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Gabriele Heinisch-Hosek, Bundesministerin für Frauen und öffentlichen Dienst

(c)Astrid Knie

 

Prof. Dr. Karin Guitierrez-Lobos, Vizerektorin für Lehre, Gender & Diversity, MedUni Wien

(c)MUW

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mirijam Müller, Mitglied des Vorsitzteams ÖH Medizin Wien

(c)Privat

 
Gesundheitspolitik 2. September 2013

Standpunkte: Besser, aber noch nicht gut genug

Frauen haben bei den heuer erstmals an allen drei MedUnis einheitlichen Aufnahmetests zwar besser als in den letzten Jahren, aber immer noch schlechter als die Männer abgeschnitten.

Bei den Aufnahmetests bewarben sich knapp 4.900 Frauen und 3.500 Männer um insgesamt 1.500 Studienplätze. Während bei den BewerberInnen die Frauen mit 58 Prozent also noch klar in der Überzahl waren, gingen am Ende aber nur 48 Prozent der Studienplätze an Frauen. Damit konnte der Gender-Gap gegenüber dem Vorjahr zwar etwas verringert werden, vom angestrebten Ziel, einen für alle BewerberInnen fairen Aufnahmetest anzubieten, ist man aber noch ein Stück entfernt. Zumindest ist es gelungen, die erheblichen Unterschiede zwischen den einzelnen MedUnis auszugleichen: Während die Aufnahmequoten bei Frauen im Vorjahr noch zwischen 42 Prozent in Graz und 47 Prozent in Innsbruck auseinanderklafften, lagen sie heuer zwischen knapp 47 und 49 Prozent immerhin relativ nah beieinander. Während Politik und Universitätsleitungen die Entwicklung insgesamt positiv beurteilen – wie etwa Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle von Bemühungen spricht, die „nun erste Früchte tragen“, zeigen sich viele StudierendenvertreterInnen, etwa jene an der Medizinischen Universität Wien, „äußerst enttäuscht, dass es die Universitäten nicht geschafft haben, einen Test ohne Gender-Gap zu entwickeln“. Das neue, österreichweit einheitliche Aufnahmeverfahren besteht aus einem Wissenstest, einem Textverständnistest und einem Teil, der kognitive Fähigkeiten und Fertigkeiten bewertet. Bewerber für das Zahnmedizin-Studium mussten auch manuelle Fertigkeiten unter Beweis stellen. Zukünftig sollen auch noch soziale Kompetenzen abgeprüft werden.

  

Das Ergebnis ist ermutigend

Heinisch-Hosek: „Die Universitäten zeigen damit, dass ihnen Gleichstellung ein Anliegen ist.“

Der Entschluss der drei MedUnis, ein gemeinsames Aufnahmeverfahren zu entwickeln und anzuwenden, das einen Gender-Bias weitestgehend ausschließt, ist sehr zu begrüßen. Die Universitäten zeigen damit, dass ihnen Gleichstellung ein Anliegen ist und sie Testverfahren, die Frauen strukturell benachteiligen, nicht akzeptieren. Schließlich geht es darum, wer künftig als Arzt oder Ärztin tätig sein wird. Und da muss das Ziel sein, die tatsächlich am besten geeigneten KandidatInnen auszuwählen. Dass sich heuer annähernd gleich viele Frauen wie Männer für ein Studium qualifiziert haben, ist ein ermutigendes Ergebnis und zeigt, dass der richtige Weg eingeschlagen wurde.

Die Gründe, warum ein vermeintlich für alle gleicher Test eben nicht „geschlechtsneutral“ ist, sind vielfältig: Abgesehen von der Konstruktion des Aufnahmeverfahrens an sich, insbesondere wenn ein Interview-Teil dabei ist, der eine subjektive persönliche Einschätzung der KandidatInnen erfordert, spielen Faktoren wie geringeres Selbstvertrauen von Frauen in naturwissenschaftlichen Fächern, hartnäckige Vorurteile, das sei „nichts für Mädchen“, unterschiedliche Bildungswege vor dem Studium und damit ein unterschiedliches Basiswissen in Naturwissenschaften sowie eine generell andere Sozialisierung von Mädchen und Burschen eine Rolle. Das Aufnahmeverfahren für ein Studium ist also nur ein letzter Baustein. Zusätzlich muss man schon früher im (Bildungs-)Leben ansetzen. Im Kindergarten und innerhalb der Familie brauchen alle Kinder den gleichen Anteil an Raum, Zeit und Aufmerksamkeit und die gleichen Entfaltungsmöglichkeiten, um ihre Fähigkeiten auch wirklich entwickeln und ausleben zu können und zu dürfen – unabhängig vom Geschlecht.

Ich bin froh, dass die Medizinunis gemeinsam ein genderneutrales Testverfahren entwickelt haben. Denn die aus Gleichstellungsperspektive einzig richtige Herangehensweise an jedes Auswahlverfahren ist selbstverständlich, von Beginn an einen genderneutralen Test anzuwenden. Denn so muss man nicht im Nachhinein Diskriminierungen ausgleichen, die sich im Vorfeld bereits vermeiden lassen.

