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Zentrale der Wiener Gebietskrankenkasse
 
Gesundheitspolitik 4. Juni 2013

Jubiläum: 145 Jahre WGKK

Obfrau Reischl: Versicherte stehen im Mittelpunkt des Handelns.

Die Wiener Gebietskrankenkasse (WGKK) feiert ihr 145-Jahr-Jubiläum: Ihre Vorgängerin, die "Allgemeine Arbeiter-Kranken- und Invalidenkasse" wurde im Frühjahr 1868 gegründet. Für WGKK-Obfrau Ingrid Reischl und WGKK-Generaldirektor Erich Sulzbacher Anlass genug, um am Dienstag einen Festakt in der WGKK-Zentrale am Wienerberg zu veranstalten.

Als Festredner standen am Podium: Gesundheitsminister Alois Stöger, Sozialminister Rudolf Hundstorfer, AK-Präsident Rudolf Kaske, ÖGB-Präsident Erich Foglar, GPA-djp-Vorsitzender Wolfgang Katzian und der erste Stellvertreter der WGKK-Obfrau, Alexander Herzog.

In ihren Begrüßungsworten erklärte WGKK-Obfrau Reischl, dass es der Arbeiterbewegung, der Sozialpartnerschaft und der sozialen Krankenversicherung zu verdanken sei, dass die österreichische Bevölkerung "die schrecklichen Arbeits- und Lebensbedingungen" des ausklingenden 19. Jahrhunderts hinter sich gelassen hat. Die Versicherten seien bereits bei der Gründung der selbstverwalteten Krankenkassen das treibende Element der sozialpolitischen Ausgestaltung gewesen, sagte Reischl, die unterstrich: "Dieser Grundsatz, dass allein der Versicherte im Mittelpunkt unseres unermüdlichen Handelns steht und stehen muss, gilt bis heute - und zwar unabhängig davon, ob jemand ein Mitglied der Selbstverwaltung ist oder in der Sozialversicherung beschäftigt ist."

WGKK-Generaldirektor Sulzbacher betonte ebenfalls den Stellenwert der Selbstverwaltung: "Dieses Prinzip hat sich bis heute bewährt." Erprobt sei auch die Dezentralisierung und die daraus resultierenden neun Gebietskrankenkassen. Gerade diese Struktur stelle in einem "grundsätzlich solidarischen System eine gesunde Konkurrenz dar", so Sulzbacher. Und weiter: "Wir wissen, dass wir immer an der Qualität und Effizienz unserer Schwesterkassen gemessen werden. Das ist die beste Garantie, dass keine Bürokratie entsteht, die macht, was sie will."

"Gesundheitssystem gibt der Bevölkerung Schutz"

"Sicherheit bedeutet für den einzelnen Menschen, im Krankheitsfall nicht davor Angst haben zu müssen, die notwendige Behandlung nicht bezahlen zu können. Unser Gesundheitssystem und natürlich auch die Wiener Gebietskrankenkasse geben der Bevölkerung diesen Schutz. Durch die Kassensanierung sind die Gebietskrankenkassen wieder auf einem sehr guten Weg und können in Zukunft ihren Versicherten noch mehr Leistungen anbieten", betonte Gesundheitsminister Alois Stöger.

Sozialminister Rudolf Hundstorfer wies in seinen Begrüßungsworten auf den hohen Stellenwert der Solidarität im heimischen Gesundheitssystem hin. "Wir leben in einer Welt, wo viele glauben, dass es sich der Einzelne richten kann. Am Beispiel des aktuellen Hochwassers sieht man aber, wie wichtig der Zusammenhalt ist", so der Minister. Neben der Solidarität sei auch wichtig, dass Versicherungssystem an die Zukunft anzupassen. Da sich die Medizin weiterentwickelt, wird es einen Veränderungsprozess geben. Hundstorfer: "Diesen Prozess müssen wir mitgestalten."

