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© Marco Baass/Panthermedia

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Mag. Peter McDonald, Obmann-Stellvertreter der SVA

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Prof. Dr. Thomas Szekeres, Präsident der Ärztekammer für Wien

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Prof. Dr. Bernhard Schwarz, Leiter des Instituts für Gesundheitsökonomie der Karl Landsteiner Gesellschaft, Zentrum für Public Health, MedUni Wien

 
Gesundheitspolitik 11. Juni 2013

Standpunkte: Unterschriften gegen SVA-Selbstbehalte

Ein gleichermaßen bunt wie prominent besetztes Aktionskomitee hat seinen Kampf gegen den 20-prozentigen Selbstbehalt beim Arztbesuch für Selbstständige verstärkt.

Vor einem halben Jahr formierte sich ein vom Sozialdemokratischen Wirtschaftsverband Wien initiiertes Aktionskomitee gegen den SVA-Selbstbehalt für Unternehmer. Nachdem die Initiative prominente Unterstützung gefunden hatte – etwa seitens der Grünen Wirtschaft, der Ärztekammer für Wien, SPÖ-Finanzstaatssekretär Andreas Schieder, Schauspieler Adi Hirschall oder Gabriele König, Vorsitzende des Netzwerks Business-Mamas –, wurde nun ein neuer Anlauf genommen, um den ÖVP-Wirtschaftsbund und die Sozialversicherungsanstalt der gewerblichen Wirtschaft (SVA) umzustimmen. Die laufende Unterschriftenaktion hat bisher in Wien rund 4.000 Unterstützungen gebracht, bis Ende Juni sollen es österreichweit 10.000 sein. Für Schieder etwa ist die „Hürde des Selbstbehalts beim Arztbesuch“ vor allem für Ein-Personen-Unternehmen (EPUs) „sozial- und gesundheitspolitisch ein Wahnsinn“. In Österreich gibt es rund 450.000 Selbstständige, 240.000 davon sind EPUs. Auch Volker Plass, Bundessprecher der Grünen Wirtschaft, hält die Selbstbehalte für „ungerecht und gesundheitspolitisch kontraproduktiv“ und fordert eine ersatzlose Streichung derselben. Plass zitiert dazu eine repräsentative Umfrage des SORA-Instituts, wonach „eine klare Mehrheit von 56 Prozent der SVA-Versicherten die Selbstbehalte beim Arztbesuch wenig oder gar nicht gerecht findet und als Bestrafung der Kranken sieht.“ Die SVA-Urbefragung kommt allerdings zu diametral entgegengesetzten Ergebnissen: Demnach sprechen sich über 80 Prozent der Versicherten für die Beibehaltung der Selbstbehalte aus.

Engagement wird belohnt

McDonald: „Eine derartige Steigerung an Vorsorgeuntersuchungen hat es zuvor noch nie gegeben.“

Unsere Versicherten haben in der Urbefragung mit 83 Prozent deutlich für die Beibehaltung der Selbstbehalte gestimmt. Internationale Studien geben uns recht: Intelligente Selbstbehalte haben gesundheitsökonomisch positive Effekte. So sinkt die Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen, wobei kein nachteiliger Effekt für die Gesundheit der Versicherten feststellbar ist. Wer einen kleinen Teil selbst zahlt, entwickelt ein erhöhtes Kosten- und Gesundheitsbewusstsein. Wir haben bei unserem Selbstbehalt Augenmerk auf die soziale Ausgewogenheit gelegt. Das heißt: Bei geringem Einkommen oder bestimmten Diagnosen bezahlen SVA-Versicherte keinen Selbstbehalt. Parallel dazu haben wir heuer auch eine Selbstbehalts-Obergrenze von fünf Prozent eingeführt. Keiner soll mehr als fünf Prozent seines Einkommens für Selbstbehalte ausgeben.

Wie man mit Selbstbehalten als intelligentes Steuerungselement umgeht, haben wir in der SVA mit unserem Vorsorgeprogramm „Selbständig Gesund“, das gemeinsam mit der Ärztekammer entwickelt wurde, bewiesen. „Vorsorgen ist besser als heilen“ lautet unsere Devise und so investieren wir frühzeitig in die Gesundheit unserer Versicherten, was viele Folgekrankheiten erspart. Ganz nach dem Motto „Tu was für deine Gesundheit und du wirst belohnt“ profitieren alle Versicherten, die sich freiwillig für die eigene Gesundheit engagieren. Wer bei einem Gesundheitscheck gemeinsam mit dem Arzt individuelle Gesundheitsziele vereinbart und diese erreicht, spart den halben Selbstbehalt. Seit 2012 bieten wir diese Vorsorgeinitiative auf freiwilliger Basis an und die Zahl der Vorsorgeuntersuchungen ist um 40 Prozent gestiegen. Eine derartig massive Steigerung hat es in der Geschichte der Sozialversicherung noch nie zuvor gegeben. In der SVA setzen wir auf Prävention und auf die Eigenverantwortung unserer Versicherten. Wer sich um seine Gesundheit kümmert, soll belohnt werden. So profitieren die Versicherten von mehr Gesundheit und mehr Lebensqualität und die Versichertengemeinschaft von geringeren Kosten – eine Win-win-Situation.

