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Dr. Artur Wechselberger Ärztekammerpräsident

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Gesundheitspolitik 18. Juni 2013

„Aus der Gschicht’ könnt was werden, wenn …“

Die Ärztekammer sieht in der Gesundheitsreform einen Paradigmenwechsel in der österreichischen Gesundheitspolitik – und vollzieht in deren Beurteilung selbst einen.

Vor wenigen Monaten noch sprach der Präsident der Ärztekammer an selber Stelle von einer „volkswirtschaftlichen Zeitbombe“ oder einem „Abdriften in Richtung Zweiklassenmedizin“. Die Gesundheitsreform ist dennoch beschlossene Sache. Entsprechend moderat sind inzwischen die Töne aus der Kammer geworden. „Pragmatismus“ nennen es die einen, die Ärzte selbst sprechen lieber von „konstruktiver Mitgestaltung“, Kritiker sehen darin einen erzwungenen Strategiewechsel aufgrund des Scheiterns der ursprünglichen Brachialopposition.

„Der Souverän hat gesprochen“, so kommentierte der Präsident der Österreichischen Ärztekammer Dr. Artur Wechselberger den parlamentarischen Beschluss des Gesundheitsreformgesetzes 2013 – „Gesundheits-Zielsteuerungsgesetzes G-ZG Begleitgesetze“ – am 26. April. Bis Ende Juni soll nun der Bundes-Zielsteuerungsvertrag 2013–2016 abgeschlossen sein, bis Ende September sollen auch die einzelnen Landes-Zielsteuerungsverträge folgen.

Wer aber im Anschluss an den Kommentar einen Rundumschlag des Präsidenten à la 2012 erwartet hatte, wurde enttäuscht. Im Gegenteil, Wechselberger gibt der nach wie vor bestehenden Kritik der Ärzte in Detailfragen eine sogar vorsichtig wohlwollende Einschätzung des Gesamtpaketes mit auf ihren weiteren Entwicklungsweg: „Das System hat durchaus Potenzial in sich, um daraus etwas Positives zu entwickeln.“ Voraussetzung dafür sei aber die Klärung einer ganzen Reihe von offenen Punkten, eine Präzisierung und Konkretisierung von Gemeinplätzen sowie endlich die Einbeziehung der Ärzte in die weitere Ausgestaltung des beschlossenen Rahmens.

Public Health

Die Gesundheitsreform sieht unter anderem eine Entwicklung des Systems in Richtung Public Health vor. Diese setzt sich nicht nur mit der individuellen Ausprägung von Krankheit auseinander, sondern mit der Gesundheit der Bevölkerung und fragt nach zugrunde liegenden Ursachen von Gesundheit und Krankheit. Es geht bei Public Health darum, jene gesellschaftlichen Voraussetzungen, Umweltbedingungen und Bedingungen einer bedarfsgerechten und effizienten gesundheitlichen Versorgung sicherzustellen, auf deren Basis die Lebenserwartung erhöht und Krankheiten verhindert werden können sowie alle Bevölkerungsgruppen die Chance auf ein Leben in Gesundheit und Wohlbefinden haben. Public Health geht in diesem Sinne einher mit „Health in all Policies“, also einer nachhaltig wirksamen Gesundheitsförderung durch die verstärkte Berücksichtigung von gesundheitsrelevanten Aspekten in anderen als den unmittelbar dafür zuständigen politischen Bereichen, zum Beispiel Landwirtschafts-, Umwelt-, Sport- oder Sozialressort.

Paradigmenwechsel

Die Ärztekammer sieht im Public Health-Ansatz einen klaren Paradigmenwechsel in der österreichischen Gesundheitspolitik, wobei Wechselberger betont, dass es eine „Gesundheitspolitik im Ganzen“ in Österreich ohnehin nie gegeben hätte, weil die Entwicklungen jeweils von den „Bestrebungen der Anbieter von Gesundheitsleistungen“ getrieben waren. In diesem Sinne hat Österreich keinerlei Tradition in Public Health, diagnostiziert Wechselberger und sieht darin eine massive Gefahr für ein Scheitern der Reformbemühungen. So gäbe es heute weder eine adäquate Präventivmedizin noch eine ausreichende Primärversorgung, beides notwendige Voraussetzungen für Public Health.

