zur Navigation zum Inhalt
© Frank Leonhardt/dpa
Welche Lösungen bieten die wahlwerbenden Parteien gegen den Landarztmangel an? Die Wähler sind bald am Wort.
 
Gesundheitspolitik 18. September 2013

Landärzte ins Regierungsprogramm

Das System der Landmedizin ist bedroht, die Lage mancherorts schon heute prekär. Übermorgen wird sie dramatisch sein, wenn nichts geschieht. Die Politik zeigt guten Willen. Aber reicht das?

Junge Ärzte braucht das Land. Was für Österreich insgesamt gilt, gilt in besonderem Maße für die Allgemeinmedizin – und nochmals verschärft für die Allgemeinmedizin in der Peripherie. Es muss dringend etwas geschehen, um Image und Attraktivität des Landarztes zu steigern. Nicht übermorgen, sondern morgen, weil sonst ist niemand mehr da, der die Interessenten noch entsprechend ausbilden kann.

Die aktuellen Ärztezahlen für Österreich, die von der Wirtschaftskammer präsentiert wurden, seien kein Beleg für ein Überangebot an niedergelassenen Ärzten für Allgemeinmedizin, wie das da und dort interpretiert wurde, sondern das genaue Gegenteil, analysiert Ärztekammerpräsident Dr. Artur Wechselberger. Erst der zweite Blick in die Details zeige das ganze Dilemma der allgemeinmedizinischen Versorgung in Österreich.

Laut WKO kommen 1,6 Allgemeinmediziner auf 1.000 Österreicher. Das ist fast doppelt so viel wie in der OECD. Soweit die Statistik. Tatsächlich führt aber von den erfassten Allgemeinmedizinern weniger als die Hälfte eine allgemeinmedizinische Praxis und ist damit als versorgungsrelevant zu betrachten, rechnet die Österreichische Ärztekammer (ÖÄK) nach. Als Kassenarzt arbeitet gar nur ein Drittel, rund 3.800 Ärzte. 1.600 davon praktizieren als Landärzte, in Gemeinden bis zu 3.000 Einwohner. Sie betreuen 3,6 Millionen Patienten.

Mehr als die Hälfte der 1.800 praktizierenden Landärzte wird innerhalb des nächsten Jahrzehnts in Pension gehen. In manchen Bundesländern – etwa in Kärnten und der Steiermark – sind es sogar zwei Drittel, in einzelnen Regionen wie dem obersteirischen Bezirk Bruck fast drei Viertel. Die Nachfrage, die schon jetzt vielerorts nur mit Mühe befriedigt werden kann, wird sich also in den kommenden Jahren nochmals dramatisch erhöhen. Das Angebot wird gleichzeitig knapper, vor allem das an Jungärzten, die bereits sind, ihre urbane Ausbildungssituation gegen eine nur vermeintliche „Landidylle“ einzutauschen.

„Gerade für den von der Politik angekündigten Aufbau eines Primary Health Care Systems braucht man deutlich mehr niedergelassene Allgemeinmediziner“, betont Wechselberger. In Österreich sei deren Anteil an der gesamten Ärzteschaft von 40 Prozent im Jahr 1960 auf knapp 16 Prozent gesunken, also auf die Hälfte des internationalen Durchschnitts. Ideal für ein modernes Primärversorgungssystem seien nach wissenschaftlichen Erkenntnissen eher 40 bis 50 Prozent. Woher aber nehmen?

Es finden sich immer weniger Bewerber für freie Stellen. Je weiter weg von den urbanen Zentren, desto schwieriger gestalten sich Nachbesetzungen. Beispiel Oberösterreich: 2001 kamen noch fünf Bewerber auf eine Landarztstelle, im Vorjahr waren es gerade einmal 1,2 Bewerberinnen oder Bewerber. Beispiel Niederösterreich: Trotz Mehrfachausschreibungen hat sich die Zahl der Bewerber von 2008 auf 2012 halbiert. Tendenz weiter fallend.

Dass sich die Situation weiter zuspitzen wird, zeigt ein Blick auf die Altersstatistik: 28 Prozent der Landärzte sind bereits über 60 Jahre, noch einmal 28 Prozent zwischen 55 und 60. Innerhalb der nächsten zehn Jahre werden also 56 Prozent der am Land praktizierenden Mediziner aus dem Berufsleben ausscheiden. Angesichts dieser Zahlen verwundert die drastische Formulierung von Dr. Gert Wiegele, Obmann der Bundessektion Allgemeinmedizin, kaum, wenn er nach dem Status quo der Landmedizin gefragt wird: „Es brennt.“ „Wenn die Politik nicht gemeinsam mit den Sozialversicherungen konkrete Maßnahmen einleitet, dann nimmt sie bewusst Verschlechterungen der medizinischen Versorgung für die Landbevölkerung in Kauf“, assistiert Wechselberger. Maßnahmen brauche es vor allem in der Ausbildung und bei den Arbeitsbedingungen von Landärzten.