  

Kein Selbstbehalt für Arme

Szekeres: „Medizinische Leistungen müssen für alle gleichermaßen erschwinglich sein.“

Selbstbehalte sind ein Signal in die falsche Richtung. Vor allem die Betreiber von kleinen Ein-Personen-Unternehmen verschieben möglicherweise viele Arztbesuche oder verzichten ganz auf diese, weil sie sich in ihrer wirtschaftlichen Situation Selbstbehalte schlicht und einfach nicht leisten können. Die Folge davon ist, dass viele Patienten viel zu spät in die Arztordinationen kommen. Krankheiten werden dadurch zu spät erkannt. Daraus entstehen sowohl gesundheitliche Folgeschäden als auch erhebliche Mehrkosten für das Gesundheitssystem.

Im schlimmsten Fall werden Krankheiten sogar erst so spät entdeckt und nehmen dann eine so lange Genesungszeit in Anspruch, dass Selbstständige schlussendlich ihr Unternehmen zusperren müssen, weil sie durch ihre Krankheit gar keine Einnahmen mehr haben – ein Teufelskreis, dem durch die Abschaffung des Selbstbehalts für finanziell schlecht gestellte Menschen entgegengesteuert werden muss. Aus medizinischer Sicht unterstütze ich daher den Vorstoß für eine Abschaffung des 20-prozentigen SVA-Selbstbehalts für Selbstständige. Medizinische Leistungen müssen für alle Patientinnen und Patienten gleichermaßen erschwinglich sein.

Es gibt zudem eindeutige Ergebnisse aus der medizinischen Forschung, wonach Armut und Krankheit signifikant korrelieren. Ärmere Menschen sind demnach auch öfter krank. Aus diesem Grund ist es besonders wichtig, dass gerade bei ärmeren Bevölkerungsgruppen ein leichter, niederschwelliger Zugang zu Gesundheitsleistungen besteht. Hier sind Selbstbehalte – egal, welche Versicherung sie betreffen – generell problematisch und sollten daher gar nicht existieren beziehungsweise bestehende sollten abgeschafft werden.

Auch gibt es die skurrile Situation, dass in einigen Bereichen der Zugang zum niedergelassenen Arzt erschwert wird, während die teureren Strukturen des Krankenhauses auch im Ambulanzbereich ohne Zusatzzahlungen in Anspruch genommen werden können. Auch hier orte ich dringenden Handlungsbedarf. Die Maxime muss lauten: kein Selbstbehalt für arme Menschen!

  

Scheinheilige Diskussion

Schwarz: „Es macht Sinn, die Diversität dahingehend zu nutzen, um neue Modelle auszuprobieren.“

Die Diskussion um Selbstbehalte ist von einer gewissen Scheinheiligkeit geprägt. Wir haben derzeit ungefähr 25 Prozent der Gesundheitsausgaben in Form privater Zuzahlungen. Selbstbehalte bzw. private Zuzahlungen sind seit Jahren ein wesentlicher Finanzierungsfaktor und werden auch in Zukunft sowohl absolut als auch prozentuell eher steigen als abnehmen. Beispiele sind die Rezeptgebühr, moderne Zahnersätze oder angemessene Sehbehelfe. Soziale Faktoren werden nur zum Teil berücksichtigt und es gibt deutliche Unterschiede zwischen den Sozialversicherungsträgern. Es erscheint grotesk, wenn vor Urnengängen regelmäßig das Thema tabuisiert und so getan wird, als gebe es keine Selbstbehalte oder man könnte darauf verzichten.

Tatsächlich sind unsere Tarif- und Beitragssysteme permanent zu hinterfragen und zu optimieren. Wenn wir uns eine konstant hohe Zahl von Sozialversicherungsträgern leisten, während etwa in Deutschland diese drastisch reduziert wurden, so macht es doch Sinn, diese Diversität dahingehend zu nutzen, um neue Modelle auszuprobieren. Gerade im Bereich Prävention gibt es hier in Österreich sicher sehr großen Nachholbedarf und wir liegen in unseren Investitionen mit unserem „weltbesten“ Gesundheitssystem im Bereich der Prävention weit unter dem EU-Schnitt. Investitionen sind in Form von Finanzmitteln, aber auch nichtmonetär in Form von alternativen Ideen und Konzepten dringendst geboten.

Selbstbehalte bzw. Anreizsysteme sind generell keinesfalls abzulehnen, sie müssen nur intelligent angeboten werden. Nachgewiesen wirksam waren in Österreich etwa die Zahlungen im Rahmen der Mutter-Kind-Pass-Untersuchungen, die sehr kurzfristig zu deutlichen Erfolgen führten. Auch tarifliche Ausgestaltungen von medizinischen Leistungen verändern nachweislich die abgerechneten und damit wohl auch die tatsächlich erbrachten Leistungen. Auch wenn man am SVA-System zum Teil berechtigt Kritik üben mag, ist der Versuch, durch finanzielle Förderung Gesundheitskompetenz und Motivation zur Prävention zu erhöhen, sehr wichtig und begrüßenswert.

V. Weilguni, Ärzte Woche 24/2013

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