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Usula Frohner

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Prof. Dr.Thomas Szekeres

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Ingrid Rottenhofer, DGKS
 
Gesundheitspolitik 2. Oktober 2013

Streit um Kompetenzen: Wer soll zukünftig was dürfen?

Die öffentliche Diskussion rund um das neue Gesundheits- und Krankenpflegegesetz ist von Sachlichkeit weit entfernt, die Positionen der Verhandlungspartner sind es hingegen nicht.

Mehrere Tageszeitungen berichteten von „großer Aufregung“ unter der Ärzteschaft, weil laut Vorschlägen der Gesundheit Österreich GmbH zum neuen Gesundheits- und Krankenpflegegesetz zukünftig „auch Krankenschwestern operieren dürfen“ sollen. „So wird das natürlich nicht kommen. Operieren dürfen auch in Zukunft nur Ärzte“, gab daraufhin ein Sprecher des Gesundheitsministeriums zu Protokoll, um die Wogen zu glätten. Derzeit sei eine Arbeitsgruppe, der auch Mediziner angehören, dabei, Vorschläge einzuholen, welche Richtung man künftig einschlagen sollte. Das vorliegende erste Diskussionspapier spiegle daher „extreme Wünsche“ der Berufsgruppen wider, die ihre Positionen einbringen würden. Es geht also wieder einmal um die Kompetenzverteilung zwischen Ärzten und Pflege, um Verantwortung, Kooperation und Kapazitätsgrenzen, um Personalengpässe und demografische Herausforderungen. Das Thema ist nicht neu, aber trotzdem immer gut für Missverständnisse und Konfliktpotenzial. Nicht zufällig wurde das enge und doch scheinbar so schwierige Verhältnis zwischen Medizin und Pflege auch bei den Gesundheitsgesprächen in Alpbach an prominenter Stelle in den „Verbesserungskatalog“ aufgenommen, indem von Experten ein „Ende der Eitelkeiten“ gefordert wurde. Eine Verbesserung der Kooperation zwischen den Gesundheitsberufen wurde als das vordringliche gesundheitspolitische Ziel der kommenden Jahre definiert.


Nichts als heiße Luft

„Vorschläge und die aktuelle Diskussion darüber sind weder abgehoben noch realitätsfern.“

Usula Frohner, Präsidentin des Österreichischen Gesundheits- und Krankenpflegeverbands

Viel medialen Staub hat der Entwurf der Gesundheit Österreich GmbH über die Konkretisierung der Reformansätze für Gesundheits- und Krankenpflegeberufe aufgewirbelt, der im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit derzeit bearbeitet wird. Die Österreichische Ärztekammer fühlte sich in der Person von Kurienobmann Mayer bemüßigt, vor „operierenden Krankenschwestern“ zu warnen.

Worum geht es denn in Wirklichkeit? Zweifellos liegt hier ein sinnvoller Diskussionsentwurf vor, der nichts anderes als west- und nordeuropäische Realitäten reflektiert. Im Heraufdämmern begrenzter finanzieller Ressourcen und immer knapper werdender Ärztezahlen geht es darum, spezialisiertes OP-Pflegepersonal für genau definierte chirurgische Handlungen, wie zum Beispiel eine Venenentnahme in der Bypasschirurgie, heranzuziehen. Für solche Handlungen ist gezielt ausgebildetes und routiniertes Pflegepersonal besser einsetzbar als dauernd wechselnde Jungchirurgen, die dieser Tätigkeit bald überdrüssig sind. Jeder Arzt weiß – und wird es auch zugeben –, dass er wichtige Teile der kleinen Chirurgie auch von erfahrenen chirurgischen Ambulanz- und OP-Schwestern gelernt hat. Alles lange bekannt und in weiten Teilen Europas heute kein Thema mehr.

Was bleibt somit übrig vom Medienhype? Nichts als heiße Luft. Dem gegenüber gilt es, klaren Kopf zu bewahren, um konstruktiv über die Durchführung und die Delegation von Tätigkeiten aus dem Bereich der chirurgischen Assistenz zu diskutieren und internationale Erfahrungen auszuwerten. Diese Diskussion ist im Jahr 2013 weder abgehoben noch realitätsfern.

Zuvor gilt es allerdings – wie auch vom Wiener Ärztekammerpräsidenten Szekeres deutlich angesprochen – die Abteilungen mit genügend diplomiertem Pflegepersonal auszustatten. Darüber hinaus ist der Wust von berufsfremden Tätigkeiten endlich zu beseitigen, damit alle Gesundheitsberufe ihr Fachwissen, ihr Können und ihre Kompetenzen gezielt einsetzen können. Diese Aufgabe ist vordringlich und bildet die Voraussetzung für eine geordnete und konstruktive Diskussion über die Zusammenarbeit der Gesundheitsberufe.


