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Dr. Wolfgang Geppert, Sprecher des Österreichischen Hausärzteverbandes.

 
Gesundheitspolitik 12. August 2013

„Wir müssen aus der Negativspirale herauskommen“

Dr. Wolfgang Geppert, Sprecher des Österreichischen Hausärzteverbandes, will mit seinem Forderungskatalog die Hausärzte „vom Abstellgleis holen“.

Der provokante Titel ist nicht zufällig gewählt und gleichsam Programm: Als „Erste Hilfe für die Hausärzte“ bezeichnet Dr. Wolfgang Geppert im Exklusivinterview mit der Ärzte Woche seinen zehn Punkte umfassenden Forderungskatalog, damit niedergelassene Allgemeinmediziner auch zukünftig ihre zentrale Aufgabe im Gesundheitssystem erfüllen können.

Der Sprecher des Österreichischen Hausärzteverbands, Dr. Wolfgang Geppert, wünscht sich dafür von den Entscheidungsträgern „klare Regelungen statt schwammiger österreichischer Lösungen“.

Herr Dr. Geppert, Sie bezeichnen die Beschlüsse zur Gesundheitsreform als „offenkundigen Sieg eines politisch-bürokratischen Ungeistes“, der Hausärzte an der effektiven Ausübung ihrer Aufgabe zu hindern versuche. Was meinen Sie damit konkret?

Geppert: Aus meiner Sicht fehlt der Gesundheitsreform der klare politische Wille, auf den Allgemeinmediziner und seine unbestreitbaren Leistungen zu setzen. Im Gegenteil, durch die Reform werden dramatische gesundheitspolitische Fehler festgeschrieben. Das gefährdet langfristig die medizinische Versorgung. Schon heute sind in Österreich laut unserer Erhebung nur mehr 9,3 Prozent der Ärzte als Kassen-Allgemeinmediziner tätig. Damit hat sich ihr Anteil innerhalb der letzten 30 Jahre nicht nur halbiert, sondern ist auch weit entfernt von den Vorgaben internationaler Studien, die 30 bis 50 Prozent empfehlen. Die beschwichtigenden Meldungen von Kassenfunktionären, dass noch immer alle offenen Stellen problemlos besetzt werden können, sind lediglich Augenblicksaufnahmen ohne jede Perspektive. Wenn man sich vor Augen führt, dass in den kommenden zehn Jahren österreichweit 50 Prozent der Hausärzte in Pension gehen werden, in einzelnen Bundesländern wie etwa im Burgenland bis zu 60 Prozent, dann behaupte ich: Die Kassen kommen ihrer Vorsorgepflicht nicht nach.

Sie orten eine „Geringschätzung der Allgemeinmediziner“. Wer schätzt sie denn gering?

Geppert: Die Geringschätzung äußert sich momentan vor allem im Verhältnis des Hauptverbands und der Kassen zu den Allgemeinmedizinern, Gott sei Dank noch nicht im Verhältnis der Patienten. Besonders stört uns die Chefarztpflicht im Allgemeinen, die Bewilligungspflicht bei CT- und MRT-Zuweisungen im Speziellen. Stellt der Hausarzt Zuweisungen dieser Art aus, muss um Bewilligung angesucht werden. Beim Facharzt ist dies nicht notwendig. Das bedeutet nicht nur einen lästigen Mehraufwand, sondern schadet auch dem Image der Hausärzte. Irgendwann werden sich auch die Patienten denken: Es wird wohl einen Grund haben, warum die Institutionen den Hausärzten misstrauen, indem sie Kontrollstellen zwischenschalten. Gleiches gilt für die Medikamentenverschreibung. Dieses Misstrauen schreckt nicht nur Patienten, sondern auch Jungmediziner ab, den Karriereweg einzuschlagen, das sehen wir bei den Lehrpraktikanten ganz deutlich: Medikamente mit Facharztbeschränkung, bewilligungspflichtige Überweisungen, Anträge auf Rehab- und Kuraufenthalte, die beim Allgemeinmediziner viel komplizierter laufen – diese Ungleichbehandlung stört die Jungmediziner extrem.

Im Zusammenhang mit der vermehrten Schließung von Hausapotheken sprechen Sie wörtlich von einem „Kleinkrieg gegen die Landärzte“. Ist die Hausapotheke tatsächlich von so enormer wirtschaftlicher Bedeutung, dass ihr Wegfall „existenzbedrohend“ wird? Und: Ist das aus medizinisch-ethischer Sicht nicht bedenklich?

Geppert: Seit dem Jahr 2000 mussten über 100 Hausapotheken im ländlichen Raum schließen – und der Trend setzt sich fort. Vor allem bei Übernahmen von Ordinationen bleiben Hausapotheken vielerorts außen vor. Der jüngste Nationalratsbeschluss zur Sicherstellung der Arzneimittelversorgung im ländlichen Raum ist da nur ein kleiner Schritt in die richtige Richtung, löst das grundsätzliche Problem aber nicht. Aufgrund der unbefriedigenden Entwicklung bei den Kassenhonoraren, die in den letzten zehn Jahren meist unter der Teuerungsrate geblieben sind, sichern die Einnahmen aus der ärztlichen Apotheke die Wirtschaftlichkeit von Landarztpraxen. Der Umsatz aus der Hausapotheke übertrifft in vielen Ordinationen bereits denjenigen aus der Praxis. Bei mir waren es zuletzt etwa 60 Prozent. Es ist Fakt, dass Landarztpraxen mit Hausapotheke einen höheren Marktwert haben.