  

Noch kein Grund zum Jubeln

Gutierrez-Lobos: „Das neue Konzept scheint jedenfalls in die richtige Richtung zu weisen.“

Der Run auf die Medizinunis nimmt seit Einführung der Aufnahmeverfahren im Jahr 2006 kontinuierlich zu. 8.364 StudienbewerberInnen nahmen heuer am Aufnahmeverfahren an den drei öffentlichen österreichischen Medizinuniversitäten in Wien, Graz und Innsbruck teil. Zur Verfügung stehen insgesamt 1.500 Studienplätze, das heißt: Weniger als 20 Prozent der BewerberInnen werden mit dem Studium tatsächlich beginnen können. Auch das Interesse der weiblichen Studienwerber ist ungebrochen hoch, noch höher als jenes der männlichen. Heuer wurde erstmals unter Leitung von Prof. Arendasy ein gemeinsames Verfahren an allen drei Medizinischen Universitäten durchgeführt. Ein wesentliches Ziel war es, den Test genderfairer als bisher zu gestalten. 48,3 Prozent Frauen haben es in diesem Jahr geschafft. Ein deutlich besseres Ergebnis als in den Jahren davor. Aber noch lange kein Grund zum Jubeln.

Das neue Konzept scheint jedenfalls in die richtige Richtung zu weisen. Immerhin gelang es innerhalb eines Jahres, ein gemeinsames Verfahren auf Grundlage der Erfordernisse des Studiums und des ärztlichen Berufes mit Blick auf Gender-Fairness zu entwickeln. Die Testergebnisse werden nun detailliert analysiert und dem internationalen Advisory Board vorgelegt. Daraus werden sich wichtige Hinweise für die Weiterentwicklung und Gestaltung – auch in Richtung Fairness – ergeben. Für 2014 soll der Aufnahmetest um sozial-emotionale Kompetenzen sowie kommunikative Fähigkeiten erweitert werden. Auch wenn sich die ÖH an der MedUniWien mit dem diesjährigen Ergebnis unzufrieden zeigte, so lässt dies doch den Schluss zu, dass Chancengleichheit der Studierendenvertretung nun ein Anliegen ist und konstruktive Beteiligung möglich sein wird. Und darauf, dass der Blick auf Fairness nicht verloren gehen wird. Es ist dezidiertes Ziel der drei Medizinuniversitäten, die geeignetsten Studierenden unter den Aspekten der Fairness, der Testsicherheit und des Anforderungsprofils an das Medizinstudium auszuwählen. Daran wird von allen Beteiligten mit Hochdruck gearbeitet. Denn es gibt kein klügeres Geschlecht.

Der Ärger mit der Lücke

Müller: „Ergebnisse zeigen, wie viel Arbeit in Sachen Gleichberechtigung noch vor uns liegt.“

Es ist klar, dass ein neu entwickelter Test nicht von Anfang an problemlos funktioniert. Dennoch war vor allem das Beseitigen des Gender-Gaps eines der obersten Ziele und wurde nicht erfüllt. Zugegeben, er wurde geringer, aber wenn man die Zahl der zum Test Angetretenen (41,62 Prozent Männer, 58,38 Prozent Frauen) mit der Zahl der Aufgenommenen (51,17 Prozent Männer, 48,27 Prozent Frauen) vergleicht, wird schnell klar, dass von einem „Alles in Butter“ nicht die Rede sein kann.

Ja, das Problem liegt nicht beim Test alleine, aber Faktoren wie das Schulsystem, die neben dem Test eine große Rolle spielen, sind von der Universität allein nicht beeinflussbar. Umso wichtiger ist es, weiter am Testverfahren zu arbeiten und es so abzuändern, dass der Gender-Gap möglichst gering ausfällt. Gegebenenfalls müssen aber auch andere Zwischenlösungen diskutiert werden, wie es letztes Jahr an der MedUni Wien versucht wurde. Denn das Problem besteht nicht erst seit heuer, sondern bereits seit sieben Jahren. Wissenschaftlich lässt sich nicht erklären, warum jedes Jahr wieder Männer so viel besser zum Medizinstudium geeignet sein sollen, wenn Frauen im Studium dann markant besser abschneiden. In Wirklichkeit zeigt sich durch die Ergebnisse des Tests und die Diskussion darüber nur einmal mehr, wie viel Arbeit in Sachen Gleichberechtigung noch vor uns liegt und auch, wie viel Entnervung einem entgegenschlägt, „wenn die Frauen wieder mal was wollen“.

Es ist nicht einzusehen, warum es, sobald es um Männer geht, die sich diskriminiert fühlen, möglich ist, sogar zusätzliche Studienplätze zu finanzieren, wie es vergangenes Jahr nach der geschlechtergetrennten Auswertung des EMS-Tests passierte. Frauen müssen bereits seit Einführung der Zugangsbeschränkungen 2006 darauf warten, dass sie faire Chancen haben. Es ist ein großer Ärger mit der Lücke bei einem Test, der mehr aus der Not der Mangelverwaltung als aus tatsächlich bildungspolitischen Überlegungen heraus geschaffen wurde. Denn gute Ärzte und Ärztinnen bildet die Universität aus, sie werden nicht durch ein Aufnahmeverfahren selektiert.

V. Weilguni, Ärzte Woche 36/2013

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