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Gesundheitspolitik 26. September 2013

Exzellenz als Stolperstein

Editorial


„Exzellenz strahlt aus und zieht an", stellte Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle jüngst stolz fest, als die 100. Zuteilung eines ERC Grants für ein österreichisches Forschungsprojekt bekanntgegeben wurde. Diese Förderung durch den Europäischen Forschungsrat ist mit einer beträchtlichen Summe Geldes verbunden. Seit 2007 haben Wissenschaftler für die österreichischen Universitäten und Forschungseinrichtungen über diesen Fonds insgesamt etwa 138 Millionen Euro erhalten. Dies sei, so der Wissenschaftsminister, „eine äußerst erfreuliche Bestätigung für die Spitzenforschung." Als einzigem Förderkriterium in der Grundlagenwissenschaft habe sich Österreich zum Prinzip der wissenschaftlichen Exzellenz bekannt. Eine etwas provokante Schlussfolgerung: Wird Exzellenz also nun mit dem Indikator der zugeteilten Geldmittel gemessen?

Ehrenwerter Anspruch - Skepsis bei der Umsetzung

Die Entscheidungsgremien, Experten und Bewertungskriterien mögen sicher ambitioniert und mit den besten Absichten arbeiten und festgelegt werden. Die uralte Frage, was denn Qualität ist – und damit Exzellenz – wird dennoch immer nur in einer Annäherung möglich sein. Die Beurteilung bleibt von zahlreichen Faktoren, Interessenslagen und Denkmustern abhängig – also von den jeweiligen handelnden Personen. Gleichzeitig könnte aber ein rein automatisiertes System ebenso wenig Aufschluss über die tatsächliche herausragende Qualität eines Projekts oder einer wissenschaftlichen Arbeit geben, denn die so ermittelten „Bestleistungen" würden lediglich eine Aussage darüber geben, ob die Kriterien eingehalten wurden – und nichts über den Inhalt oder auch mögliche Auswirkungen, Zusammenhänge und die gesellschaftliche Relevanz.

Deutsche Gründlichkeit mit drastischen Folgen

Unsere Deutschen Nachbarn haben die „Exzellenz"-Diskussion bereits sehr gründlich betrieben. Da gibt es Exzellenz-Universitäten – elf Stück in ganz Deutschland, es gibt Exzellenz-Cluster, Exzellenz-Initiativen und natürlich einen Exzellenz-Wettbewerb. Man muss sich offenbar immer messen – und besser sein als die anderen. Und um diese Exzellenz auch immer wieder hervorkehren zu können, muss beurteilt werden, muss also evaluiert werden – mit Konsequenzen. Das treibt bisweilen seltsame Blüten.

So wurde vor etwas mehr als zehn Jahren in Deutschland die Amtsbezeichnung „Juniorprofessur" eingeführt, mit der Absicht jungen Wissenschaftlern mit herausragender Promotion aber ohne Habilitation unabhängige Forschung und Lehre an Hochschulen zu ermöglichen und sie für die Berufung auf eine Lebenszeitprofessur zu qualifizieren. Soweit so gut. Allerdings handelt es sich dabei um eine befristete Qualifikationsstelle mit dem schwergewichtigen Instrumentarium einer Zwischenevaluation, die über den weiteren Karriereweg des Betroffenen entscheidet. Wie immer diese Evaluation auch gestaltet sein mag, das Ergebnis stellt fest, ob die Berufungsfähigkeit auf eine unbefristete Professur besteht – dann wird das Arbeitsverhältnis an der jeweiligen Universität um sechs bzw. sieben Jahre verlängert. Ist das Ergebnis jedoch negativ, so wird der Juniorprofessor als „nicht für die wissenschaftliche Karriere geeignet beurteilt". Und zwar generell, nicht nur an dieser einen Hochschule, denn man gesteht dem solchermaßen negativ Beurteilten noch eine Fristverlängerung der Anstellung um ein Jahr zu, damit der Übergang in den außerhochschulischen Arbeitsmarkt erleichtert wird. Das scheint doch ein ziemlich absoluter Anspruch, wenn nicht sogar eine Anmaßung zu sein, mit gravierenden Folgen für den Einzelnen, aber auch für die Universitäten. Manch Einer mag sich ob solcher Aussichten erst gar nicht bewerben – und seinen Forschergeist in freundlicherem Umfeld blühen lassen.

meint Ihre

Verena Kienast
Springer-Verlag GmbH
SpringerMedizin/Editor

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