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Otto Spranger, Sprecher der Österreichischen Lungenunion

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© Fotostudio Schorn

Dr. Elisabeth Zehetner, Fachärztin für Lungenheilkunde, Master of Science in Quality and Safety in Health Care

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© priv

Dr. Fritz Horak, Ärztlicher Leiter des Allergiezentrums Wien West

 
Gesundheitspolitik 18. Juni 2013

Standpunkte: Unterdiagnostiziert, unterschätzt und untertherapiert

Asthma ist eine zunehmend weitverbreitete Erkrankung, bei Kindern die häufigste chronische Erkrankung überhaupt. Durch Früherkennung könnte eine Chronifizierung verhindert werden.

Weltweit steigen die Zahlen der Asthma- und Allergieerkrankungen drastisch an. Bis zu 500 Millionen Menschen leiden an allergischem Schnupfen, davon 200 Millionen zusätzlich an allergischem Asthma. 250.000 Menschen sterben jährlich daran. Alarmierend ist vor allem der ständig wachsende Anteil in der Altersgruppe unter 15 Jahren. Besonders betroffen davon sind Kinder zwischen zwei und sechs Jahren. Insgesamt sind es rund 42.000 Kinder dieses Alters, die an Asthma leiden – Tendenz steigend. Damit ist diese Atemwegserkrankung die häufigste chronische Erkrankung im Kindesalter. Gerade bei den Jüngsten kann eine frühzeitige Immuntherapie eine Ausdehnung der Symptomatik von der Nase auf die Lunge verhindern. Dafür wird nach Ansicht vieler Experten aber nicht genug getan in Österreich. Ansätze und Ideen zur Verbesserung der Situation wären durchaus vorhanden, es fehlt aber offenbar am Willen von allen Beteiligten.

An sich wäre Asthma sehr gut behandelbar, meint etwa Otto Spranger, Sprecher der Österreichischen Lungenunion, das Problem sei aber das Wörtchen „wäre“, denn knapp jeder dritte Patient mit allergischem Asthma oder Heuschnupfen wird in Österreich erst gar nicht therapiert und jeder Vierte fühlt sich unzureichend informiert. Die Krankheit müsste etwa auch bei der Berufsberatung und -wahl junger Menschen mehr Berücksichtigung finden, findet die Lungenfachärztin Elisabeth Zehetner. Der Kinderarzt und Allergieexperte Fritz Horak würde sich überhaupt wünschen, dass Risikofaktoren schon im Mutter-Kind-Pass erfasst werden.

  

Zeitaufwendig, gering honoriert

Spranger: „Es braucht Aufklärung der Bevölkerung, einen Zusatzfacharzt für Allergologie und Schulungen für Patienten.“

Respiratorischen Allergien werden bei Weitem noch nicht ausreichend wahrgenommen und anerkannt, weder von politischen noch medizinischen Entscheidungsträgern, Ärzten und oft auch nicht von den Patienten selbst. Sie werden vielmehr häufig bagatellisiert und die Symptome und Risiken unterschätzt. Eine Nachlässigkeit mit Folgen: weitere Allergien, chronisches Asthma, eingeschränkte Lebensqualität, Schwierigkeiten in der Schule oder im Beruf und Probleme in der Partnerschaft und der Familie sind vorprogrammiert. Es ist alarmierend, dass in Österreich von mehr als 1,6 Millionen Allergikern nur etwa jeder Zweite eine exakte Diagnose seiner Krankheit hat und dass es im Durchschnitt noch immer sechs bis neun Jahre dauert, bis eine solche vorliegt. Denn dass Allergien unterdiagnostiziert sind, bedeutet auch, dass sie untertherapiert sind bzw. falsch therapiert werden und somit das Risiko zunimmt, an Asthma zu erkranken.

Damit Patienten frühzeitig in Kontakt mit einem Arzt kommen, bedarf es intensiver Aufklärung der Bevölkerung. Leider gibt es aber keine Lobby für Allergie – wohl deshalb, weil die Therapiekosten bei den Krankenkassen nicht ins Gewicht fallen. Es liegt aber auch am Fehlen von Fachärzten für Allergologie. Häufig ist der Hausarzt der erste Ansprechpartner, der somit eine Schlüsselfunktion in der Früherkennung allergischer Erkrankungen einnimmt. Geschulte Allgemeinmediziner können Anzeichen richtig deuten und bei Verdacht auf eine allergische Ursache zur weiteren Abklärung an die Fachärzte oder die (wenigen) spezialisierten Einrichtungen verweisen. Diese wichtige Schnittstelle zwischen Allgemeinmediziner und Facharzt funktioniert aber noch nicht ausreichend und flächendeckend. Auch die Apotheker müssen stärker in die Früherkennung von Allergikern mit einbezogen werden.

Es gibt eine gut wirkende Therapie, die spezifische Immuntherapie. Leider wissen nur wenige davon und die Ärzte machen es offensichtlich nicht gerne, weil zeitaufwendig und gering honoriert.