Ausbildung

In der Ausbildung der Allgemeinmediziner hinkt Österreich leider weit hinterher. Europaweit gibt es bereits in 17 Ländern eine eigene Facharztausbildung, hierzulande sind die Verantwortlichen über ein Reformpapier bisher nicht hinausgekommen. Seit Monaten geht in dieser Angelegenheit wenig weiter. Grund dafür sind laut Wechselberger „schwerwiegende Meinungsunterschiede“ zwischen den Verhandlungspartnern. Vorgesehen ist laut Arbeitsgruppe eine Verlängerung der Ausbildung um ein Jahr, wobei dieses Jahr– nach Ansicht der Ärztekammer – definiert wurden aber im Entwurf sechs Monate bis ein Jahr, in einer Lehrpraxis zu absolvieren sind. Dazu braucht es eine Änderung des Ärztegesetzes, jedoch fehlt derzeit noch der Konsens. Auch die Finanzierungsfrage ist ungeklärt.

Wechselberger sieht für die Notwendigkeit einer verpflichtenden Lehrpraxis in der Ausbildung nicht nur medizinische Motive: „Wir brauchen unbedingt einen Teil der Ausbildung in einer Lehrpraxis. Wenn Jungmediziner in ihrer Ausbildung nur im Spital praktizieren und die Landmedizin nie selbst kennenlernen, werden sie auch nicht den Wunsch verspüren, später als Landmediziner zu arbeiten.“

Neben der Einführung einer verpflichtenden Lehrpraxis muss nach Ansicht der Ärztevertretung aber auch die Qualität in der Allgemeinmedizinerausbildung insgesamt, also auch im Krankenhaus-Turnus verbessert werden. So ist es derzeit zwar in der Fachausbildung verpflichtend, jedem Arzt in Ausbildung einen Facharzt zur Seite zu stellen, bei den Allgemeinmedizinern gibt es eine solche Regelung aber nicht. Da können auch gern einmal fünf Turnusärzte von einem ausbildenden Arzt kommen.

Was der Motivation von Jungärzten, ihr Glück am Land zu versuchen, nach eigenen Angaben oft im Weg steht, sind die aus ihrer Sicht unattraktiven Arbeitsbedingungen und die dafür als nicht leistungsgerecht empfundenen Vergütungssysteme. Unattraktive Arbeitsbedingungen, das sind unflexible Arbeitszeitmodelle mit finanzieller Benachteiligung für jene, die mehr Patienten betreuen – oder diesen mehr Zeit widmen – als vertraglich vorgesehen, unzumutbare Bereitschaftsdienste, eingeschränkte Kooperationsmöglichkeit und hohe Investitionskosten.

Vor allem weibliche Interessenten sehen oft kaum eine Möglichkeit, eine Aufgabe als Landärztin mit ihren familiären Interessen zu verbinden, argumentiert Dr. Susanne Zitterl-Mair, Landärztin in Tirol: „Wir Ärztinnen stecken in dem Dilemma zwischen optimaler Patientenbetreuung und optimaler Familienbetreuung.“ Die Politik sei deshalb gefordert, Frauen zu entlasten, will sie dem Trend der fortschreitenden Feminisierung in der Medizin Rechnung tragen. Derzeit sind nur 21 Prozent der Landärzte Frauen, das liegt weit unter dem Schnitt und hat wohl mit erwähntem Dilemma zu tun. Eine Entlastung könnte laut Zitterl-Mair etwa die Möglichkeit flexiblerer Kooperationsmodelle in Form von Gruppenpraxen, Time-Sharing- und Vertretungsmodellen oder auch Angestellten-Modellen, sein, aber auch zusätzlicher Kinderbetreuungsplätze oder familienfreundlicherer Bereitschaftsmodelle.

„Wir Landärzte brauchen ein sozioökonomisches Biotop, in dem wir arbeiten und mit unseren Familien leben können“, fasst Wiegele die Forderungen der Ärzteschaft an die kommende Bundesregierung zusammen. Die Politiker zeigen in einer Umfrage zwar Verständnis für die Problematik, kommen über Allgemeinplätze und die übliche Vorwahlrhetorik allerdings kaum hinaus. Wiegele kündigt Hartnäckigkeit an: „Ich kann der Politik garantieren, wir werden auch nach der Regierungsbildung am Ball bleiben. Wir werden lästig sein!“

Eine große Aufgabe wird das allemal. Schließlich geht es nicht um marginale Veränderungen da und kleine Verbesserungen dort, sondern um eine radikale Reform. Oder wie Wechselberger sagt: „Wir müssen das ganze System umdenken. Wir müssen davon wegkommen, an etwas festzuhalten, weil es halt immer so war.“

Oppositionsstimmen zu den Forderungen

„Die FPÖ will ein leistungsorientiertes Honorarsystem, um den Landarzt wieder attraktiv zu machen.“

„Die Grünen wollen durch die Länder und Kassen gestellte Bonussysteme für Landärzte, Versorgungslücken schließen und einheitliche Qualitätsstandards.“

„Das BZÖ will die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Landärzte ebenso verbessern wie die unattraktiven, familienfeindlichen Arbeitszeiten.“

„Das Team Stronach will eine bessere Honorierung. Diese sollte durch eine monatliche prozentuelle Prämie finanziert werden, die vom Bürger kommen soll.“

„Die NEOS wollen einheitlich eine höhere Abgeltung der Arbeitsbelastung und zusätzlicher Stunden sowie eine vollständige Überarbeitung des Leistungskatalogs.“

V. Weilguni, Ärzte Woche 38/2013

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben