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© Quelle: ÖÄK
Im Juli waren 8.341 der insgesamt 16.119 angestellten berufsberechtigten ÄrztInnen und 4.028 der insgesamt 6.609 TurnusärztInnen Frauen. Von den österreichweit 1.450 Primariatsposten haben Frauen aber nur 198 inne.
 
Gesundheitspolitik 2. September 2013

Familienfreundlichere Arbeitsmodelle für Ärztinnen

Die Hälfte aller SpitalsärztInnen ist inzwischen weiblich, Tendenz steigend. Um die klinische Versorgung abzusichern, braucht es flexible Lösungen anstelle starrer Strukturen.

Auch wenn der steigende Frauenanteil in der österreichischen Spitalsärzteschaft niemanden überraschen kann, wurde es bisher trotzdem verabsäumt, die Rahmenbedingungen entsprechend anzupassen. Laut einer aktuellen Studie des Instituts für Empirische Sozialforschung sehen daher viele Ärztinnen ihre berufliche Zukunft nicht im Spital. Als Beweggründe nennen sie überlange Dienstzeiten, unflexible Arbeitsbedingungen sowie fehlende Kinderbetreuungseinrichtungen.

„Ich sehe Handlungsbedarf an allen Ecken und Enden“, sagt Dr. Harald Mayer, Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer und Obmann der Bundeskurie Angestellte Ärzte, anlässlich der Präsentation der IFES-Studienergebnisse. Bevor er sich aber den speziellen Anliegen seiner weiblichen Berufskolleginnen zuwendet, nützt Mayer die Gelegenheit für eine grundsätzliche Kritik an den geltenden Arbeitszeitregelungen in Österreichs Krankenhäusern: „Die aktuelle politische Diskussion rund um den Zwölf-Stunden-Arbeitstag verfolge ich mit großem Erstaunen. Während der Gedanke an eine Flexibilisierung der täglichen Arbeitszeit rund um die Zehn-Stunden-Grenze österreichweit für große Aufregung sorgt, interessiert unsere Forderung nach einer gesetzlichen Begrenzung der zulässigen Dienstdauer von Spitalsärzten auf maximal 25 Stunden offenbar niemanden.“

Spitalsärzten dürfen derzeit bis zu 32 Stunden, am Wochenende sogar bis zu 49 Stunden am Stück arbeiten. Das sei weder Ärzten noch Patienten zuzumuten, findet Mayer. Für die einen sei es „Raubbau an der eigenen Gesundheit“, die anderen wiederum hätten das Recht, von einem ausgeruhten Arzt versorgt zu werden.

Die in der IFES-Studie befragten ÄrztInnen sehen das offensichtlich ähnlich: Ihre Zustimmung zu einer gesetzlichen Beschränkung der maximal zulässigen Dienstdauer auf 25 Stunden ist mit 80 Prozent so hoch wie noch nie zuvor. „Hier besteht akuter Handlungsbedarf“, sagt Mayer und fordert die Politik auf, „endlich tätig zu werden. Weil da wird derzeit mit zweierlei Maß gemessen.“

Feminisierung der Medizin

Handlungsbedarf gibt es vor allem auch deshalb, weil der Anteil der Spitalsärztinnen in den heimischen Kliniken steigt. 50 Prozent aller SpitalsärztInnen sind inzwischen weiblich, bei den NeueinsteigerInnen sogar schon 60 Prozent. Das Verhältnis wird sich in den kommenden Jahren noch weiter verschieben: Fast zwei Drittel der in Ausbildung stehenden Turnusärzte sind Frauen.

„Die Feminisierung der Medizin ist ein Faktum, das wir seit Jahren an die Öffentlichkeit tragen, das aber von der Politik beharrlich ignoriert wird“, kritisiert Mayer. Die Politik müsse die Spitalsärztinnen endlich als wesentliche Stützen im Gesundheitssystem wahrnehmen und entsprechend fördern, „ansonsten werden wir die Versorgungsqualität in den Spitälern, wie wir sie jetzt noch kennen, nicht mehr aufrechterhalten können.“

Die Wochenarbeitszeit einer Spitalsärztin ist in den vergangenen Jahren zwar leicht gesunken, von 54 Stunden im Jahr 2010 auf 52,4 Stunden. Von „familienfreundlich“ ist sie damit aber noch ebenso weit entfernt wie von der Wunscharbeitszeit der Ärztinnen selbst, erläutert Mayer: „Die Umfrage hat belegt, dass sich viele Kolleginnen eine 40-Stunden-Woche wünschen würden. Die Rahmenbedingungen lassen das allerdings derzeit nicht zu.“ Zu diesen Rahmenbedingungen zählen durchschnittlich auch 3,9 Nachtdienste pro Monat.