Als einen von zehn Punkten fordern Sie von der Politik die Anerkennung der Hausärzte als Primärversorger. Sind sie das im heimischen Gesundheitssystem nicht mehr?

Geppert: Leider, nein, auch wenn Politiker immer wieder – besonders vor Wahlen – von einer „Stärkung der hausärztlichen Strukturen“ sprechen. Wir haben das so oft gehört, wir glauben ihnen nicht mehr. Es ist doch bezeichnend, wenn selbst Ärzte im AKH Wien attestieren, dass 50 Prozent der Beschwerden, mit denen Menschen in das AKH gehen, eigentlich in die Hausarztpraxis gehören würden. Nur in Österreich können Patienten auf jedem Niveau des Gesundheitssystems einsteigen. An dieser grundsätzlichen Möglichkeit wird laut Bundesminister Alois Stöger auch nach der Gesundheitsreform nicht gerüttelt. Die Folge ist, dass Österreich mit jährlich 261 Spitalsaufenthalten pro 1.000 Einwohner Weltspitze ist. Der Hauptverband denkt jetzt zwar über Bonussysteme nach, um Patienten in die Ordinationen umzuleiten, das wird aber nicht genug sein. Es ist die Aufgabe der Gesundheitspolitik, den Run auf die Ambulanzen zu stoppen. Wir fordern daher klare Zugangsbeschränkungen zu Ambulanzen. Etwas anderes werden wir uns langfristig auch gar nicht leisten können.

Sie fordern offene Formen der Zusammenarbeit. Die rechtlichen Möglichkeiten dazu gibt es ja bereits, Beispiel Ärzte GmbH. Warum werden diese von den Ärzten so schlecht angenommen?

Geppert: Es wird immer nur die Schuld bei den Ärzten gesucht, leider auch in diesem Fall. Die meisten Steuerberater warnen Ärzte eindringlich vor der Gründung einer GmbH. Die Ärzte GmbH war von Anfang an eine Missgeburt, das muss man auch eingestehen und gemeinsam Alternativen überlegen. Dringender brauchen wir freie Formen der Kooperation – und die kassenvertraglichen Grundlagen dafür. Es ist doch völlig antiquiert, dass in unseren Ordinationen neben einem Kassenarzt kein zweiter Arzt gleichzeitig Patienten behandeln darf. Diese Leistungen dürfen der Kasse nicht verrechnet werden. Wir brauchen unbedingt eine Änderung im Gesamtvertrag, um zu ermöglichen, dass zukünftig etwa auch Vertretungsärzte parallel zum Kassenarzt Leistungen erbringen dürfen, die auch entsprechend honoriert werden. Dazu muss es dem Arzt auch möglich sein, Kollegen anzustellen, etwa, um die Stoßzeiten am Vormittag abzudecken und den Patienten eine optimale Betreuung anbieten zu können. Es geht uns nicht darum, eine Landpraxis betriebswirtschaftlich auszuschlachten, sondern alleine darum, die veränderten, modernen Anforderungen, die Patienten heute an eine Landpraxis stellen, abdecken zu können.

Mit Ihren zehn Punkten haben Sie jedenfalls ein ambitioniertes Programm vorgelegt. Ist es auch realistisch?

Geppert: Ambitioniert ja, aber es gibt keine Alternative dazu. Einzelne Maßnahmen herauszupicken bringt nichts! Es muss an mehreren Schrauben gleichzeitig gedreht werden. Nur wenn es durch ein Bündel an Maßnahmen gelingt, den Allgemeinmediziner zum zentralen Ansprechpartner unseres Gesundheitssystems aufzuwerten, werden Hausarztpraxen für gut ausgebildete Jungärzte wieder attraktiv.

Das Gespräch führte Volkmar Weilguni

Zur Person

Dr. Wolfgang Geppert

Dr. Wolfgang Geppert betrieb 32 Jahre lang eine Landarztpraxis im Weinviertel, Niederösterreich, und war zehn Jahre lang Präsident des Niederösterreichischen Hausärzteverbandes. Derzeit ist er Sprecher des Österreichischen Hausärzteverbandes.

Zehn Forderungen

Der Österreichische Hausärzteverband hat zehn Forderungen an die Gesundheitspolitik formuliert:

1. Anerkennung als Primärversorger
2. Ambulanzzugang einschränken
3. Anreize zur Praxisgründung
4. Abbau der Kassenbürokratie
5. Abschaffung der Chefarztpflicht
6. Alle Formen der Zusammenarbeit
7. Anstellung von Ärzten bei Ärzten
8. Apotheke für jeden Landarzt
9. Ausbildung in Lehrpraxen
10. Adäquater Leistungskatalog

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