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Angelika Widhalm, Vorsitzende der Patientenorganisation Hepatitis Hilfe Österreich, Plattform Gesunde Leber, (c)HHÖ

Prof. Dr. Markus Peck-Radosavlevic, Universitätsklinik für Innere Medizin III, Wien (c)priv

DDr. Reinhild Strauss, BMG, III/1, Öffentlicher Gesundheitsdienst, Leiterin Krisenmanagement, (c)priv

 
Gesundheitspolitik 21. August 2013

Patientenorganisation fordert „Nationalen Hepatitisplan“

Laut „Euro Hepatitis Care Index“ liegt Österreich bezüglich Hepatitiserkennung, -prävention und -behandlung nur im europäischen Mittelfeld. Betroffene und Experten wünschen sich eine konsequente Strategie zur Hepatitisabwehr.

Die chronische Virushepatitis, Hepatitis B und Hepatitis C, ist die weltweit häufigste, in Zentraleuropa zweithäufigste Ursache für chronische Leberschäden. Diese können zur Leberzirrhose und in weiterer Folge zu Dekompensation, Krebserkrankung, Lebertransplantation und zum Tod führen. Für den Therapieerfolg entscheidend ist es, dass Patienten mit chronischen Lebererkrankungen möglichst frühzeitig diagnostiziert und an eine spezialisierte Stelle zur Behandlung überwiesen werden. Dazu braucht es nach Ansicht der Patientenorganisation Hepatitis Hilfe Österreich auf der einen Seite ein verstärktes Problembewusstsein seitens der Bevölkerung im Allgemeinen und der Angehörigen bestimmter Risikogruppen im Speziellen, aber auch der behandelnden Primärversorger, und auf der anderen Seite verstärkte und vor allem auch strategisch besser koordinierte Maßnahmen bei der Hepatitisabwehr. Diese müsse alle Aspekte umfassen, von der Vorsorge über die rechtzeitige Erkennung und kompetente Behandlung bis hin zur laufenden Kontrolle, meint Angelika Widhalm, Vorsitzende der Organisation. Um die verschiedenen Bereiche optimal koordinieren zu können, nimmt Widhalm die Gesundheitspolitik in die Pflicht und schlägt die Erstellung eines nationalen Strategieplans vor.

  

Angelika Widhalm: Strategie zur Hepatitisabwehr

„Durch ein frühes Erkennen der Krankheit erspart sich die Volkswirtschaft enorme Kosten.“

In Österreich leiden etwa 200.000 Menschen an einer chronischen Virushepatitis vom Typ B oder C und anderen, mit zahlreichen Neuinfektionen pro Jahr. Die Zahl der Infizierten in Europa beträgt laut WHO etwa 23 Millionen, die Zahl der Todesfälle durch Hepatitis und dadurch verursachte Krankheiten beläuft sich auf bis zu 125.000 jährlich – Tendenz steigend. Weltweit sind etwa zwei Milliarden Menschen Träger des Hepatitis-B-Virus, bei 380 Millionen verläuft die Krankheit chronisch. 170 bis 180 Millionen Menschen sind chronisch an einer Hepatitis C erkrankt. Unbehandelt können beide Virusinfektionen zu Zirrhose und Leberkrebs führen und sind damit Auslöser für weitere ernste Erkrankungen.

Österreich hat bei einem Vergleich unter 27 EU-Mitgliedstaaten, der Schweiz, Norwegen und Kroatien, in Sachen Hepatitiserkennung, -prävention und -behandlung nur den 15. Platz belegt. Der „Euro Hepatitis Care Index“, der im November 2012 in Brüssel vorgestellt wurde, zeigt Schwächen vor allem bei der routinemäßigen Untersuchung der Bevölkerung und in Risikogruppen, sodass eine große Zahl von Infektionen erst spät– oft zu spät – erkannt wird, Folgeschäden auftreten und eine unbewusste Weitergabe des Virus kaum verhindert werden kann.

Wir brauchen, so wie Frankreich und Schottland, einen Plan zur strategischen nationalen Koordinierung bei der Hepatitisabwehr, der alle Aspekte der Vorsorge, Behandlung und Kontrolle umfasst. Die Politik ist aufgefordert, Maßnahmen zu setzen, um die Bewusstseinsbildung über die Erkrankung und die Übertragungswege zu fördern, eine Ausbreitung der Krankheiten zu verhindern und die Bevölkerung – vor allem Risikogruppen – zu motivieren, sich testen zu lassen. Außerdem bedarf es einer gesellschaftspolitischen, gesundheitspolitischen, sozialrechtlichen und arbeitsrechtlichen Absicherung der Betroffenen.

Ein höherer Ertrag der Volkswirtschaft ergibt sich durch den höheren Gesundheitsfaktor und längere Arbeitsfähigkeit der Betroffenen. Dies gilt auch für die Eindämmung der Infektionen durch bessere Aufklärung und einem verstärkten Bewusstsein über Risiken der Ansteckung und Verbreitung.

