaftigkeit ihrer Forderungen stets allergrößter Zweifel angebracht. Denn an der Zahnärztekammer sind Verbesserungen für unsere Patienten jedenfalls noch nie gescheitert.


Kindergesundheit im Vordergrund

Mikl-Leitner: „Der ÖAAB fordert seit Langem eine Entlastung der Familien durch Kostenübernahme von Zahnspangen.“

Zahnspangen, vor allem festsitzende Zahnspangen, stellen für viele Familien eine große finanzielle Belastung dar. Die Kosten für die Behandlung belaufen sich durchschnittlich auf 6.000 Euro. Daher ist es eine Frage der sozialen Verantwortung, dass die Kosten von den Krankenkassen übernommen werden, wenn eine Kieferregulierung medizinisch notwendig ist. Denn damit werden Folgeschäden vorgebeugt und die betroffenen Familien finanziell entlastet.

Für mich als ÖAAB-Bundesobfrau und Mutter steht die Gesundheit unserer Kinder im Vordergrund. Deshalb begrüße ich es sehr, dass meine bereits seit Monaten präsentierte Forderung der Kostenübernahme bei Zahnspangen nunmehr auch seitens der Krankenkassen erkannt wird. Diese zusätzlichen Leistungen sind finanzierbar, wenn die Krankenkassen ihren Konsolidierungskurs nicht verlassen, und auch die Wiener Gebietskrankenkasse ihren Schuldenberg abgebaut hat. Gesundheitsminister Alois Stöger weiß schon lange von diesen Plänen, hat es aber in seiner fünfjährigen Amtszeit versäumt, diese umzusetzen. Jetzt greift er das Thema auf, um von diesem Versäumnis abzulenken.

Geschlafen hat Minister Stöger auch bei der Reform der Kinderrehabilitation: Österreichweit gibt es etwa 65 Rehabilitationseinrichtungen für Erwachsene. Lediglich drei Einrichtungen bieten überhaupt Kinder- und Jugendlichen-Rehabilitation an, aber keine Einzige ist speziell auf Kinder und Jugendliche ausgerichtet. Daher ist es unser Ziel, wohnortnahe und kindergerechte Rehabilitationsmöglichkeiten zu schaffen, sowohl für die Behandlung nach Unfällen als auch chronischer sowie angeborener Erkrankungen. Wir haben einen Bedarf von mehr als 400 Rehabilitationsplätzen für Kinder und Jugendliche. In keinem Lebensalter ist eine Rehabilitation so vielversprechend wie im Kindesalter und in der Jugendzeit. Wir stehen auf der Seite der Familien – daher wollen wir Zahnspangen auf Krankenschein. Und wir sind für bessere Gesundheitseinrichtungen für Kinder, deshalb setzen wir uns für den Auf- und Ausbau von Kinderrehabilitationszentren ein.


Vitales Interesse an Modernisierung

Wurzer: „Die benötigte Anzahl qualifizierter Zahnärzte mit kieferorthopädischer Ausbildung ist nicht sichergestellt.“

Richtig vorsorgen ist besser als teures Heilen! Das gilt auch für die Zahnmedizin. Die soziale Krankenversicherung hat daher ein vitales Interesse, das Leistungsangebot im Bereich der Kieferorthopädie zu modernisieren und damit der zahnmedizinischen Entwicklung anzupassen. Aus unserer Sicht gilt es aber, finanzielle und auch organisatorische Hürden zu beseitigen.

Die wichtigste Hürde ist eindeutig finanzieller Natur. Etwa 30 bis 40 Prozent der Kinder haben im Bereich der Zahnregulierung einen dringenden Behandlungsbedarf. Für die Eltern bedeutet dies meist eine schwere finanzielle Bürde. Denn im Interesse der Allgemeinheit kann die soziale Krankenversicherung mit ihren Zuschüssen nur einen finanziellen Beitrag leisten, der kaum die Gesamtkosten für eine moderne Zahnregulierung abdeckt. Das ist eine Tatsache, die niemanden zufriedenstellt. Denn eine notwendige, aber unterbliebene kieferorthopädische Behandlung bei Kindern führt im Erwachsenenalter unweigerlich zu hohen Folgekosten. Die Sozialversicherung begrüßt daher Vorschläge, Mittel aus der Tabaksteuer in die Zahngesundheit der Kinder zu investieren und damit die Kosten teilweise, oder in sozial gerechtfertigten Fällen auch zur Gänze, zu übernehmen. In Verhandlungen zwischen Sozialversicherung, Bund und den Interessenvertretern der Zahnärzte sollten dazu rasch Finanzierungsmodelle erarbeitet werden.

Die gesicherte Finanzierung alleine löst aber nicht alle Probleme im Bereich der Zahnmedizin für Kinder. Österreich ist eines der wenigen Länder Europas, wo es keinen Facharzt für Kieferorthopädie gibt. Selbst wenn die finanziellen Fragen geklärt sind, kann die Zahnärzteschaft nicht sicherstellen, dass der Bevölkerung eine ausreichende Anzahl qualifizierter Zahnärzte mit kieferorthopädischer Ausbildung zur Verfügung steht. Das ist aber Voraussetzung für eine Behandlung im Rahmen von Sachleistungen der Krankenversicherungsträger. Hier gibt es für die Interessenvertretung der Zahnärzte ein breites Betätigungsfeld, um eine derartige Ausbildung endlich in Gang zu bringen.

V. Weilguni, Ärzte Woche 42/2013

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