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Gesundheitspolitik 10. September 2013

Problemfeld Landmedizin

Immer weniger Bewerber sind bereit, eine Landarztstelle zu übernehmen.

Die Politik hat das Problem zwar erkannt, eine Lösung steht allerdings aus. Die Österreichische Ärztekammer (ÖÄK) fordert nun im Vorfeld der Wahlen von den kandidierenden Parteien und der neuen Regierung verbindliche Zusagen und eine aktive Politik zur Förderung der Landmedizin.

 

"Wenn die Politik nicht gemeinsam mit den Sozialversicherungen konkrete Maßnahmen einleitet, dann nimmt sie bewusst Verschlechterungen der medizinischen Versorgung für die Landbevölkerung in Kauf", sagte ÖÄK-Präsident Artur Wechselberger auf einer Pressekonferenz.

Es bleibe zu hoffen, dass in der kommenden Legislaturperiode rasch Maßnahmen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen von Landärztinnen und -ärzten einsetzen, damit sich auch in Zukunft Jungmediziner für diesen Beruf entscheiden. Das bedeute vor allem: leistungsgerechte Vergütungssysteme, flexible Arbeitszeitmodelle, geregelte und zumutbare Bereitschaftsdienste am Wochenende und in der Nacht, liberale Formen der ärztlichen Zusammenarbeit, Kinderbetreuung, Unterstützung bei der Organisation von Ordinations- und Wohnraum, Sicherstellung bestehender und Einrichtung neuer Hausapotheken, weniger Bürokratie und ungestörte ärztliche Therapiefreiheit.

Förderung der Hausärzte

Die Gesundheitsreform habe sich auch eine Entlastung der Spitäler und eine Stärkung der Primärversorgung durch Hausärzte zum Ziel gesetzt, so Wechselberger. Das erfordere einen Ausbau der zeitlichen Verfügbarkeit und des medizinischen Angebots der Landarztpraxen, was einen Mehraufwand für die Ordinationen und zusätzlichen Finanzierungbedarf der Krankenkassen bringen werde, betonte der Ärztepräsident. Als Nagelprobe einer konstruktiven Versorgungsreform in der Primärversorgung werde sich auch die Novelle der Ausbildung der Allgemeinmediziner erweisen. Nur eine verbesserte Turnusausbildung in den Krankenhäusern kombiniert mit einer verpflichtenden Lehrpraxistätigkeit in Ordinationen erfahrener Allgemeinmediziner könnte die fachlichen Grundlagen bringen, die gerade in Landarztpraxen gebraucht würden.

Viele Probleme der Landmedizin könnten auch durch eine konsequente Umsetzung des Haus- und Vertrauensarzt-Modells der ÖÄK gelöst werden, ergänzte der Obmann der Bundessektion Allgemeinmedizin, Gert Wiegele, der selbst Landarzt in Kärnten ist. Bis zum heutigen Tag sei nichts geschehen - sehe man von wortreichen Beteuerungen zur Stärkung der Rolle des Haus- und Vertrauensarztes in Regierungsprogrammen und Stellungnahmen ab.

Die ärztliche Versorgung sichern

Immerhin 43 Prozent der österreichischen Bevölkerung sind von der Frage, wie es mit der medizinischen Versorgung auf dem Land weitergeht, betroffen. Sie werden von rund 1800 Ärztinnen und Ärzten betreut. Wie sich die Situation zuspitzen wird, zeigt ein Blick auf die Altersstatistik: 28 Prozent der Landärztinnen und Landärzte ist bereits über 60 Jahre, ebenfalls 28 Prozent zwischen 55 und 60. Innerhalb der nächsten zehn Jahre werden also 56 Prozent aus dem Berufsleben ausscheiden.

Spitzenreiter sind Kärnten (67 Prozent) und Steiermark (66 Prozent), wo in den nächsten zehn Jahren zwei Drittel der Landärztinnen und Landärzte das Pensionsalter erreichen. Es folgen Burgenland (60 Prozent), Oberösterreich (54 Prozent), Niederösterreich (52 Prozent), Tirol (51 Prozent), Salzburg (48 Prozent) und Vorarlberg (46 Prozent).

Bewerbermangel

Doch es finden sich immer weniger Bewerber für freie Stellen. In Vorarlberg gab es im vergangenen Jahr für fünf Stellen nur jeweils einen Bewerber, eine Stelle war dreimal ausgeschrieben worden. Noch Anfang der 2000er-Jahre musste in diesem Bundesland keine einzige Stelle zweimal ausgeschrieben werden. In Oberösterreich kamen 2001 noch fünf Bewerber auf eine Landarztstelle, im Vorjahr waren es durchschnittlich 1,2. In Niederösterreich hat sich die Zahl der Bewerber trotz Mehrfachausschreibungen von 2008 auf 2012 halbiert und in Salzburg wurden mangels Bewerber zwei Ordinationen in namhaften Tourismusgemeinden ruhend gestellt.

 

Nur 21 Prozent der Landärzte ist gegenwärtig weiblich, während der Frauenanteil in der Medizin rapide steigt. Die Zukunft der Landmedizin wird daher wesentlich davon abhängen, ob es gelingt, Frauen für diese Tätigkeit zu gewinnen. Susanne Zitterl- Mair, Landärztin in Thaur/Tirol, wünscht sich dafür vorrangig unkomplizierte Formen der ärztlichen Zusammenarbeit. "Die jetzige Situation macht es Frauen mit Familie und Kindern nicht leicht, Landärztin zu werden. Der Beruf fordert vollen Einsatz und es ist ganz schwierig, allen Anforderungen gerecht zu werden." Timesharing, praktikable Gruppenpraxen und flexible Vertretungsmodelle seien zentrale Voraussetzungen, die Mehrfachbelastungen arbeitsteilig halbwegs in Griff zu bekommen. "Auf dem Land ist man immer in Bereitschaft, das Telefon ist immer eingeschaltet, Privatleben und Familie müssen oft zurückstecken", so Zitterl-Mair. Um bedürfnisgerechte ärztliche Kooperationen einzuführen, bedürfe es allerdings auch des Wegfalls von Limiten und Deckelungen in den bestehenden Leistungsverträgen mit den Krankenkassen.

Hausapotheken gefährdert

Die derzeit 885 Hausapotheken stellten für Landarztpraxen einen unverzichtbaren Einkommensbestandteil dar, führte Wiegele weiter aus. Ab Ende 2013 müssen ärztliche Hausapotheken auch in Gemeinden mit zwei Kassen-Allgemeinmedizinern bei Eröffnung einer öffentlichen Apotheke schließen. Um den Übergang zu erleichtern, dürfen Landärzte eine Hausapotheke dann zwar noch drei Jahre lang betreiben, nicht aber an einen Nachfolger abgeben. Wiegele: "Der Verlust der Hausapotheke gefährdet die wirtschaftliche Basis einer Praxis auf dem Land, was immer öfter dazu führt, dass Landärzte abwandern oder früher als geplant in den Ruhestand treten." Zurück blieben unversorgte Patienten, denn es sei nahezu unmöglich, Nachfolger für eine Landarztpraxis ohne Hausapotheke zu finden.

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