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© Klaus Rose
 
Gesundheitspolitik 30. September 2013

Aktionstag Gesundheit Oberösterreich 2013: Diabetes

Die Möglichkeiten zur Früherkennung von Diabetes und der strukturierten Betreuung sind vielfältig. Eine integrierte Versorgung am Best Point of Service ist notwendig.

Der Aktionstag Gesundheit Oberösterreich 2013 Diabetes am 18. September, eine Initiative der Apothekerkammer Oberösterreich gemeinsam mit AM Plus, Land OÖ und ORF OÖ, gab Anlass über die wichtigsten präventiven Maßnahmen sowie den Status quo der Diabetes Früherkennung zu berichten. Da von den jährlich rund 1.200 neuen Dialysepatienten jeder Dritte an Diabetes erkrankt ist, wurde auch dieser Aspekt der chronischen Krankheit thematisiert, ebenso wie die Folgekosten sowie die Möglichkeiten zur Kostendämpfung durch eine strukturierte Früherkennung.

Derzeit gibt es rund 600.000 diagnostizierte Diabetespatienten, davon 74.000 in Oberösterreich. Besonders ab dem 40. Lebensjahr sowie unter Kindern und Jugendlichen erhöht sich die Prävalenz, an Typ-2-Diabetes zu erkranken. Die steigende Zahl an Betroffenen zeigt, wie wichtig eine frühzeitige Diagnose, die rechtzeitige Behandlung und eine strukturierte Versorgung sind, um Folgeschäden wie etwa eine Nierenfunktionsstörung hintanzuhalten. Optimale Möglichkeiten dazu bieten vor allem Disease Management Programme (DMP) zur strukturierten Versorgung, die in einem Primary-Health-Care-Konzept mit interdisziplinären Versorgungsmodellen, wie sie im Rahmen der Gesundheitsreform beschlossen wurden und in den Bundesländern umgesetzt werden sollen. „Gerade am Beispiel Diabetes zeigt sich, wie wichtig Prävention für die Vorbeugung, Früherkennung und Behandlung sowie für die Entstehung und den Verlauf von Krankheiten ist. Um diese Bemühungen zu verstärken, haben das Land Oberösterreich und die Oberösterreichische Gebietskrankenkasse (OÖGKK) eine Präventionsoffensive gestartet. Mit dem Präventionsprogramm ’Gesundes Oberösterreich‘ wollen wir die Menschen bereits ab den jungen Jahren zu einer gesünderen Lebensweise motivieren. Mit neuen und bewährten Initiativen versuchen wir mit verhaltens- und verhältnispräventiven Ansätzen, eine nachhaltige Wirkung auf die Gesundheit zu erzielen“, erklärt Landeshauptmann und Gesundheitsreferent Dr. Josef Pühringer.

Information steht an erster Stelle

Durch ein breites Informationsangebot, wie es etwa der Aktionstag Gesundheit OÖ bietet, sollen Neuerkrankungen verringert werden. „Der Aktionstag Gesundheit steht im Zeichen der Förderung der Zusammenarbeit im extramuralen Bereich, die den effizienten Einsatz der Mittel unterstützt. Mit unserer Initiative wollen wir die Kooperation zwischen den vorhandenen Gesundheitsprogrammen fördern, um die bestmögliche Versorgung der Bevölkerung zu gewährleisten“, betont Mag. pharm. Dr. Ulrike Mursch-Edlmayr, Präsidentin der Oberösterreichischen Apothekerkammer.

Größere Rolle für Apotheker

Ein weiteres Zeugnis für das Engagement in Oberösterreich ist das Disease Management Programm „Therapie aktiv“ – in einem Pilotprojekt erstmalig die Einbindung der Apotheker in die Früherkennung und integrierte Betreuung von Patienten mit Typ-2-Diabetes stattfindet. „Ein wichtiges Ziel der Gesundheitspolitik ist, Patienten mit Diabetes frühzeitig zu finden und sie einer angemessenen Behandlung zuzuführen. Wir Apotheker beraten und betreuen täglich viele unserer Kunden in Gesundheitsfragen und bemühen uns, bei den Patienten eine erhöhte Compliance zu erreichen, damit die ärztliche Therapie auch erfolgreich umgesetzt wird. Das Konzept der integrierten Versorgung soll Diabetiker in eine noch bessere Betreuungssituation versetzen und die Unerkannten in rasche ärztliche Betreuung bringen“, so Mursch-Edlmayr über die Ziele. Dazu Pühringer: „Regional und auch überregional sind in die Betreuung von an Diabetes Erkrankten eine große Zahl an Institutionen und Berufsgruppen eingebunden. Apotheken spielen dabei in der niederschwelligen Aufklärung und Beratung in Gesundheitsfragen eine wichtige Rolle, vor allem im Bereich der sicheren Medikamentenanwendung.“

