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© Zephyr / SPL / Agentur Focus
Magnetresonanzaufnahme bei einem 60-jährigen Patienten: Flüssigkeit im Pericard nach einer Herzattacke.
 
Gesundheitspolitik 7. Oktober 2013

Ein Blick nach Holland lohnt sich

Ein internationales Expertenteam untersuchte Strukturen und Performances der Klinischen Forschung in Österreich bei Herz- und Kreislauf-Erkrankungen – und fand brachliegendes Potenzial.

Der Medizinische Ausschuss des Österreichischen Wissenschaftsrats, Beratungsgremium des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung, hat die kardiovaskuläre Forschung und Lehre an den MedUnis Graz, Innsbruck und Wien untersucht und daraus Empfehlungen abgeleitet. Diese wurden Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle nun zur weiteren politischen „Bearbeitung“ übergeben. Die im Endbericht festgehaltenen Schwachstellen sind weder besonders neu, noch unerwartet – und in vielen Fällen ein Spiegelbild der grundsätzlichen Probleme im österreichischen Gesundheitswesen: mangelnde Kooperationen zwischen den Universitäten einerseits und zwischen Universität und Krankenhausträger andererseits, mangelnde Transparenz, ein Übergewicht der industriegetriebenen Forschung aufgrund unterdotierter Fördertöpfe sowie fehlende Ressourcen der Ärzte für ihre Forschungstätigkeit im täglichen Routinebetrieb. Wie es besser gehen könnte – und dass das nicht unbedingt eine Frage der Größe sein muss –, zeigt insbesondere das Modell Niederlande.

Nach der Onkologie und den Neurowissenschaften widmete sich der Medizinische Ausschuss des Österreichischen Wissenschaftsrats (ÖWR) nun also dem Thema „Herz- und Kreislauferkrankungen: aktueller Stand in Forschung, Lehre und Krankenversorgung an den Medizinischen Universitäten Graz, Innsbruck und Wien“.

Unter der Leitung von Prof. Thomas Eschenhagen, Sprecher des Deutschen Zentrums für Herz-Kreislauf-Forschung und Direktor der Abteilung für Experimentelle Pharmakologie und Toxikologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, analysierte ein Expertenteam, dem Spezialisten aus Großbritannien, den Niederlanden, der Schweiz und Deutschland angehörten, nicht nur den Status quo, sondern erarbeitete auch Empfehlungen.

Medizinischer Erfolg mit Schattenseiten

„Herz-Kreislauf ist das erfolgreichste medizinische Feld der letzten 30 Jahre. Seit 1980 ist die Sterblichkeit bei Erkrankungen um 64 Prozent zurückgegangen“, sagte Eschenhagen anlässlich der Präsentation des Berichts: „Erfolg hat aber immer auch seine Schattenseiten.“ Da die Ärzte im kardiovaskulären Bereich intensiv in die praktische Krankenversorgung eingebunden sind, sei Grundlagenforschung besonders gefährdet. Es sei nur schwer möglich, „neben einer sehr guten Versorgung, wie sie in Österreich vorzufinden ist, auch in allen Bereichen wissenschaftlich exzellent zu sein.“

Leistungsorientierung aufwerten

Stark vertreten sind die heimischen MedUnis bei großen Grundlagenforschungsprojekten mit internationaler Beteiligung. Ein Problem dabei ist allerdings, dass es sich überwiegend um industriegetriebene Forschung handelt. Selbst initiierte klinische Forschungsprojekte sind deutlich unterrepräsentiert. Das hat laut Prof. Dr. Guido Adler viel mit der Mittelvergabe in der Forschungsförderung zu tun. Neben strukturellen Mängeln und Intransparenz, was die Aufteilung der vorhandenen Ressourcen zwischen Versorgung und Forschung betrifft, wäre es laut dem Vorsitzenden des Medizinischen Ausschusses des ÖWR unbedingt notwendig, die leistungsorientierte Mittelvergabe zu stärken und deren Anteil zu erhöhen. Das derzeitige Modell, wonach allen Universitäten solche Mittel zwar zur Verfügung stehen, diese aber nur fünf bis zehn Prozent des Gesamtetats ausmachen, würde sich nach Ansicht von Adler als Steuerungsinstrument jedenfalls nicht eignen: „Da muss man den Mut haben, 20 bis 30 Prozent nach diesem Prinzip zu vergeben.“