AK-Präsident Rudolf Kaske wies in seinem Statement ebenfalls auf die Wichtigkeit der Selbstverwaltung und die solidarische Ausgestaltung der Krankenkassen hin. Als ArbeitnehmerInnenvertreter sei es ihm ein Anliegen, dass es die bestmögliche Versorgung im Krankheitsfall gebe. "Genauso wichtig ist es aber, alles dafür zu unternehmen, dass die Menschen gar nicht erst krank werden", so Kaske. Dauerhafte Überlastung und Stress hätten die Zunahme von Burn-out und sonstigen psychischen Erkrankungen unter den Beschäftigten zur Folge. "Daher unterstütze ich die Forderung des ÖGB nach einer Reduktion der Überstunden. Um dies zu erreichen, sollen die Arbeitgeber pro Überstunde einen zusätzlichen Euro zahlen. Die Einnahmen daraus sollen je zur Hälfte in die Kranken- und die Arbeitslosenversicherung fließen", sagt Kaske.

Qualitätssteigerung, Prävention und Kundenzufriedenheit als Zukunftsthemen

ÖGB-Präsident Erich Foglar thematisierte neben den gewerkschaftlichen Wurzeln der Gebietskrankenkassen auch den hohen Stellenwert der Prävention. "Die Aufgaben haben sich gewandelt. Wurden früher vermehrt Arbeitsunfälle behandelt und von den Versicherungen bezahlt, so werden es in Zukunft Prophylaxen sein." Zum einen gehe es dabei um altersgerechte Arbeitsplätze und zum anderen um die Verminderung von Belastungen, denen die jüngeren Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ausgesetzt sind. Eine Frage sei auch, so Folgar, wie psychische Belastungen verhindert werden können.

Auf die Rolle der Gewerkschaften bei der Gründung der Gebietskrankenkassen ging auch GPA-djp-Vorsitzender Wolfgang Katzian ein: "Tatsache ist: Die Dinge, die wir jetzt haben, ist dem Wirken der gewerkschaftlichen Bewegung zu verdanken." Die Menschen im ausklingen 19. Jahrhundert hätten sich nicht ihrem Schicksal ergeben, sondern seien aktiv geworden und hätten gegen die Missstände angekämpft, so Katzian, der auch das Thema Pflichtversicherung ansprach. Diese sei neben der Selbstverwaltung ein "weiteres wichtiges Element der Sozialversicherung." Ohne der Pflichtversicherung würden nämlich "die guten Risken bei Privatversicherungen landen und die schlechten bei den Gebietskrankenkassen."

Der erste Stellvertreter der WGKK-Obfrau, Alexander Herzog, ging in seinen Begrüßungsworten auf die Verantwortung der Dienstgeber für das Sozialversicherungssystem ein. Er erklärte, dass sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer das System finanzieren und daher beide Seiten Verantwortung für das System tragen, das es auch in Zukunft zu erhalten gibt. Themen, die die WGKK in Zukunft begleiten werden, sind seiner Ansicht nach Qualitätssteigerung, die Einbringung von Kompetenz, Prävention und Kundenzufriedenheit.

Überblick über die historischen Wurzeln

Die Wiener Gebietskrankenkasse (WGKK) ist die älteste Gebietskrankenkasse Österreichs. Ihre Wurzeln reichen bis in das Jahr 1868 zurück, als die "Allgemeine Arbeiter-Kranken- und Invalidenkasse" gegründet wurde. Aus diesem Grund wurde am Dienstag in der WGKK-Zentrale das 145-jährige Jubiläum begangen.



Auslöser für die Entstehung der Krankenkasse war die Unzufriedenheit der Arbeiter mit der Absicherung nach Unfällen oder im Krankheitsfall. Denn bevor die Kasse gegründet wurde, waren die Arbeiter in den genannten Fällen meist auf sich allein gestellt. Da das Einkommen für medizinische Behandlung nicht reichte, blieb oft nichts anderes übrig, als zu betteln oder - bei Zuwanderern - in die Heimat zurückzukehren.
Auch als das erste arbeits- und sozialrechtliche Gesetz, die Gewerbeordnung von 1859, in Kraft trat, war die Versorgung nach Unfällen und während Krankheiten nur lückenhaft geregelt. Zudem beklagten die Arbeiter, dass die Unternehmer die in die sogenannten Fabrikskrankenkassen eingezahlten Beiträge unterschlagen haben.

Die Wende kam schließlich 1867, als Kaiser Franz Josef Grundrechte wie Vereins-, Versammlungs- und Redefreiheit gewährte und ein neues, liberales Vereinsgesetz eingeführt wurde. Einige Arbeiter aus Gumpendorf und Neubau gründeten den ersten Arbeiterbildungsverein. Dort sollten Interessierte Zugang zur Bildung erhalten. In dem Verein wurde aber auch die Forderung nach selbstverwalteten Krankenkassen aufgegriffen.

