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Gesundheitspolitik 12. September 2013

Es braucht einen langen Atem

Dr. Pamela Rendi-Wagner, im Bundesministerium für Gesundheit verantwortlich für Public Health, im Exklusivinterview mit der Ärzte Woche, über die Konkretisierung der Rahmengesundheitsziele, die Gesundheitsrevolution des 21. Jahrhunderts und noch nicht überwundene Social Gaps.

Als Sektionschefin Öffentliche Gesundheit war Rendi-Wagner maßgeblich am Zustandekommen der Rahmengesundheitsziele beteiligt. Jetzt will sie den „partnerschaftlichen Umsetzungsprozess“ unterstützen und – falls nötig – entsprechend vorantreiben.

Österreich hat mit der Erstellung der Rahmengesundheitsziele einen auch international anerkannten ersten Schritt geschafft: Sektoren übergreifendes Denken in der Gesundheitspolitik. Wird die neu gewonnene Kooperationskultur auch die Umsetzung überstehen?

Rendi-Wagner: Gemeinsam mit Bürgern und Experten aus allen Politik- und Lebensbereichen wurden zehn Gesundheitsziele für Österreich erarbeitet, die dazu führen sollen, dass Menschen zwei Jahre länger bei guter Gesundheit leben können. In einem ersten Schritt ist es gelungen, verschiedene Stakeholder und Interessenvertretungen mit ihren unterschiedlichen Stärken und Bedürfnissen abzuholen und gemeinsam Motivallianzen zu schmieden. Mittels Dialog sollte es gelingen, Verantwortung und Bewusstsein für den Themenbereich Gesundheit außerhalb des traditionellen gesundheitlichen Handlungsfeldes zu schaffen. So wurde in den letzten zwei Jahren der Grundstein für eine gemeinsame Sichtweise, Verantwortung und schließlich die Basis für einen künftigen partnerschaftlichen Umsetzungsprozess gelegt.

Klar ist, dass nicht nur die Gestaltung der Ziele, sondern auch die Konkretisierung und Umsetzung an dem Ansatz Health in all Policies angelehnt sein sollten. Die Zukunftsfähigkeit dieser neuen gesamtgesellschaftlichen Gesundheitsstrategie hängt dabei wesentlich von einer verbindlichen Verankerung sowie einer kohärenten Steuerung ab. Dabei ist es entscheidend, die bisherige Kultur des Dialogs und des Austausches auch dann beizubehalten, wenn es um Umsetzung und Finanzierung geht. Dazu braucht es einen gut geführten Prozess mit Dialogstruktur und einen langen Atem. Beides bringen wir mit.

Ein großes Thema der Reform ist Gesundheitsförderung und Prävention. Neun der zehn Rahmengesundheitsziele formulieren Präventivmaßnahmen. Es gibt auch zusätzliche Mittel vom Bund dafür, was aber bisher fehlt, ist eine „nationale Gesundheitsförderungsstrategie“.

Rendi-Wagner: llona Kickbusch meinte in einem Vortrag in Alpbach, die Gesundheitsrevolution des 21. Jahrhunderts wäre die Förderung der Gesundheit in den vielfältigen Lebens- und Konsumwelten des modernen Alltags. Gesundheitssysteme, die derzeit noch stark kurativ ausgerichtet sind, bedürfen einer neuen Orientierung in Richtung Gesundheit. Es geht also darum, den Blick von Krankheit auf Gesundheit zu richten.

Im Rahmen der Bundeszielsteuerung haben sich Bund, Länder und Sozialversicherung dazu bekannt, im Gesundheitsbereich konkrete Ziele umzusetzen, wobei der Gesundheitsförderung und Prävention erfreulicherweise eine zentrale Rolle beigemessen wird. Bis Ende 2013 werden wir ein Konzept für eine nationale Gesundheitsförderungsstrategie partnerschaftlich erarbeiten und der Bundesgesundheitskommission vorlegen. Sie soll erstmals eine zielorientierte Programmentwicklung mit Fokus auf ausgewählte Handlungsschwerpunkte ermöglichen. Wichtig in diesem Zusammenhang ist eine unabhängige wissenschaftliche Beobachtung, ein transparentes und verpflichtendes Monitoring, auch das ist im Bundeszielsteuerungsvertrag festgehalten.

Stichwort Gesundheitskompetenz: Während Ziel 3 auf eine Stärkung der Kompetenz in der Bevölkerung abzielt, forderten Experten in Alpbach einen breiteren Ansatz, der auch die Akteure in den Gesundheitsberufen selbst einbezieht.

Rendi-Wagner: Im Frühjahr hat die intersektorale Arbeitsgruppe des Rahmengesundheitsziels Gesundheitskompetenz mit der gemeinsamen Erarbeitung des Strategie- und Maßnahmenkonzepts begonnen, das bis Ende des Jahres abgeschlossen sein wird.