Work-Life-Balance

Es müsse daher politisches Ziel sein, so Mayer, engagierten Ärztinnen die Vereinbarkeit von Arbeit und Familie zu erleichtern, will man sie nicht zu einer Entscheidung dafür oder dagegen zwingen. Immerhin seien JungärztInnen „heute viel energischer, was ihr Streben nach einer vernünftigen Work-Life-Balance betrifft, als wir das früher waren.“ Das Verhältnis zwischen Arbeits- und Freizeit, zwischen Beruf und Privatleben muss stimmen. Ein guter Verdienst ist zwar nach wie vor wichtig, hat aber nicht oberste Priorität. Auch die eigene Gesundheit spielt eine immer stärkere Rolle, Stichwort Burn-out. Ist die Balance nicht gegeben, entscheiden sich viele Ärztinnen lieber für die Familie, ist Mayer überzeugt: „Das ist gut für sie selbst, aber schlecht für die Absicherung der Gesundheitsversorgung in diesem Land.“

Es braucht also dringend geänderte Rahmenbedingungen für Österreichs Spitäler, fordert auch Dr. Brigitte Steininger, Obfrau der Kurie Angestellte Ärzte und Vizepräsidentin der Ärztekammer für Burgenland: „Flexiblere, individuell gestaltbare Arbeitszeiten, familienfreundlichere Dienstmodelle und verbesserte Kinderbetreuungsmöglichkeiten sind ein Gebot der Stunde.“

Die derzeit existierenden Halbzeitstellen hält Steininger allerdings für eher unattraktiv. Die Arbeitgeber wollen das nicht, weil es die Diensteinteilung erschwert, das Team will es nicht, weil es Mehrbelastungen für die anderen Teammitglieder mit sich bringt und die Ärztinnen selbst wollen es oft nicht, weil sich die Arbeit finanziell kaum mehr lohnt.

Als Alternative schlägt die Vizepräsidentin Jobsharing-Modelle vor. Ein System etwa, wo sich zwei Ärztinnen einen Arbeitsplatz teilen und die Arbeitszeit selbst untereinander aufteilen, hätte sowohl für die Ärztinnen als auch die Spitäler Vorteile: „Die Ärztinnen müssten sich nicht in einen engen Dienstplan fügen, sondern könnten selbst entscheiden, wann sie arbeiten wollen bzw. können. Für den Dienstgeber wiederum bedeutet Jobsharing, dass Wissen erhalten bleibt, die Kapazitäten bei hohem Arbeitsaufkommen besser genützt werden können und Ärztinnen, die wegen Urlaub, Krankheit oder Pflegeurlaub ausfallen, leichter vertreten werden können, ohne dass der Betrieb ins Stocken gerät.“

Mütter im Krankenhausbetrieb

Eine Schwangerschaft bedeutet für viele Ärztinnen im Krankenhausbetrieb nicht nur einen Knick in der Karriereleiter – nicht zufällig gibt es bis heute nur eine Handvoll weiblicher Primarärzte, sondern wirkt sich auch unmittelbar finanziell nachteilig aus. Eine Ärztin darf ab Meldung der Schwangerschaft keine Nachtdienste mehr leisten, acht Wochen vor und nach der Geburt besteht ein absolutes Beschäftigungsverbot. Die Ärztin hat in dieser Zeit zwar Anspruch auf Wochengeld, dieses wird aber auf Basis des Einkommens der letzten 13 Wochen vor Beginn des Beschäftigungsverbots bemessen. Aufgrund des Nachtdienste-Verbots sinkt daher nicht nur das Einkommen der werdenden Mütter, sondern es wirkt sich zudem nachteilig auf das Wochengeld aus. Dies sei eine klare Benachteiligung schwangerer Frauen und widerspreche der EU-Mutterschutz-Richtlinie, findet Steininger und fordert eine österreichweite Reform des Gehaltschemas für Spitalsärztinnen mit höheren Grundgehältern, um von der Übergewichtung der Überstunden beim Gesamtverdienst weg zu kommen: „Etwa 40 Prozent des Gehalts setzen sich aus den Nachtdienst-Überstunden zusammen. Das gibt es in keinem anderen Beruf.“

Weiteren Handlungsbedarf sieht die burgenländische Kurienobfrau in Sachen Kinderbetreuung, sowohl was die Anzahl der Plätze als auch die Öffnungszeiten betrifft. Als Vorbild bezeichnet Steininger in diesem Zusammenhang Deutschland, wo es Betriebskindergärten mit ausreichender Kapazität und langen Öffnungszeiten gäbe: „Eine Ärztin kann somit ihr Kind während des Nachtdienstes betreuen lassen. Bei uns ist das ein Ding der Unmöglichkeit. Das ist vor allem für alleinerziehende Mütter kaum machbar.“

Frauenanteile unterschiedlicher Arztgruppen im Zeitablauf

V. Weilguni, Ärzte Woche 36/2013

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