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Gesundheitspolitik 13. Juni 2013

Österreichs Hausärzte drücken die Notruftaste

Der Österreichische Hausärzteverband nennt die Gesundheitsreform "zerstörerisch".

Dem reinen Lippenbekenntnis der Regierungsparteien zur hausärztlichen Aufwertung stellt der Österreichische Hausärzteverband (ÖHV) ein Programm zur Rettung des Hausarztberufes in Österreich entgegen. Unter dem Motto "Erste Hilfe für den Hausarzt" proklamiert der ÖHV zehn dringliche Anforderungen.

 

"Wir rufen nach zehn Mal A wie Aufwertung", betonte Hausärzte-Sprecher Dr. Wolfgang Geppert im Rahmen einer Podiumsdiskussion in Wien: "Das Maßnahmenpaket reicht vom Abbau der Kassenbürokratie und eingeschränktem Ambulanzzugang über die Ausbildung in Lehrpraxen und vermehrte Anreize zur Praxisgründung bis zur Anstellung von Ärzten bei Ärzten und der Apotheke für jeden Landarzt.

Auf dem Abstellgleis

"Wir sind auf dem Abstellgleis der Gesundheitspolitik gelandet", fürchtet Geppert. Mit nur 9,3 Prozent Kassenvertragsärzten für Allgemeinmedizin verzeichne man in Österreich einen traurigen Weltrekord. Spitäler hingegen würden aus machtpolitischen Gründen forciert. "Manchem Landesfürsten wäre es am liebsten, man baut ein Dach über das ganze Bundesland und verwandelt es in ein Landesklinikum, wo wir uns dann alle wohlfühlen können", so Geppert ironisch. Den Hausärzten - insbesondere dem Landarzt - würde auf diesem Weg hingegen der Boden unter den Füßen entzogen und durch die eingeschränkte Möglichkeit, Hausapotheken zu führen, oftmals endgültig der K.O.-Schlag versetzt.

Kein Wunder, dass den schönen Worten der Gesundheitsreformer ein dramatisches Hausarztsterben in der Realität gegenübersteht, meint der Hausärzteverband. Denn auch die überwuchernde Kassenbürokratie - Stichwort Chefarztpflicht - und das Finanzloch bei den Lehrpraxen seien wesentliche Gründe für die mangelnde Niederlassungsbereitschaft junger Allgemeinmediziner, merkt Geppert an.

Oppositionsparteien fordern Neustart

Die zur Podiumsdiskussion geladene gesammelte Riege der Oppositionsparteien stimmt dem Erste Hilfe-Plan des ÖHV durch die Bank zu. So bringt es Ing. Robert Lugar, Klubobmann des Teams Stronach, auf den Punkt: "So merkwürdig es klingt, aber die Politik muss raus aus der Gesundheitspolitik!" Gedacht würde in Klientels, Lobbys und Interessengruppen statt zum Wohle der Steuerzahler und Patienten. Selbst der Rechnungshof bestätige beispielsweise längst, dass im Spitalsbereich viel zu hohe Kosten bei zu wenig Output entstehen. So lange man die Einmischung der Politik nicht wegbringe, würde sich aber an der Spitalslastigkeit unseres Gesundheitswesens nichts Substantielles ändern.

Professor Dr. Kurt Grünewald, Gesundheitssprecher der Grünen, geht noch einen Schritt weiter: "Die gesamte Honorarordnung bei Ärzten müsste von Null weg neu diskutiert werden, eine leistungsgerechte Harmonisierung der Kassen ist zwingend notwendig." Die Plafondierung ärztlicher Leistungen sei geradezu abstrus, die Chefarztpflicht ein rein bürokratischer Unsinn. Mitunter werde ja nicht einmal gelesen, was da unterschrieben wird.

Unterstützung von allen Seiten

Dem hausärztlichen Notruf schließt sich auch Dr. Andreas Karlsböck, Ärztesprecher der FPÖ, an: "Das Unding der Pauschalierung muss endlich weg. Das ist ein wesentlicher Grund, warum praktische Ärzte oft nicht leisten können, was sie leisten wollen. Außerdem müssen Ärzte endlich Ärzte anstellen dürfen". Es wäre überhaupt nicht nachvollziehbar, warum das gerade in Österreich nicht möglich sein soll.

