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Die entscheidenden Schritte auf dem Weg zu einem nachhaltig leistungsorientierten und effizienten Gesundheitssystem müssen erst noch gesetzt werden.
 
Gesundheitspolitik 26. August 2013

The Job is not done!

Die Schlussfolgerung von Michael Mamot anlässlich des Social Gap in der modernen Medizin ließe sich nahezu perfekt als Conclusio der diesjährigen Alpbacher Gesundheitsgespräche übernehmen.

„Wer entscheidet Gesundheit?“, lautete die sehr offen formulierte Fragestellung der Gesundheitsgespräche im Rahmen des Europäischen Forums Alpbach 2013. Die Debatten und Arbeitsgruppen bewegten sich dann aber inhaltlich doch weitgehend rund um die Entwicklungen und jüngsten Beschlüsse im Rahmen der Gesundheitsreform. Nahezu Einigkeit herrschte über die Richtigkeit und Alternativlosigkeit des damit eingeschlagenen Weges. Vor allem der partnerschaftliche Ansatz und die erstmals erfolgte strategische Ausrichtung einer längerfristigen Gesundheitsplanung wurden immer wieder lobend hervorgehoben. Ebenso unbestritten ist aber auch die Tatsache, dass die entscheidenden Schritte auf dem Weg zu einem nachhaltig leistungsorientierten und effizienten Gesundheitssystem erst noch gesetzt werden müssen.

„The job is not done!“, sagte Prof. Michael Mamot vom Institute of Health Equity, London. Er thematisierte in seinem viel beachteten und heftig diskutierten Einstiegsreferat den massiven Einfluss sozialer Faktoren auf die Gesundheit und vertrat in diesem Zusammenhang die These, dass der Weg vom IST- hin zu einem SOLL-Zustand noch weit sei und dass das Gelingen weder eine Frage des Wissens noch eine der Mittel, sondern ausschließlich eine des Willens sei. Auch wenn sich Mamots Ausführungen dezidiert auf den Social Gap bezogen, den die moderne Medizin bisher nicht schließen konnte, eher das Gegenteil gefördert hätte, so gab er damit eigentlich auch sehr schön das Motto für die gesamte Veranstaltung vor: Es ist vieles passiert in den letzten Jahren, aber der Weg ist noch unglaublich weit. Es gibt keinen Grund, sich selbst zu feiern, nicht einmal in Vorwahl-Zeiten, denn eigentlich ist noch nichts erreicht.

Suche nach den notwendigen nächsten Schritten

In vier Arbeitskreisen wurde daher von den teilnehmenden Experten, die aus allen Bereichen des Gesundheitswesens nach Tirol gereist waren, nach den notwendigen nächsten Schritten gesucht. Die Offenheit der Fragestellung ließ dabei viel Platz für ein breites Spektrum, von der Zukunft der Forschung bis hin zu ethischen Betrachtungen, etwa die Frage, ob moderne Medizin auch Prioritäten setzen darf oder sogar im Interesse der Patienten setzen muss. Bei aller Vielschichtigkeit der Annäherungsversuche an das vorgegebene Thema rückten dann aber doch drei zentrale Begriffe in den Mittelpunkt des Interesses: Kompetenz, Koordination und Kommunikation.

Kompetenz

„Eine effiziente Gesundheitsversorgung braucht nicht mehr Geld, sie braucht besser informierte Ärzte und Patienten“, sagte die Vizepräsidentin des Europäischen Forums Alpbach, Prof. Ursula Schmidt-Erfurth in ihrer Eröffnungsrede und legte damit eines der zentralen Themen fest: „Wie der kompetente Staatsbürger Garant für die Demokratie ist, so sind der kompetente Arzt und der informierte Patient Garanten für ein funktionierendes Gesundheitswesen.“

Wie aus einem Konsumenten von medizinischen Dienstleistungen ein selbstbestimmter, weil gut informierter Patient werden kann, darüber wurde in den Tagen viel diskutiert und auch manches initiiert. So stellte etwa der Hauptverband der Sozialversicherungsträger eine Broschüre mit dem Titel „Kompetent als Patientin und Patient“ vor. „Wir wissen“, sagt der Vorsitzende des Hauptverbandes, Dr. Hans Jörg Schelling, dass viele Maßnahmen im Gesundheitswesen gut sind, aber nicht angenommen werden, weil das Wissen fehlt.“ Die Broschüre soll Informationen und Checklisten bieten, um den Österreichern eine Orientierung für das Stellen der richtigen Fragen und den Zugang zu den adäquaten Stellen im Gesundheitswesen zu bieten. „Es geht um ein neues Verhältnis der Patienten mit den Professionisten im Gesundheitswesen“, erläutert Felice Galle vom Frauengesundheitszentrum Graz, das maßgeblich an der Erarbeitung der Broschüre beteiligt war.

Gleiches gilt auch für die Österreichische Patientenanwaltschaft. Deren Sprecher, Dr. Gerald Bachinger, sieht in der Broschüre einen wichtigen Beitrag in dem „Versuch der Patienten, eine neue Rolle einzunehmen: vom inaktiven, fremd bestimmten Patienten zum selbstbewussten Ko-Produzenten von Gesundheit“. Voraussetzung dafür sei eine Gesundheitserziehung vom Kindergarten bis ins hohe Alter.