  

Beratend koordinieren

Zehetner: „Eine falsche Berufswahl kann zu Beschwerden, erhöhtem Medikamentenbedarf und gesundheitlichen Schäden führen.“

Aus präventivmedizinischer Sicht wäre es unbedingt notwendig, die Bevölkerung möglichst breit und frühzeitig über allergologische Zusammenhänge, genetische Dispositionen, Umweltfaktoren, den Einfluss des Rauchverhaltens, frühzeitige Diagnostik- und entsprechende Therapiemöglichkeiten bei Optimierung des Lebensstiles zu informieren. Nur eine exakte Diagnose der Allergie – Anamnese, Prick-Hauttest, RAST-Test aus dem Blut, Lungenfunktionsprüfung – führt zu einer adäquaten Behandlung, welche die Chance erhöht, einer Asthmaentwicklung vorzubeugen.

Erster Ansprechpartner ist im Idealfall der Lungenfacharzt mit allergologischer und arbeitsmedizinischer Orientierung. Es bedarf jedenfalls einer engen Zusammenarbeit aller beteiligten Mediziner, beginnend beim Haus- und Kinderarzt. Ein Arzt des Vertrauens sollte dabei je nach Beteiligung und Schweregrad von der Diagnostik über die Therapie bis hin zur Berufswahl beratend koordinieren. Beruf und Atemwegserkrankung stehen häufig in enger Wechselwirkung. Bei bereits bestehenden Beschwerden oder diagnostizierten Erkrankungen ist es daher wichtig, keinen Beruf zu wählen, der diesbezüglich negative Auswirkungen haben kann. Typische Auslöser berufsbedingten Asthmas sind etwa Mehlstauballergien beim Bäcker, Pflege-, Färbe- und Bleichmittelallergien beim Friseur oder Holzstauballergien beim Tischler. Oft liegt dem berufsbedingten Asthma auch eine Reizung der Bronchien durch bestimmte chemische Stoffe wie Stickstoff- oder Schwefeldioxide, Metallsalze, Staub, Kunststoffe und Chemikalien zugrunde. Zudem kann eine starke körperliche Beanspruchung je nach Schweregrad der Allergie bedenklich sein. Das Rauchen verstärkt die Problematik noch. Die Folgen einer ungeeigneten Berufswahl können die Zunahme von Beschwerden, ein erhöhter Bedarf an Medikamenten und gesundheitliche Schäden sein. Die Prognose des Berufsasthmas ist ungünstig: Bei über 70 Prozent der Patienten bleiben die Beschwerden bestehen, auch wenn die auslösenden Stoffe längst eliminiert wurden.

  

Frühzeitige Diagnose

Horak: „Nur eine Spezifische Immuntherapie kann die Entwicklung von Asthma verlangsamen oder sogar aufhalten.“

Zwischen Allergien und Asthma besteht ein enger Zusammenhang. Bei mehr als Dreiviertel der Asthmapatienten spielt eine Allergie eine Rolle. Trotzdem werden die ersten Zeichen einer Allergie oft jahrelang nicht erkannt – eine kritische Periode, in der die Allergie fortschreitet und sich ein Asthma entwickeln kann. Um dies zu verhindern, ist eine frühzeitige und genaue Diagnose wichtig. Diese sollte bei einem spezialisierten Arzt bzw. in einem Allergiezentrum durchgeführt werden. Auch ein gezieltes Abfragen von Beschwerden im Rahmen des Mutter-Kind-Passes wäre zu überlegen. Zu Beginn der Diagnose steht jedenfalls die genaue Allergie-Anamnese, meist gefolgt von einem Haut-Allergietest sowie dem Nachweis von spezifischem IgE - Immunglobulin der Klasse E gegen bestimmte Allergene – im Blut des Patienten.

Die Therapie fußt auf drei Säulen: Allergenvermeidung, Symptomenbekämpfung und Spezifische Immuntherapie. Allergenvermeidung funktioniert nur zu einem gewissen Grad, etwa bei Tierhaaren, Nahrungsmitteln oder zum Teil bei Hausstaubmilben. Schwieriger wird es bei Pollenallergien. Die Symptomenbekämpfung erfolgt medikamentös mit Antihistaminika oder leicht kortisonhältigen Nasensprays bzw. Augentropfen, welche die allergische Entzündungsreaktion am Ort des Geschehens behandeln. Die Spezifische Immuntherapie (SIT) ist die einzige kausale Therapie. Dabei wird der Körper durch langsam steigende Dosen – subkutan oder sublingual appliziert – an ein Allergen gewöhnt. Die SIT ist auch die einzige Therapie, die nachweislich das Fortschreiten von Allergien und die Entwicklung von Asthma verlangsamen oder sogar aufhalten kann. Eine deutsche Studie an 200 Kindern zeigte, dass Kinder nach einer Immuntherapie nur halb so oft Asthma entwickeln wie andere. Die SIT steht jedoch erst ab dem sechsten Lebensjahr zur Verfügung. Forscher untersuchen jetzt, ob eine SIT schon in den ersten beiden Lebensjahren durchgeführt werden und damit die Entwicklung von Allergien früh aufgehalten werden kann.

V. Weilguni, Ärzte Woche 25/2013

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