Selbstverwaltung wurde gesetzlich anerkannt

Im Frühjahr 1868 fanden sich einige Vereinsmitglieder zusammen, um die Statuten einer allgemeinen Arbeiterkrankenkasse zu entwerfen. Mit der so geschaffenen "Allgemeinen Arbeiter-Kranken- und Invalidenkasse" wurde ein Institut ins Leben gerufen, das den Wünschen und Bedürfnissen der Arbeiter Rechnung trug. Der Versicherungsbeitrag kostete wöchentlich so viel wie eine durchschnittliche Mahlzeit in einem Wiener Gasthaus. Als Gegenleistung bekamen die Arbeiter eine Unterstützung, die im Krankheitsfall zum Überleben ausreichte. Für etwas mehr Geld bekam man auch freie ärztliche Versorgung und Medikamente. Vertrauen schaffte die neue Selbstverwaltung: Die Versicherten wählten ihre Funktionäre selbst. In den 1870er-Jahren wurde das Institut in "Allgemeine Arbeiter-Kranken- und Unterstützungskasse" umbenannt, da die Invalidenabteilung nicht genügend Erfolg hatte.

Im Lauf der nächsten Jahre wurden unzählige Krankenkassen gegründet. 1888 verabschiedete man das Krankenversicherungsgesetz für Arbeiter - Vereinskassen und Selbstverwaltung wurden Teil des staatlichen Systems. Gegen Ende der 1920er-Jahre wurde beschlossen, die Kassen zu fusionieren. Im Zuge dieser Regelung schlossen sich die Wiener Bezirkskrankenkasse und die Allgemeine Arbeiter-Kranken- und Unterstützungskasse 1927 zur selbstverwalteten Wiener Gebietskrankenkasse zusammen.

Zäsur im Austrofaschismus

1934 kam es zu einer Zäsur: Das austrofaschistische Regime unter Engelbert Dollfuß zerschlug die Selbstverwaltung. Es wurden Verwalter von der Regierung eingesetzt, die die Krankenkassen leiteten. Wenige Jahre später und nach dem Anschluss an Hitlerdeutschland wurde die WGKK zur "Allgemeinen Ortskrankenkasse Wien" umgestaltet. Die Verwaltung stand im Zeichen des autoritären "Führerprinzips". Das bewährte System der Selbstverwalteten Krankenkassen wurde erst 1947 wiederhergestellt.
Das Prinzip der Selbstverwaltung hat sich bis heute bewährt. Gemeinsam mit der Dezentralisierung in Form von neun Gebietskrankenkassen ist die soziale Krankenversicherung auch für die Zukunft gut aufgestellt.

Buch zum Thema "145 Jahre WGKK"


Zum Thema "145 Jahre WGKK" erscheint im Juni 2013 auch ein Buch mit dem Titel "Die Allgemeine Arbeiter-Kranken- und Invalidenkasse in Wien 1868 - 1880. Die Wurzeln der Wiener Gebietskrankenkasse: Entstehung, Umfeld und Erfolge." Herausgegeben wird das Buch vom ÖGB-Verlag.


Im Folgenden die wichtigsten Daten auf einen Blick:

  • 1868: Mitglieder des Wiener Arbeiterbildungsvereins gründen die "Allgemeine Arbeiter-Kranken- und Invalidenkasse"
  • 1869 - 1872: Schnelles Wachstum der Kasse
  • 1873: Börsenkrach und Wirtschaftskrise
  • 1874 - 1880: Konsolidierung der Wiener Arbeiterkasse, Fortsetzung des Erfolgskurses
  • 1888: Krankenversicherungsgesetz, Vereinskassen und Selbstverwaltung werden Teil des staatlichen Systems
  • 1927: Fusion der Bezirkskrankenkasse Wien mit der Allgemeinen Arbeiter-Kranken- und Unterstützungskasse zur Wiener Gebietskrankenkasse
  • 1934: Zerschlagung der Selbstverwaltung während des Austrofaschismus
  • 1938: Anschluss an Hitlerdeutschland, Verwaltung stand im Zeichen des "Führerprinzips"
  • 1947: Wiederherstellung der Selbstverwaltung
  • 1955: Allgemeines Sozialversicherungsgesetz

PA WGKK/IS, springermedizin.at

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