Prof. Dr. Markus Peck-Radosavljevic: Bewusstsein verbessern

„Die Ressourcen für ein Testen auf das Vorliegen chronischer Virushepatitiden sind vorhanden.“

Unter chronischer Virushepatitis versteht man die chronische Hepatitis B mit und ohne Delta-Superinfektion sowie die chronische Hepatitis C. Die Prävalenz in Österreich wird zwischen 0,3 und 0,5 Prozent für jeweils chronische Hepatitis B und C geschätzt, wobei es für jede dieser Formen eine Dunkelziffer gibt. Der Verlauf dieser Erkrankungen ist in vielen Fällen indolent und führt nie zu einer relevanten Lebererkrankung, in 20 bis 30 Prozent der Fälle kann es jedoch zu schweren Leberschäden bis hin zur Leberzirrhose und in weiterer Folge zu Dekompensation, zum Leberkrebs und zum Tod oder zur Lebertransplantation führen.

Das Problem im Management von Patienten mit chronischer Virushepatitis ist zumindest ein zweifaches: Einerseits kann oft auch bei diagnostizierten Patienten schlecht vorhergesagt werden, wer eine fortschreitende Lebererkrankung entwickeln wird, und andererseits weisen doch nicht wenige Patienten zwar jahrelang erhöhte Leberwerte auf, werden jedoch trotzdem niemals auf das Vorliegen einer chronischen Virushepatitis untersucht. Nachdem dieses Problem nicht nur in Österreich, sondern weltweit auftritt, hat die amerikanische Gesundheitsbehörde letztes Jahr die Empfehlung herausgegeben, dass alle vor 1965 geborenen Personen auf das Vorliegen einer Hepatitis C getestet werden sollten. In Europa fordert die Europäische Lebergesellschaft (EASL) keine Testung der Gesamtbevölkerung, dafür jedoch das flächendeckende Testen von Patienten, die Risikogruppen angehören. Dazu gehören all jene, die vor 1990 eine Bluttransfusion oder Blut und Plasmaprodukte erhalten haben, Plasmaspender waren, intravenösen Drogenabusus betrieben haben, traumatisierende Sexualpraktiken pflegen oder einfach chronisch erhöhte Transaminasen aufweisen, unabhängig davon, ob der Patient regelmäßig Alkohol trinkt oder nicht. Nachdem in Österreich die Ressourcen für ein entsprechendes Testen immer vorhanden waren, besteht das Hauptproblem bei uns in einer Förderung des Bewusstseins zur Testung unter den Kollegen in der Primärversorgung sowie bei den Patienten selbst.

DDr. Reinhild Strauss: Zusätzliche Maßnahmen prüfen

„Das Bundesministerium wird die Sinnhaftigkeit eines nationalen Hepatitisplanes prüfen.“

In Österreich werden seit Jahren Maßnahmen zur Prävention, Bekämpfung und Eindämmung der infektiösen Hepatitis gesetzt. So unterliegen Verdachts-, Erkrankungs- und Todesfälle gemäß Epidemiegesetz der Meldepflicht. Die Impfungen gegen Hepatitis A und Hepatitis B werden im Impfplan empfohlen. Zusätzlich wird auf das kostenlose Kinderimpfprogramm betreffend Hepatitis B aufmerksam gemacht. Die Möglichkeit zur jährlichen Gesundenuntersuchung bietet die Chance, Erkrankungen rechtzeitig zu erkennen. Natürlich wird bei der Blut- und Plasmaspende die Möglichkeit einer Infektion mit Hepatitis kontrolliert. Ebenso wird im Rahmen der Arzneimittelproduktion bei humanen Blutprodukten eine entsprechende Prüfung vorgenommen. Über das Gesundheitsportal www.gesundheit.gv.at werden der Öffentlichkeit qualitätsgesicherte Informationen über infektiöse Hepatitis angeboten.

Selbstverständlich prüft das Bundesministerium für Gesundheit regelmäßig, ob im österreichischen Gesundheitswesen zusätzliche Maßnahmen zielführend sind. Dabei ist die Kosten-Nutzen-Relation zu berücksichtigen, um Steuergelder möglichst effizient einzusetzen und einen nachhaltigen Erfolg zu erzielen. Voraussetzung für jede Maßnahmensetzung ist die Erstellung einer evidenzbasierten IST-Analyse samt davon abgeleiteten Empfehlungen. In weiterer Folge kann durch Behörden, Institutionen, Interessensvertretungen und Experten ein realistischer Maßnahmenkatalog erarbeitet werden. Es besteht aber zweifelsohne auch eine Eigenverantwortlichkeit: Jede Person muss für sich entscheiden, ob die Ratschläge und Angebote genutzt werden. Der Weg in die ärztliche Praxis zur Impfung sowie die jährlichen Gesundenuntersuchungen sind wichtige Maßnahmen, einerseits zur Vermeidung einer Infektion, andererseits zur Früherkennung und Therapie einer bestehenden Erkrankung.

Das Bundesministerium wird trotz der genannten Aktivitäten und darauf aufbauend gern die Sinnhaftigkeit und Machbarkeit eines nationalen Hepatitisplanes prüfen, da die Vermeidung bzw. rasche Therapie dieser schweren Erkrankung ein wichtiges gesundheitspolitisches Anliegen darstellt.

V. Weilguni, Ärzte Woche 34/2013

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