Schon bei den ersten Arbeitstreffen stellte sich heraus, dass wir die Handlungsfelder viel breiter denken müssen. So soll neben der Förderung der persönlichen Gesundheitskompetenz auch das Gesundheitssystem unter Einbeziehung der Beteiligten und Betroffenen gesundheitskompetenter gemacht werden. Ebenso soll das Thema Gesundheitskompetenz stärker im Dienstleistungs- und Produktionssektor verankert werden.

Kritisiert wurde in Alpbach auch das Fehlen einer transparenten Informationspolitik. Kaum jemand würde über Rahmengesundheitsziele Bescheid wissen. Gibt es hier akuten Handlungsbedarf des Ministeriums?

Rendi-Wagner: Als die Idee der Rahmengesundheitsziele geboren wurde, war es uns wichtig, die Meinung und Bedürfnisse der Bevölkerung einzuholen. In einem webbasierten Diskussionsforum wurden mehr als 4.000 Einträge gesammelt. Uns ist bewusst, dass wir unsere Aktivitäten zukünftig noch stärker in die Öffentlichkeit tragen müssen. Deshalb haben wir auch, sobald konkrete Umsetzungsmaßnahmen einzelner Rahmengesundheitsziele vereinbart wurden, eine begleitende Kommunikationsmaßnahme angedacht. Es ist nicht nur wichtig, Menschen über unsere Aktivitäten transparent zu informieren, die Sichtbarmachung der Themen trägt wesentlich dazu bei, damit die Prozesse und Entwicklungen möglichst breit mitgetragen werden, auch von der Bevölkerung.

Können Sie jetzt schon drei konkrete Maßnahmen nennen, wie man relativ rasch und wirksam eine Verbesserung der Gesundheitskompetenz herbeiführen will?

Rendi-Wagner: Der Zielsteuerungsvertrag sieht beispielsweise die Konzipierung eines bundesweit einheitlichen Rahmens für einen telefon- und webbasierten Erstkontakt- und Beratungsservice einschließlich Implementierung vor. Auch sollen die laufenden Gesundheitsportale ausgebaut werden, basierend auf evidenzgesichertem Wissen. Zudem wird der Teilnahme an EU-Studien zum Thema Gesundheitskompetenz hohe Bedeutung zugesprochen.

Ziel 2 strebt nach der „gesundheitlichen Chancengleichheit“. Ein großes Ziel, wenn man die Entwicklung in der Praxis sieht, die hohe Korrelation zwischen Gesundheit, Lebenserwartung und sozioökonomischen Bedingungen.

Rendi-Wagner: Das Thema soziale Benachteiligung und Gesundheit hat sowohl in Österreich als auch auf EU-Ebene in den letzten Jahren deutlich an Aufmerksamkeit gewonnen. Vor wenigen Wochen wurde deshalb auch das Rahmengesundheitsziel zur gesundheitlichen Chancengerechtigkeit auf die dringliche Agenda zur Umsetzung gesetzt und eine eigene Arbeitsgruppe eingerichtet.

Die Bedeutung liegt auf der Hand: Menschen mit sozialer Benachteiligung erleben besondere gesundheitliche Belastungen, etwa aufgrund der Lebenssituation, von Übergewicht oder schlechter Zahngesundheit - hier sehe ich einen besonders erhöhten Bedarf im Bereich Gesundheitsförderung und Prävention. Dem stehen allerdings Mängel bei der Erreichbarkeit der Zielgruppe und Effektivität gegenüber. Darüber hinaus müssen wir uns aber im Klaren sein, dass die Gesundheit der Bevölkerung durch eine Vielzahl von individuellen, sozioökonomischen und gesellschaftlichen Faktoren beeinflusst wird. Gesundheitliche Chancengerechtigkeit sehe ich daher als eine sehr wichtige Querschnittsthematik, sie kann nur durch gebündelte Anstrengungen in allen Politikfeldern wirksam und nachhaltig gefördert werden. Das meint, dass Gesundheit ebenso Thema bei der Erstellung von Verkehrskonzepten, bei Bauvorhaben und in der Sozial- und Bildungspolitik ist, um nur einige beispielhaft aufzugreifen. Gesundheit ist eben nicht nur reine Privatsache.

Das Interview führte V. Weilguni.

Informationen zu den Rahmengesundheitszielen unter: www.gesundheitsziele-oesterreich.at

  

Zur Person

Dr. Pamela Rendi-Wagner

Dr. Pamela Rendi-Wagner leitet seit März 2011 die Sektion III, Öffentliche Gesundheit und medizinische Angelegenheiten im Bundesministerium für Gesundheit. Nach ihrer Ausbildung zum Facharzt für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin in Wien und London habilitierte sie an der Medizinischen Universität Wien, sie forschte in den Bereichen Infektionsepidemiologie, Vakzinprävention und Reisemedizin; seit 2008 Gastprofessur an der Tel Aviv University, Israel; seit 2011 Gastdozentur an der Medizinischen Universität Wien.

Weilguni V. , Ärzte Woche 37/2013

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