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Gesundheitspolitik 17. Juni 2013

Schmerz kommt teuer zu stehen

Therapeuten im Spannungsfeld zwischen Ethik und Ökonomie.

Jeder fünfte Mensch in Europa leidet an Schmerzen, die schon drei Monate oder länger bestehen, jeder elfte sogar an täglichen Schmerzen. In Österreich leiden 1,5 Millionen Menschen an chronischen Schmerzen. Diese gewaltigen Ausmaße des chronischen Schmerzes kommen der Gesellschaft teuer zu stehen – Was Experten zur ökonomischen Dimension des Schmerzes zu sagen haben.

„Wir wollen uns der Ökonomie nicht verschließen, aber der Patient darf dabei nicht zu kurz kommen“, sagt Prof. Dr. Rudolf Likar, Leiter des Zentrums für Interdisziplinäre Schmerztherapie, Onkologie und Palliativmedizin, Klinikum Klagenfurt.

Medikamente werden nicht erstattet

Likar beklagt, dass in Österreich – im Vergleich zu anderen EU-Ländern – der Zugang zu innovativen Medikamenten und Therapien erschwert sei. Trotz intensivster Bemühungen der Österreichischen Schmerzgesellschaft ÖSG habe der Hauptverband die Verschreibung weiterer Analgetika, die im Ausland teilweise von der Kasse bezahlt werden, nicht genehmigt: „Es kann nicht sein, dass in Österreich Schmerzpatienten schlechter versorgt werden als in anderen EU-Ländern.“ Statt die Erstattung eines Medikaments generell abzulehnen, könnte die Genehmigung differenziert erfolgen, schlägt Likar vor: „Man kann nicht alle Schmerzpatienten über einen Kamm scheren: Auch, wenn ein Medikament vielleicht bei einem Großteil der Patienten nicht effektiv ist, heißt das nicht, dass es nicht doch bestimmte Patientengruppen gibt, die davon profitieren könnten.“

Fehlende Strukturen

Aber Medikamente allein reichen noch nicht. „Wir brauchen auch neue Strukturen, um Schmerzpatienten optimal versorgen zu können“, führt Likar weiter aus. Sinnvoll sei eine abgestufte Versorgung: Die Errichtung von Schmerzpraxen, Schmerzambulanzen, Schmerzkliniken und -tageskliniken wird von der ÖSG schon lange gefordert. Getan hat sich aber laut Likar in dieser Richtung noch zu wenig. Während in puncto Palliativversorgung durchaus Fortschritte zu verzeichnen wären, hätten Patienten mit chronischen nicht-tumorösen Schmerzen in Österreich das Nachsehen.

In Klagenfurt hat Likar glücklicherweise die Möglichkeit, multimodale interdisziplinäre Schmerztherapie anbieten zu können. Das tagesklinische Konzept ist dort laut Angaben Likars erfolgreich, indem ein hoher Prozentsatz der Patienten in die Arbeitswelt reintegriert werden kann. Im Jänner hat das Projekt den Förderpreis der Gesundheitsberufe-Konferenz erhalten. „Dieses Konzept sollte österreichweit ausgebaut werden“, ist Likar überzeugt.

Häufige und lange Krankenstände

Konzepte wie diese kosten natürlich etwas – viel sogar, wie Likar zugibt. Aber die Rechnung geht auf, wenn man einen Blick auf die volkswirtschaftlichen Kosten wirft, die durch chronischen Schmerz entstehen: „Die Gesamtbelastung für die EU-Volkswirtschaft wird auf 300 Milliarden Euro geschätzt“, berichtet Prof. DDr. Hans Georg Kress, Präsident der Europäischen Schmerzföderation EFIC. „Ins Gewicht fallen dabei weniger die Behandlungskosten, sondern vor allem die Produktivitätseinbußen.“ Zum Beispiel Rückenschmerz: Patienten mit Rückenschmerzen sind nicht nur oft im Krankenstand, sondern jeweils auch immer für längere Zeit: Insgesamt kommen sie so auf durchschnittlich 41 Krankenstandstage im Jahr.

Fast jeder fünfte Patient mit moderaten bis starken chronischen Schmerzen muss seinen Beruf ganz aufgeben. Mit 30,4 Prozent bei den Invaliditätspensionen und 18 Prozent bei den Berufsunfähigkeitspensionen sind Erkrankungen des Bewegungsapparats der zweithäufigste Grund für krankheitsbedingte Pensionierungen in Österreich.

Große Unzufriedenheit bei den Patienten

„Wir wissen, dass erfolgreiche Schmerztherapie möglich ist“, sagt Prof. Dr. Günther Bernatzky, amtierender Präsident der ÖSG. Woran liegt es also, dass dennoch 60 Prozent der Patienten mit ihrer Schmerztherapie unzufrieden sind und fast die Hälfte der Rückenschmerzpatienten fünf Jahre nach Behandlungsbeginn noch immer Schmerzen hat? Die Schmerz-Weltgesellschaft IASP hat fünf Punkte identifiziert, die für die große Unzufriedenheit in der Therapie chronischer Schmerzen von Bedeutung sind:

• mangelnde Qualitäts- und Erfolgskontrolle in der Schmerztherapie

• mangelnde schmerzmedizinische Ausbildung der niedergelassenen Ärzte

• fehlendes Wissen über Opioid-Therapie bei chronischen nicht-malignen Schmerzen

• unzureichende Abgeltung ärztlicher Leistungen für die Schmerztherapie

• unzureichender Zugang zu multidisziplinären Einrichtungen

„Hier ist vom österreichischen Gesundheitssystem zu erwarten, dass die Forderungen, die von der ÖSG seit vielen Jahren erhoben wurden und werden, endlich umgesetzt werden“, sagt Bernatzky. „Geschieht das nicht, muss damit gerechnet werden, dass die Folgekosten des chronischen Schmerzes unser System bis zur Unfinanzierbarkeit belasten.“

Ebenso sieht Bernatzky Handlungsbedarf, was den akuten postoperativen Schmerz betrifft: „Viele Studien weisen darauf hin, dass das Schmerzmanagement auch in Krankenhäusern nicht optimal verläuft.“ Eine aktuelle Untersuchung offenbart ein dramatisches Fehlen von Akutschmerzdiensten und die mangelnde Erfassung und Dokumentation des Schmerzes in Form von Schmerzprotokollen. „Auch hier gibt es noch viel zu tun, bis das erreicht wird, was möglich und im Interesse der Patienten auch zu fordern ist“, so Bernatzky.

Quelle: Vorab-Pressegespräch zur 21. Wissenschaftlichen Tagung der Österreichischen Schmerzgesellschaft, Wien, 6. Mai 2013

C. Lindengrün, Ärzte Woche 25/2013

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