DMP „Therapie aktiv“

Die Einbindung der Apotheken ist auch eine Chance noch deutlich mehr Diabetespatienten für das wirksame DMP „Therapie aktiv“ zu gewinnen. Mag. Franz Kiesl, MPM, Ressortdirektor für den Bereich Vertragspartner und Gesundheitsförderung der OÖGKK: „Diabetes ist eine der schwerwiegendsten Zivilisationskrankheiten. Die Ursachen sind vor allem falsche Ernährung und Bewegungsmangel. Die Folgen für Betroffene sind dramatisch, reichen bis hin zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Amputationen oder Erblindung – auch für Angehörige eine schwere Belastung. Zudem ist Diabetes eine strukturelle und finanzielle Herausforderung für das Gesundheitssystem. Die OÖGKK ist sich der Tragweite der Erkrankung bewusst. Umso vielschichtiger sind unsere Maßnahmen im Kampf gegen Diabetes:

• Gesundheitsförderung steht an erster Stelle: Die OÖGKK setzt bereits beim Verhalten und den Lebensverhältnissen an, um das Entstehen von Diabetes möglichst hintanzuhalten. Unter dem Titel „... von Anfang an!“ halten wir Workshops für Schwangere und junge Mütter, beispielsweise zur gesunden Ernährung von Mutter und Baby. Von Ernährungs- und Bewegungsangeboten für Schüler bis hin zur Betrieblichen Gesundheitsförderung (BGF) bietet die OÖGKK weitere gesundheitsförderliche Angebote.

• Konkrete Diabetes-Risiken wie insbesondere Übergewicht bzw. Adipositas zu bekämpfen, ist das zweite Handlungsfeld der OÖGKK. Kursangebote wie „Kim Kilo“, „Gemeinsam bewegen – leicht genießen“ oder „Surf dich schlank“, ein neues Online-Angebot zum Abnehmen, unterstützen Versicherte jeden Alters auf ihrem Weg zu einem gesunden Gewicht.

• Für bereits erkrankte Diabetiker hat die OÖGKK – gemeinsam mit der Ärztekammer und dem Land Oberösterreich – „Therapie aktiv“ ins Leben gerufen: Dieses sogenannte „Disease Management Programm“ umfasst standardisierte Leistungen, regelmäßige Kontrollen sowie definierte Betreuungs- und Schulungsmaßnahmen. In enger Kooperation mit den niedergelassenen Ärzten in Oberösterreich waren wir die Ersten, die dieses DMP eingeführt haben. Wir stehen daher heute hinsichtlich Beteiligung von Ärzten und eingeschriebenen Patientinnen und Patienten an der Spitze im Bundesländervergleich. Dennoch orten wir bei „Therapie aktiv“ aber noch Steigerungspotenzial. Denn Studien zeigen uns: Strukturierte Diabetesbetreuung stärkt die Wirksamkeit der Therapie. Gemeinsam mit den Apotheken, der Ärztekammer und dem Land Oberösterreich soll es uns gelingen, das volle Potenzial von „Therapie aktiv“ in Zukunft noch mehr auszuschöpfen.“

Stärkere Vernetzung

Um die Wirksamkeit des Pilotprojekts beurteilen zu können, wird das Zusatzmodul gemeinsam mit dem Kernprogramm „Therapie aktiv“ von der OÖGKK in Zusammenarbeit mit dem österreichweiten Competence Center und dem oberösterreichischen Institut für Gesundheitsplanung evaluiert.

Zum Teilaspekt der Früherkennung mit dem sogenannten FINDRISK-Fragebogen konnte schon eine erste Zwischenauswertung durchgeführt werden. Dr. Erwin Rebhandl, Allgemeinmediziner und Präsident der Initiative AM PLUS, beurteilt die Teilnahme der Patienten als gut: Insgesamt liegen 2.085 verwertbare Datensätze aus 38 teilnehmenden Apotheken vor. Davon weisen 845 Personen (41%) einen FINDRISK-Score von zwölf oder höher auf. 696 Patienten (33%) wurden zur ärztlichen Untersuchung überwiesen. Nur von 102 Personen (15%) gab es eine verwertbare Rückmeldung. Insgesamt weist ein Viertel dieser Patienten eine Glukosestoffwechselstörung auf.

Als Schwachpunkt sieht Dr. Erwin Rebhandl die mangelnde Rückmeldung von Ärzten und Patienten. Die Gründe hierfür können einerseits auf Seite der Probanden liegen, andererseits aber durch die mangelnde Akzeptanz des Projekts in der Ärzteschaft bedingt sein. Die Umsetzung der Gesundheitsreform verlangt gerade im extramuralen Bereich nach einer stärkeren Vernetzung der regionalen Leistungsanbieter. Rebhandl weist darauf hin, dass das Primary-Health-Care-Modell für die Probleme in der Grundversorgung durchaus Lösungen bereithält.

„Der Gesundheitsförderung und Prävention wird in diesem Modell breiter Raum gegeben. So kann es entscheidend zur Qualitätssteigerung und Ökonomisierung des Gesundheitssystems beitragen. Dabei geht es um die Schaffung eines modernen, wohnortnahen und extramuralen Versorgungsnetzwerkes. Der Hausarzt, der Teil eines multidisziplinären Teams ist, fungiert dabei als Koordinator und meist erste Ansprechstelle und werde in seiner Arbeit von Vertretern verschiedenster Gesundheitsberufe unterstützt.“

Strukturierte Versorgung

Da von den jährlich rund 1.200 neuen Dialysefällen ein Drittel Diabetiker sind, gilt es künftig auch die strukturierte Versorgung der Niere zu fördern. Prof. Dr. Erich Pohanka, Präsident der ÖGN und Leiter der II. Medizinischen Abteilung, AKH Linz erklärt: „Eine Erkrankung der Niere erhöht das Risiko für eine Herz- und Gefäßerkrankung bis zum Zehnfachen, besonders unerkannter Diabetes und Bluthochdruck sind hierfür Risikofaktoren. Diabetes ist nachgewiesenermaßen die häufigste Ursache für Blindheit bei Erwerbstätigen und eine Dialyse. Neben einem umfassenden Therapieangebot in spezialisierten Zentren müssen wir vermehrt Bewusstsein für die Erkrankung schaffen und Personen mit hohem Risiko oder gar einer manifesten Erkrankung frühzeitig herausfiltern.“ Das Anliegen der ÖGN ist die systematische Früherkennung durch Patientenscreenings in den Risikogruppen – das sind etwa 400.000 Personen mit Diabetes, Hypertonie und/oder Adipositas in einem Netzwerk aus Allgemeinmedizinern und Experten. Diese sollten rechtzeitig in der Lage sein, zu selektionieren, wer in einem ersten Schritt an einen Nephrologen überwiesen werden soll bzw. wer in einem weiteren Schritt eine Form von Nierenersatztherapie benötigen wird.

Die jährlichen Behandlungskosten eines Dialysepatienten betragen 65.000 Euro, bei mehr als 4.000 Dialysepatienten sind das Jahreskosten von 260 bis 270 Millionen Euro. Vom System kaum wahrgenommen werden jene Patienten, die bereits eine eingeschränkte Nierenfunktion haben, aber noch nicht einer Dialysebehandlung unterzogen werden. Von dieser Gruppe müssen rechtzeitig jene herausgefiltert werden, die das größte Risiko für eine Verschlechterung ihres Gesundheitszustands haben. Ohne strukturierte Programme bleibt die Diagnose ein Zufallsbefund, da die Abnahme der Nierenfunktion „stumm“ verläuft. Um dem entgegen zu wirken, muss die Überprüfung von Früherkennungsmarkern einheitlich von den Kassen refundiert werden.

 

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