Abgehoben und realitätsfern

„Im Gesundheitssystem sollten Mitarbeiter immer dort eingesetzt werden, wo ihre Expertise ist.“

Prof. Dr.Thomas Szekeres, Präsident der Ärztekammer für Wien

Die derzeitige Diskussion um die Kompetenzerweiterung der Pflegeberufe ist an Skurrilität nicht zu überbieten. Trotzdem bin ich froh über diesen kurzen medialen Hype, denn: Derzeit machen Krankenschwestern und -pfleger oft Hilfsarbeiten, während Ärztinnen und Ärzte Aufgaben des Pflegepersonals übernehmen müssen. Das ist das wahre Problem, und nicht die Frage, ob Angehörige des Pflegedienstes ärztliche Aufgaben wie Operieren übernehmen sollten. Das ist abgehoben und realitätsfern.

Beachten wir bitte, dass es sowohl im Pflegebereich als auch bei Turnusärzten und einigen Facharztgruppen bereits heute einen Fachkräftemangel gibt. Dieser wird sich in den kommenden Jahren aufgrund von Pensionierungen noch weiter verschärfen. Darüber hinaus verlassen immer mehr Medizinabsolventen Österreich in Richtung Ausland.

Dafür gibt es viele Gründe. Einer aber – und nicht der unwichtigste – ist, dass ärztliches Personal zu oft für administrative Tätigkeiten verwendet wird. Sinnvoller wäre es, Stationsadministratoren dafür einzusetzen. Mit dieser Forderung stoßen wir bei den politisch Verantwortlichen sowie den meisten Krankenanstaltenträgern aber auf taube Ohren.

Ein weiteres Problem: Da Hilfskräften fehlen, muss diplomiertes Pflegepersonal oft deren Tätigkeiten durchführen. Parallel dazu ist der Arbeitsalltag von Ärztinnen und Ärzten mit Tätigkeiten gefüllt, die bereits heute aufgrund der gesetzlichen Möglichkeiten von diplomierten Pflegekräften durchgeführt werden könnten. Ich denke hier insbesondere an Blutdruckmessen, Blut abnehmen sowie das Umhängen von Infusionen.

Bevor wir also über die Möglichkeit, Operationen durch Pflegekräfte durchführen zu lassen, diskutieren, sollte man die raren Mitarbeiter im Gesundheitssystem dort einsetzen, wo ihre Expertise liegt. Es macht Sinn, dass einschlägig ausgebildete Ärztinnen und Ärzte riskante medizinische Eingriffe wie Operationen durchführen, und die ebenfalls hoch spezialisierten Pflegekräfte, aber eben auf anderen Gebieten, Tätigkeiten übernehmen, für die sie tatsächlich ausgebildet wurden. Das ist Sache, und nichts anderes.


Entwurf als Diskussionsgrundlage

„Vorschläge zur bedarfsorientierten Weiterentwicklung der Aufgaben- und Kompetenzprofile.“

Ingrid Rottenhofer, DGKS, Leiterin der Abteilung Gesundheitsberufe der Gesundheit Österreich GmbH

Weder die Gesundheit Österreich GmbH, GÖG, noch das Bundesministerium für Gesundheit sind im Rahmen von Reformvorhaben daran interessiert, Ärzte durch Pflegepersonen zu ersetzen und diese in Zukunft unter anderem operieren zu lassen, wie es aus dem Kontext gerissen in manchen Medien behauptet wird. Woran die GÖG aber interessiert ist, ist die seriöse Information der Bevölkerung über Hintergrund, Intention und Inhalt der Vorschläge zur bedarfsorientierten Weiterentwicklung der Aufgaben- und Kompetenzprofile der Gesundheits- und Krankenpflegeberufe. Der vorliegende Erstentwurf stellt eine erste Diskussionsgrundlage dar. Darüber hinaus ist die GÖG im Rahmen der Bearbeitung von Aufträgen und Projekten zu strukturierter, systematischer und evidenzbasierter Vorgangsweise sowie dem Prinzip der Allparteilichkeit verpflichtet.

Aus diesem Grund ist die Konkretisierung der im publizierten Bericht zur Evaluierung der Ausbildungsbereiche der Gesundheits- und Krankenpflegeberufe (Anm.: Rappold et al. 2012) skizzierten Reformansätze bis zur Fertigstellung eines ausgereiften Gesamtkonzepts in einem achtstufigen Verfahren organisiert. In einem ersten Schritt werden aus fachpflegerischer Perspektive Vorschläge erarbeitet und im zweiten Schritt einer ersten Reflexion in den multiprofessionellen Arbeitsteams zugeführt. Der Diskurs mit den anderen Gesundheitsberufen – insbesondere der Ärzteschaft – ist ab der Stufe 3 vorgesehen und seit 2. September 2013 eingeleitet. Bis zur Entscheidung des Gesamtkonzepts in einem achten und letzten Schritt werden alle Stakeholder – inklusive gesetzliche und andere Interessenvertretungen – eingeladen, ihre Expertise einzubringen.

Ziel der GÖG ist, dem Bundesministerium als Auftraggeber Ende 2014 ein ausgereiftes und abgestimmtes Gesamtkonzept zur Weiterentwicklung der Gesundheits- und Krankenpflegeberufe zu unterbreiten, bei dem es sicher keine Kompromisse bei der Qualität geben wird. Fakt ist, die Evaluierung und Konkretisierung der Reformansätze ist noch lange nicht abgeschlossen und im Operationssaal werden auch in Zukunft nur Ärzte operieren!

V. Weilguni, Ärzte Woche 40/2013

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