Kooperation

Gleich mehrere Forderungen, die im Abschlussprotokoll der Gesundheitsgespräche formuliert wurden, setzten sich mit dem Thema Kooperation auseinander. Gemeint waren damit sowohl bessere Kooperationen innerhalb der einzelnen Berufsgruppen und Institutionen als auch zwischen diesen. Nicht zufällig fand der Wunsch nach einem „Ende der Eitelkeiten – Kooperation zwischen Gesundheitsberufen als gesundheitspolitisches Ziel: Interdisziplinarität statt dichter Grenzen zwischen den einzelnen Berufsgruppen“ am Ende mit fast 80 Prozent die höchste Zustimmung im Plenarsaal.

Eine verbesserte Kooperation sei aber ressortübergreifend auch im politischen Sinn notwendig, wolle man dem zentralen Ziel der Gesundheitsreform „Health in all policies“, auch nur einen Schritt näher kommen, betonte Schmidt-Erfurth: „Gesundheitspolitik kann nur funktionieren, wenn sie in allen Bereichen verankert ist und bei allen Beteiligten oberste Priorität hat.“

Kommunikation

Mehr Kompetenz und verstärke Kooperationen ließen sich schließlich nur auf Basis einer verbesserten Kommunikation erreichen. Auch in diesem Feld wurde die Begriffsbestimmung äußerst weit gefasst. So reichten die Forderungen etwa von der verstärkten Integration von Kommunikationstools in die Medizinerausbildung – manche wollten Kommunikationsfähigkeit sogar zum „Knock-out-Kriterium für alle Gesundheitsberufe“ hochstilisieren – bis hin zu einer transparenten und zielgruppenadäquaten Informationspolitik über die Fortschritte in der Gesundheitsreform im Allgemeinen und die Rahmengesundheitsziele im Besonderen. Schließlich müssten die Informationen über Status und Zukunft des Gesundheitswesens buchstäblich unter die Leute gebracht werden: „Gesundheitsziele sind gut, aber wir müssen sie jetzt auch so kommunizieren, dass wir den einzelnen Bürger erreichen“, sagte ein Teilnehmer des Forums. Davon sei man im Moment jedenfalls noch meilenweit entfernt, wie auch kleine Feldversuche ergaben. Kaum jemand war spontan in der Lage, drei Rahmengesundheitsziele zu nennen – und dazu musste man gar nicht auf die sprichwörtliche Straße gehen, das ließ sich auch gleich vor Ort im Konferenzzentrum überprüfen.

Kompetenz, Kooperation und Kommunikation – die Gesundheitsgespräche in Alpbach arbeiteten zweifelsohne die zentralen Problemfelder des heimischen Gesundheitswesens heraus und machten sie zum Thema. Das ist wichtig und richtig. Aber es ist gleichzeitig ein sehr ambitionierter Anspruch, all das unter einen Hut zu bringen. Manche Teilnehmer meinten dann auch, er sei zu ambitioniert gewesen, weil man „vor lauter Wald die einzelnen Bäume nicht mehr sehen kann“. Es bestünde die Gefahr, dass angesichts der Größe der Ziele die kleinen, konkreten Verbesserungsschritte auf der Strecke bleiben könnten. Einen Schritt nach dem anderen machen – das wäre vielleicht auch einmal ein schönes Motto, das sich gut für Gesundheitsgespräche eignen würde.

Forderungen an die Gesundheitspolitik

In vier Arbeitskreisen setzten sich die Teilnehmer der Gesundheitsgespräche mit folgenden Fragestellungen auseinander: Ist die Forschung frei? Kommunikation in der Medizin; Wer entscheidet, wer setzt Prioritäten? Was ist Gesundheit wert? Gemeinsam wurden „Wünsche an die Gesundheitspolitik“ formuliert und anschließend mittels Digi-Voting priorisiert.

Die Top-7 der Wunschliste:

Ende der Eitelkeiten – Kooperation zwischen Gesundheitsberufen als gesundheitspolitisches Ziel: Interdisziplinarität statt dichter Grenzen zwischen den einzelnen Berufsgruppen.

Qualitätssprung in der Gesundheitskompetenz: Gesundheitserziehung vom Kindergarten bis ins hohe Alter; die Gesundheitsberufe sollten unterstützt, Selbstverantwortung gefördert werden.

„Health in all policies“ in der laufenden Gesundheitsreform tatsächlich leben: Berücksichtigung der Gesundheit bei allen politischen und Verwaltungsentscheidungen.

Stärkung der Bürger durch mehr „Einblick in das System“ : Gesundheitsziele und wesentliche Reformschritte müssen stärker als bisher kommuniziert und vermittelt werden. Hier gibt es derzeit große Informationsdefizite.

Kommunikationsfähigkeit als Knock-out-Kriterium für alle Gesundheitsberufe : verpflichtende, überprüfbare Lernziele in der Ausbildung, Qualitätsmerkmal in der Berufsausübung.

Qualität der gesundheitsspezifischen Forschung verbessern: Auch die Gesundheitsforschung sollte in den Studienplänen verankert werden.

Unabhängige Public Health-Experten nachhaltig aufbauen: Ausbau der Kompetenz in der Versorgungsforschung; das schafft auch die notwendige Expertise zur Evaluierung von Reformschritten.

V. Weilguni, Ärzte Woche 35/2013

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