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Gesundheitspolitik 2. Juli 2013

Standpunkte: Psychologengesetz - erfolgreicher Aufschrei

Der ursprüngliche Entwurf zum neuen Psychologengesetz hatte zu heftigen Protesten der Psychiater und Psychotherapeuten geführt. Jetzt wurde nachgebessert – und alle sind zufrieden.

Österreichs Psychiater und Psychotherapeuten hatten dem in Begutachtung befindlichen neuen Psychologengesetz ihre Zustimmung verweigert, Aktionstage angekündigt und sogar mit einem Protestmarsch gedroht, falls es nicht zu nachträglichen „Reparaturen“ im Textentwurf kommen sollte. Sie kritisierten unklare Definitionen sowie mangelhafte Unterscheidungen zwischen klinisch psychologischer Behandlung und Psychotherapie und forderten ein Fallen des Tätigkeitsvorbehalts für Psychologen. Nach ihrer Interpretation des Entwurfs hätten zukünftig nur mehr Psychologen klinisch-psychologische Diagnosen stellen dürfen. Die politischen Verhandler sahen darin zwar eine „Fehlinterpretation“ der Ärzte und Psychotherapeuten, deren Kompetenzen durch das Gesetz in keiner Weise beschnitten werden sollten, räumten aber ein, dass im Entwurf „einige Passagen noch relativ ungeschickt formuliert“ wären. Kurz bevor es zur Eskalation kam, haben sich im Zuge intensiver Nachverhandlungen Psychiater und Psychotherapeuten – mit massiver Unterstützung der Ärztekammer unter Federführung von Präsident Wechselberger, Kammeramtsdirektor Stärker und Dr. Bettina Fink von der Bundesfachgruppe sowie des Bundesverbands für Psychiatrie – mit den zuständigen Politikern doch noch auf offensichtlich „geschicktere“ Formulierungen einigen können. Denn unmittelbar vor Redaktionsschluss dieser Ärzte-Woche-Ausgabe wurden die bereits formulierten Protestnoten wieder zurückgezogen und durch zufriedene Kommentare ersetzt, wonach alle Beteiligten jetzt offenbar mit dem neuen Gesetz zufriedengestellt sind.

  

Protest hat Wirkung gezeigt

„Entbehrlicher Irrtum, Psychologie mit dem medizinischen Fach Psychiatrie und Psychotherapie zu verwechseln.“

Dr. Georg Psota, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie

 

Jedes Zeitalter hat seine Leitkrankheiten. Bis zur Erfindung der Antibiotika gab es ein bakterielles Zeitalter, später und damit überlappend ein virales. Beide sind im Sinne von Leitkrankheiten endemischen Ausmaßes in Europa vorbei, dank einer Reihe medizinischer und sozialer Maßnahmen. Die WHO publiziert seit Jahren, dass die Krankheitslast in den entwickelten Ländern aktuell und noch mehr in den nächsten zehn bis 20 Jahren vor allem von psychischen Krankheiten herrührt. Das 21. Jahrhundert ist in unseren Breiten pathologisch gesehen also weder bakteriell noch viral. Dieses neue Paradigma psychischer Erkrankungen braucht im Hinblick auf die Erfassung der Entstehungsbedingungen und ebenso der Auswirkungen, im Hinblick auf Prävention, Untersuchung, Diagnose und Therapie vor allem eine Antwort der psychiatrischen Medizin inklusive des psychotherapeutischen Anteils dieser biopsychosozialen medizinischen Disziplin.

Der ursprüngliche Gesetzesentwurf erweckte den Eindruck, als ob die Psychologie plötzlich dazu berufen sei, diese medizinische Antwort zu geben. Das kann sie aber nicht, hat dazu weder die Kompetenz noch ist sie eine medizinische Disziplin. Es ist gerade in Österreich ein ebenso populärer wie entbehrlicher Irrtum, sie mit dem medizinischen Fach Psychiatrie, der Lehre von den psychischen Krankheiten und deren Behandlung, und Psychotherapie zu verwechseln.

Nach massiven Protesten der Psychiater und Psychotherapeuten und intensiven Verhandlungen gelang nun per Abänderungsantrag doch noch ein Gesetzentwurf, der den genannten Wirklichkeiten Rechnung trägt. Am Kompetenzbereich und der Verantwortung der Psychiatrie und Psychotherapie ändert sich nichts und das ist gut so.

Die ÖGPP bedankt sich bei der Ärztekammer, der Bundesfachgruppe Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin sowie dem Bundesverband für Psychotherapie für deren intensive Unterstützung – und vor allem bei etwa 500 Psychiatern Österreichs, die eine seitens ÖGPP verfasste Protestnote unterzeichneten und damit wesentlich zu einem guten Gesetz beigetragen haben.