Ähnlich Besorgnis erregend sieht BZÖ-Gesundheitssprecher Dr. Wolfgang Spadiut die Lage und fordert ausdrücklich: "Der Landarzt muss die Hausapotheke zurückbekommen. Und er hat ein Recht, damit auch Geld zu verdienen. Die aktuelle Sechs-Kilometer-Bestimmung gehört ein für allemal aufgehoben. Aus, Schluss!"

"So wie es evidenzbasierte Medizin gibt, muss es endlich auch evidenzbasierte Politik geben", fordert schließlich Dr. Silvia Belalcazar, Gesundheitsexpertin der NEOS und selbst Ärztin in Wien. Eine Flexibilisierung der Praxisangebote ist ihr ebenso wichtig wie der Abbau bürokratischer Überfrachtung. Überfällig sei auch die Berufsbezeichnung "Facharzt für Allgemeinmedizin", die endlich die gesellschaftliche Wertschätzung für das hausärztliche Wirken unterstreichen würde.

 

Der Österreichische Hausärzteverband werde nicht locker lassen und auf eine raschestmögliche Umsetzung seines "Zehn A - Planes" zur Rettung der Hausärzte drängen, betonte Dr. Geppert abschließend.

Zehn Anforderungen zur Rettung der Hausärzte

1. Anerkennung als Primärversorger

Um Hausarztpraxen für gut ausgebildete Jungärzte wieder attraktiv werden zu lassen, muss der Allgemeinmediziner zum ersten und zentralen Ansprechpartner unseres Gesundheitssystems aufgewertet werden.

2. Ambulanzzugang einschränken

Auch wenn die Erfahrungen aus dem Jahre 2003 schmerzlich sind, es führt kein Weg daran vorbei. Aufgeblähte Ambulanzen sind ein Grund dafür, dass Österreich mit jährlich 261 Spitalsaufenthalten pro 1000 Einwohner an der Weltspitze rangiert.

3. Anreize zur Praxisgründung

Schon einmal konnte ein großer Mangel an Landärzten erfolgreich behoben werden. Bereitstellung von Praxisräumlichkeiten und Schaffung von Wohnstätten können mithelfen, landärztliche Versorgungsstrukturen zu retten.

4. Abbau der Kassenbürokratie

Die Forderung einiger Parlamentsparteien nach Zusammenlegung der Krankenkassen hat bei der Vertragsärzteschaft längst ihren Schrecken verloren. Unter anderem wäre eine Reduzierung der Bürokratie die logische Folge.

5. Abschaffung der Chefarztpflicht

Laut Umfrage lehnt die Mehrheit der Österreicher die Chefarztpflicht kategorisch ab. Zwei Drittel der Ärzte wollen dieses Bürokratiemonster abgeschafft wissen. Über 70 Prozent der Patienten unterstützen sie dabei.

6. Alle Formen der Zusammenarbeit

Über Jahrzehnte hindurch waren Kassenärzte zu Einzelkämpfern verdammt. Gruppenpraxen in bisheriger Form und die Ärzte-GmbH wurden nur wenig angenommen. Jetzt muss endlich Teamarbeit in Hausarzt-Praxen Platz greifen.

7. Anstellung von Ärzten bei Ärzten

Gegen alle Widerstände muss diese Möglichkeit geschaffen werden. Nur durch rasche personelle Aufstockung in den Ordinationen von Kassen-Allgemeinmedizinern kann Verkürzung von Wartezeiten erreicht werden.

8. Apotheke für jeden Landarzt

Der Gesetzgeber muss den Mut aufbringen, die völlig antiquierten Schutzzonen um öffentliche Apotheken zu beseitigen. Nur so kann das permanente Auslöschen von Hausapothekenstandorten eingedämmt werden.

9. Ausbildung in Lehrpraxen

Soll ausschließlich in Ordinationen Niedergelassener erfolgen. 12 Monate verpflichtend. Finanzierung durch die öffentliche Hand. Finnland oder die Schweiz als Vorbild für die Entlohnung von Lehrpraxis-Assistenten.

10. Adäquater Leistungskatalog

Zeitgemäße Honorarkataloge sollen Anreize zur Leistungsvielfalt schaffen und mithelfen, das Überweisungsverhalten der Hausärzte spürbar zu ändern. Damit können Facharztpraxen und Spitalsambulanzen entlastet werden.

Weitere Informationen unter www.hausaerzteverband.at

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