Bisher sei die Gesundheitsversorgung, erläutert der Präsident, im Wesentlichen „in Eigeninitiative von den Trägern der Krankenanstalten und den Vertretern der niedergelassenen Gesundheitsberufe – allen voran der Ärztinnen und Ärzte – aufgebaut“ worden. In der Umwandlung des Systems in Richtung Public Health bestünde nun die Gefahr, mutmaßt die Ärztevertretung, dass genau diese medizinischen Leistungsanbieter zunehmend aus dem Diskussionsprozess ausgegrenzt werden. Vordergründung meint sie damit natürlich die Ärzte selbst, wobei sie aber wohl auch ein wenig ihre eigene Position als durchaus mächtiger Verhandlungspartner vertritt. Eine solche Ausgrenzung würde nach Einschätzung der Kammer aber unweigerlich zu einem „Verlust an Know-how, Innovation, Motivation und Eigeninitiative“ führen, was sich in der Folge negativ auf den ohnehin immer geringeren Nachwuchs in den Gesundheitsberufen auswirken könnte.

Wie ernst solche Befürchtungen zu nehmen seien, hätte sich nicht zuletzt in den Verhandlungen zur Gesundheitsreform gezeigt, argumentiert Wechselberger. Die Ärzte waren zu keinem Zeitpunkt in die Gespräche eingebunden, wie im Übrigen auch jetzt wieder bei der Formulierung der Zielsteuerungsverträge. Gegenteilige Behauptungen der Verhandlungspartner, die Ärzte wären sehr wohl eingeladen gewesen, hätten eine konstruktive Mitarbeit aber zugunsten einer radikalen Oppositionsrolle verweigert, weist Wechselberger zurück: „Wir haben uns mehrmals angeboten, wurden aber immer wieder schroff abgewiesen.“

An internationales Niveau heranführen

Es gibt also insgesamt eine ganze Reihe von Punkten im Reformgesetz, zu welchen die Kritik der Ärztekammer nach wie vor aufrecht ist – und Befunde, die einen Nachholbedarf im internationalen Benchmarking aufzeigen:

  • Unterentwickelte Prävention: In Österreich dominiert nach wie vor die Reparaturmedizin.
  • Mängel in der Rehabilitation: Hervorragenden Strukturen in der Akutmedizin stehen mangelhafte in der Rehabilitation gegenüber. Hinzu kommt eine massive Schnittstellenproblematik in Richtung nahtloser Versorgungsketten. Die Schnittstellenproblematik ist allerdings nicht nur in diesem Bereich virulent, sondern zieht sich auch durch den gesamten Akutbereich, zwischen Krankenhäusern, ambulanten und niedergelassenen Leistungserbringern.
  • Finanzierung: Auch die Gesundheitsreform hat keine Finanzierung aus einer Hand ermöglicht. So gibt es in Zukunft zwar gemeinsame Ziele, aber weiterhin unterschiedliche Verantwortlichkeiten und zum Teil entgegengesetzte Interessen der Zahler.
  • Untergeordnete Primärversorgung: „Primary Health Care“ ist ein schönes Schlagwort im Reformpapier - aber was bedeutet das eigentlich für das österreichische System? Ist damit der Hausarzt gemeint, so spielt dieser im Gesamtsystem bisher jedenfalls eine eher untergeordnete Rolle. Will man tatsächlich den Spitalsbereich zugunsten des ambulanten und niedergelassenen Bereichs zurückfahren, um sich internationalen Standards anzunähern, so braucht es dazu eine massive Verlagerung der Leistungen mit entsprechenden Folgen und Investitionskosten im extramuralen Bereich.
  • Demografische Entwicklung: je höher der Anteil alter Menschen, desto höher der Anteil an multimorbiden, chronisch Kranken. Daher muss es gelingen, vom Primat der einfachen Versorgung einfacher Krankheiten wegzukommen und sich verstärkt mit komplexen und chronischen Krankheitsbildern auseinanderzusetzen. Es geht in der Medizin schon lange nicht mehr nur um Heilung, sondern immer stärker um ein möglichst langes, selbstbestimmtes Leben mit einer oder auch mehreren Krankheiten.

Trotzdem – um an den Anfang der Geschichte zurückzukommen – überwiegen längst versöhnliche Töne. So attestieren die Ärztevertreter dem Gesamtpaket „durchaus Potenzial. Wenn wir es richtig machen, können wir damit international aufholen“, so Wechselberger.

Ein Satz, der fast überraschend harmonisch, jedenfalls angenehm klingt in so manch strapaziertem Ohr, weil er einerseits von Kooperationsbereitschaft und Engagement zeugt und andererseits auch den inflationär gebrauchten Begriff der „Weltklassemedizin Made in Austria“ etwas relativiert und sogar Selbstkritik mitschwingt, eine unabdingbare Voraussetzung jedweden Fortschritts.

V. Weilguni, Ärzte Woche 25/2013

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