  

Verbesserte Qualität der Ausbildung

„Die Kompetenzbereiche der Ärzte und Psychotherapeuten werden in keiner Weise berührt.“

Mag. Ulla Konrad, Präsidentin des Berufsverbands Österreichischer PsychologInnen

 

Eine umfangreiche Neufassung des mehr als 20 Jahre alten Psychologengesetzes ist aus mehreren Gründen notwendig geworden. Dazu zählen etwa die Anpassung an die Bologna-Studienarchitektur sowie an EU-Rechtsnormen, erforderliche Qualitätsverbesserungen in der postgraduellen Ausbildung, eine stärkere Differenzierung zwischen Gesundheitspsychologie und Klinischer Psychologie, ein lange geforderter Tätigkeitsvorbehalt für bestimmte psychologische Leistungen sowie die verpflichtende Selbsterfahrung, die eine wesentliche Weiterentwicklung und qualitative Aufwertung der Ausbildung darstellt. Kurz: Das neue Psychologengesetz wird die Qualität psychologischer Arbeit im Gesundheitswesen nachhaltig steigern.

Umso mehr verwunderte die scharfe Kritik der Psychiater und Psychotherapeuten am Entwurf zur Neufassung des Psychologengesetzes mit medial verbreiteten Falschinformationen.

Bereits seit 22 Jahren gehören sowohl die klinisch-psychologische Behandlung als auch die Diagnostik psychischer Störungen zum Berufsumfang der Klinischen Psychologen. Grundlage dafür ist das Psychologengesetz 1990, BGBl 360/1990. Seit 1995 existiert zudem ein Gesamtvertrag für klinisch-psychologische Diagnostik mit dem Hauptverband der Sozialversicherungsträger.

Hinsichtlich der Kritik am Tätigkeitsvorbehalt, wonach angeblich künftig nur noch Psychologen psychische Krankheiten diagnostizieren dürfen, möchte ich ausdrücklich festhalten, dass sich dieser gemäß des Entwurfs eben nicht auf Tätigkeiten anderer gesetzlich geregelter Gesundheitsberufe bezieht. Die bisherigen Kompetenzbereiche der Ärzte und auch der Psychotherapeuten gemäß Psychotherapiegesetz 1990 werden durch die neuen Bestimmungen im Psychologengesetz in keiner Weise berührt. Eine multidisziplinäre Versorgung ist wichtig, um den Menschen bedarfsorientiert zu helfen.

Das neue Psychologengesetz ist aus meiner Sicht zeitgemäß und ein guter Rahmen, um gut im Gesundheitswesen arbeiten zu können.

  

Gesetzlich verankerte Kooperationen

„Der abgeänderte Gesetzestext sieht nun eine klarer geregelte Verantwortungsbeziehung vor.“

Dr. Bettina Fink, Bundesfachgruppenobfrau für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin der Österreichischen Ärztekammer 

 

Der ursprüngliche Entwurf für ein neues Psychologengesetz, der uns mit einer extrem kurzen Begutachtungsfrist von 14 Tagen zur Stellungnahme übermittelt wurde, wies einige sehr problematische Bereiche auf und konnte nur aufgrund massiver Proteste der Psychiater, unserer Stellungnahmen und der anderer betroffener Berufsgruppen in intensiven Verhandlungen, auch mit Unterstützung der ÖÄK, erfreulicherweise abgeändert werden. Vor der Abänderung hätte die Diagnostik durch Gesundheits- und klinischen Psychologen weit in den ärztlichen Tätigkeitsbereich eingegriffen und sogar Ärzte mit einem Tätigkeitsvorbehalt von der Diagnostik ausgeschlossen. Eine fundierte Diagnostik und Behandlung von Patienten mit psychischen Störungen erfordert aber eine umfassende ärztliche Kompetenz wie sie insbesondere Fachärzte für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin haben, da bei psychischen Störungen immer auch somatische und soziale Aspekte in ihrer komplexen Wechselwirkung zu berücksichtigen sind. Andernfalls kann es zu Fehldiagnosen und Gefährdungen von Patienten kommen.

Psychologische Testverfahren sind bei differenzialdiagnostischen Fragestellungen, etwa im Rahmen einer Demenzabklärung, von Bedeutung und werden von Psychologen aber auch Ärzten durchgeführt. Sie können aber niemals die umfassende klinisch/organmedizinische Diagnostik ersetzen. Der nunmehr abgeänderte und vom Gesundheitsausschuss beschlossene Gesetzestext sieht nun eine klarer geregelte Verantwortungsbeziehung vor. Auch einer Kritik unsererseits, die psychologische Behandlung genauer zu definieren und einzuschränken, wurde Rechnung getragen, ebenso unserer Forderung nach einer eindeutigen Beschreibung des Tätigkeitsprofils der Psychologen und einer unmissverständlichen Abgrenzung zum Berufsbild der Fachärzte für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin und der Psychotherapeuten. Es findet sich nun eine klare Formulierung des Vorbehaltes, der den ärztlichen Tätigkeitsbereich nicht berührt. Für die Durchführung einer psychologischen Behandlung muss nun ein Austausch mit Ärzten stattfinden.

V. Weilguni, Ärzte Woche 27/2013

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