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Gesundheitspolitik 18. Juli 2013

Gut gedacht, schlecht gemacht: "Das Essen wurde zum Mörder"

Tödlliches Insektengift im Mittagessen in der Schulkantine im Osten Indiens.

In Indien sind mehr als die Hälfte der Kinder unterernährt. Zumindest in der Schule sollen sie eine warme Mahlzeit erhalten. Doch das Essen ist oft knapp bemessen, unhygienisch - und manchmal sogar tödlich.


Sie aßen Reis, Linsen und Gemüse - dann wurden sie krank. Die Schüler übergaben sich, klagten über Bauchschmerzen, fielen in Ohnmacht. "Meine Kinder sind zum Lernen in die Schule gegangen. Als sie nach Hause kamen, weinten sie und sagten, es tue weh", erzählt ein aufgelöster Vater einem indischen Fernsehsender. 46 Kinder hatten am Dienstag in einer staatlichen Grundschule im Osten Indiens eine Schulspeisung bekommen. Mindestens 14 Mädchen und acht Jungen aus dem Dorf Masrakh starben.

Eine erste Untersuchung zeigte, dass Insektengift im Essen war. Ob absichtlich oder versehentlich, blieb zunächst unklar. Es war aber mitnichten das erste Mal, das in Indien verunreinigtes Schulessen auf dem Teller landete: Immer wieder finden Kinder tote Frösche, Eidechsen und Insekten in ihrem Essen. Nur sehr wenige Eltern seien mit der Qualität des Essens zufrieden, fand eine Untersuchung im Auftrag der Regierung des indischen Bundesstaates Meghalaya heraus.

"Die meisten Schulen in Indien verfolgen keinen Plan: Sie regeln nicht, wo die Zutaten herkommen, wie das Essen zubereitet werden muss oder wo die Schüler essen sollen", beschwert sich Nishit Kumar von der Nichtregierungsorganisation Childline India Foundation. "Ehrlich gesagt wundert es mich, dass nicht noch mehr passiert."

Kampf gegen Unterernährung und Analphabetentum

Dabei könnte das indische "Mittagessen-Programm" eine starke Waffe im Kampf gegen Unterernährung und Analphabetentum sein. Etwa 120 Millionen Kinder erhalten nach Regierungsangaben in Indien ein Schulessen - so sollen mehr Kinder in die Schule kommen und gleichzeitig wenigstens einmal am Tag gut ernährt werden. Doch die Studie aus Meghalaya zeigt: Fast nirgends erhalten die Grundschulkinder die gesetzlich zugesicherten 300 Kalorien pro Tag, selten gibt es jeden Tag ein warmes Essen, nur in der Hälfte der Schulen wird hygienisch gekocht.

"Das Problem ist, dass die Regierung das Kochen oft auslagert", erklärt Kumar. Für die Zubereitung eines Essens erhalten die Organisationen eine Rupie (13 Cent). Das reicht laut Kumar hinten und vorne nicht für eine ausgewogene, reichhaltige Ernährung. Dabei sind in Indien nach Angaben der Weltbank mehr als die Hälfte der Kleinkinder unterernährt - doppelt so häufig wie in Afrika südlich der Sahara.

Außerdem wird immer wieder betrogen. In Neu Delhi etwa entdeckte die Polizei vor ein paar Jahren acht Lastwagen voller Reis, die statt in eine Schule zum Verkauf in die Hauptstadt gebracht wurden. Oder gutes Getreide wird gegen minderwertigeres ausgetauscht. Das musste sogar der Ministerpräsident des Bundesstaates Goa im vergangenen Jahr einräumen: "Das Essen, dass von dem Programm aufgetischt wird, ist so schlecht, dass es nicht einmal Tiere fressen würden", wird Manohar Parrikar zitiert.

Manche Lehrerinnen erzählen, dass sie zum Schutz ihrer Schüler immer selbst das Essen vorkosten. Im Dorf Masrakh probierte am Dienstag nur die Köchin, die nun auch im Krankenhaus liegt. "Das Essen wurde zum Mörder", klagt eine Mutter, die zwei Söhne verloren hat. "Als unsere Kinder zur Schule gingen, wussten wir nicht, dass wir nur noch ihre toten Gesichter sehen werden."

APA/Von Doreen Fiedler, dpa

, springermedizin.at

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