Ungenutzte Potenziale von Kooperationen

Will man einen verbesserten Output in der kardiovaskulären Forschung in Österreich erreichen, müssten aber vor allem auch die arbeitsgruppen- und einrichtungsübergreifenden Kooperationen verbessert werden, fordern die Experten im Bericht. Sie beziehen sich dabei auf Kooperationen zwischen den Universitäten ebenso wie etwa zwischen Universitäten und externen Institutionen oder mit den Krankenhausträgern. Die Potenziale solcher Kooperationen ist im Bericht zu lesen, „scheinen an den Medizinischen Universitäten noch zu wenig genutzt.“

Wie es besser gehen könnte, lässt ein Blick auf das niederländische Erfolgsmodell zumindest erahnen. „Holland ist ein tolles Beispiel, wie kleine Universitäten optimal zusammenarbeiten und was dann an exzellenter klinischer Forschung herauskommt“, zeigt sich Adler von der Performance der Niederländer beeindruckt. Das ließe sich auch mit Zahlen gut untermauern: So ist das Team im Zuge seiner Recherchen auf etwa dreimal so viele wissenschaftliche Publikationen zum Stichwort „kardiovaskulär“ gestoßen wie in Österreich oder Deutschland. Und während hierzulande die Herz-Kreislauf-Forschung unter allen Forschungsfeldern gerade einmal an 42. Stelle kommt, erreicht sie in Holland Rang acht.

Empfehlungen

Um „die Leistungsfähigkeit des kardiovaskulären Forschungsstandorts Österreich mittelfristig zu erhalten bzw. zu steigern“, haben die Experten folgende Forderungen formuliert:

  • Schaffung einer besseren Datentransparenz hinsichtlich der Verteilung von Mitteln auf die klinische Versorgung und die biomedizinische Forschung;
  • Gemeinsame Entwicklung forschungsfreundlicher Strukturen auf Leitungsebene durch Universitäten und Krankenhausträger „im Geiste der Kooperation, nicht der Konkurrenz“;
  • Ausbau der leistungsabhängigen Mittelvergabe;
  • Verstärkte Anreize für kooperative Forschungsprojekte, sowohl inner-, als auch extrauniversitärer Art;
  • Kooperationsforschungsprojekte zwischen den Medizinischen Universitäten besonders bei seltenen Krankheiten und selbst initiierten Studien;
  • Gezielte Förderung der akademisch getriebenen klinischen Forschung; das bisherige KLIF-Programm des Wissenschaftsfonds ist dafür finanziell deutlich zu gering ausgestattet.
  • Ausbau und internationale Zertifizierung der österreichischen PhD-Programme
  • Intensivierung der Forschungsaktivitäten im Bereich der kardiovaskulären Bildgebung;
  • Räumliche Zusammenführung der kardiovaskulären Forschung;
  • Flächendeckende Versorgung durch Chest Pain Units, Einrichtung interdisziplinärer Herzzentren und Hybrid-OPs.

Reaktion von Wissenschaftsminister Töchterle

„Grundlegende Prinzipien, die den Empfehlungen des Wissenschaftsrates zugrunde liegen, werden bereits gelebt“, sagte Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle auf Anfrage der Ärzte Woche. So bildet sich etwa die empfohlene „stärkere Betonung der leistungsabhängigen Mittelvergabe“ in der Vergabe der Kooperationsmittel ab, bei denen auch die drei Medizinischen Universitäten mit mehreren Projekten zum Zug kamen. Der Minister zeigt sich auch darüber erfreut, dass „das vor drei Jahren beim FWF als Pilotprojekt eingerichtete Programm zur Klinischen Forschung (KLIF) mit starker Qualitätsorientierung erfolgreich genutzt“ würde. Aus diesem Grund wird der FWF das Programm von einer Pilotphase in sein reguläres Förderportfolio aufnehmen.

Wissenschaftsminister Töchterle weist außerdem darauf hin, dass „die kardiovaskuläre Forschung in Österreich an allen drei Standorten eine deutliche Steigerung erfahren hat, was sich auch in internationalen Vergleichen deutlich zeigt.“ Die Schwerpunkte der drei Medizinischen Universitäten seien zwar unterschiedlich, aber jeweils durch eine deutliche Steigerung der Publikationen gekennzeichnet.

Die Umsetzung von entsprechenden kardiovaskulären Zentren sei derzeit mit den jeweiligen Krankenanstaltenträgern im Gespräch, so Töchterle, wobei aber „die derzeit bestehenden organisatorischen und baulichen Strukturen beachtet werden müssen“. Der Minister räumt aber ein, dass die Kooperation sowohl zwischen den Universitäten, als auch mit den Krankenanstaltenträgern „noch verbessert werden könne. Das wird auch Gegenstand künftiger Gespräche sein, sowohl mit den Universitäten als auch mit den Krankenanstaltenträgern.“

V. Weilguni, Ärzte Woche 41/2013

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