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Dr. Karlheinz Töchterle, Wissenschafts- und Forschungsminister

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Christian Orasche, Vorsitzender der ÖH Medizin Wien

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Dr. Artur Wechselberger, Präsident der Österreichischen Ärztekammer

 
Gesundheitspolitik 6. Juni 2013

Finanzielle Entschädigung für Klinisch-Praktisches Jahr?

Die Österreichische Hochschülerschaft hat die zuständigen Minister und den Ärztekammerpräsidenten dazu aufgefordert, ein „gerechtes Modell“ inklusive „Aufwandsentschädigung“ zu erarbeiten.

Ab Sommer 2014 müssen an den MedUnis Wien, Graz und Innsbruck angehende Ärzte während der letzten 48 Wochen ihrer Ausbildung ein neues Klinisch-Praktisches Jahr (KPJ) absolvieren. Studierendenvertreter warbeb vor drohenden finanziellen Folgen für die Studierenden und fordern eine österreichweite „Aufwandsentschädigung“. Der Hochschülerschafts-Vorsitzende der MedUni Wien, Christian Orasche, begründet die Forderung unter anderem damit, dass es neben einer unbezahlten 35-Stunden-Woche kaum möglich wäre, zusätzlich zu arbeiten. Das sei aber für viele Studierende notwendig, um sich ihr Studium leisten zu können. Mittel für eine Entschädigung ortet Orasche bei den Krankenanstalten selbst, die bereits angekündigt hätten, Turnusstellen zu streichen und die Studierenden im KPJ für viele Routinetätigkeiten einzusetzen. Die Hochschülerschaft hat daher die Minister Töchterle und Stöger sowie Wechselberger aufgefordert, gemeinsam mit ihr und den Krankenanstaltenträgern „ein gerechtes Modell zu erarbeiten“. Unterstützung kommt aus der Sektion Turnusärzte der Ärztekammer für Wien. Obmann Stephan Ubl meint, dass mit einer „zumindest minimalen Aufwandsentschädigung“ vielen Studierenden nicht nur finanziell geholfen wäre, sondern sie auch Vordienstzeiten angerechnet bekämen und pensionsversichert wären. Es könne nicht sein, so Ubl, dass Österreich riskieren will, noch mehr Jungärzte ans Ausland zu verlieren, wo es nicht nur eine „hohe Aufwandsentschädigung für das KPJ gibt, sondern auch die Ausbildung zum Allgemeinmediziner oder Facharzt deutlich besser bezahlt wird.“

  

Bestmögliche Berufsvorbereitung

Töchterle: „Die Forderung der ÖH der MedUni Wien nach einer Aufwandsentschädigung entbehrt der rechtlichen Grundlage.“

Die Medizinischen Universitäten haben in den vergangenen Jahren die Qualität der medizinischen Ausbildung nachhaltig gesteigert. So wurden etwa mit der Einführung von Aufnahmeverfahren, der Adaptierung der Curricula, der verstärkten klinischen und patientenorientierten Ausbildung und dem Kompetenzlevelkatalog wichtige Schritte für eine klare Verbesserung der medizinischen Ausbildung gesetzt.

Die Einführung des Klinisch-Praktischen Jahres durch die drei Medizinischen Universitäten bringt eine weitere qualitative Steigerung der medizinischen, insbesondere klinischen Ausbildung. Oftmals fehlt(e) den Studierenden der Praxisbezug in ihrer Ausbildung. Das belegen auch Zahlen: Nur 57 Prozent der Studierenden an Medizinischen Universitäten waren im Sommersemester 2011 mit dem Praxisbezug ihres Studiums zufrieden. Das Klinisch-Praktische Jahr stellt nun sicher, dass Studierende am Krankenbett, am Patienten und vom Lehrenden direkt und mit ausreichend Praxisbezug lernen können. Diese Curricula-Änderung ist somit eine wesentliche Voraussetzung für eine qualitativ hochwertige klinische Ausbildung.

Das Klinisch-Praktische Jahr umfasst 48 Wochen, ist eine praktische Ausbildung und an den jeweiligen Stationen und Kliniken als Praktikum zu absolvieren. Die Einbindung in den Klinikalltag führt die angehenden Ärzte hervorragend an den Beruf heran und ist eine gute Vorbereitung für den klinischen Alltag und die Patientenversorgung. Die Forderung der Hochschülerschaft an der Medizinischen Universität Wien, diese Praktika zu entlohnen oder den Studierenden eine Aufwandsentschädigung zukommen zu lassen, entbehrt der rechtlichen Grundlage. Denn das Praktikum selbst ist Teil des Curriculums und als solches als Lehrveranstaltung zu bezeichnen. Die Absolvierung der Lehrveranstaltung, auch im Rahmen eines Praktikums an einer Krankenanstalt, kann keinesfalls zur Begründung von Abgeltungsansprüchen führen. Die von der Hochschülerschaft an der Medizinischen Universität Wien formulierte Forderung wäre gegebenenfalls mit den betroffenen Krankenanstaltenträgern zu diskutieren.

  

Gefahr für berufstätige Studierende

Orasche: „Wir fordern österreichweit Aufwandsentschädigungen für Studierende im Klinisch-Praktischen Jahr.“

Die Medizinischen Universitäten Wien führt im Studienjahr 2014/2015 das Klinisch-Praktische Jahr im Ausmaß von 48 Wochen ein. Durch dessen Einführung stehen unsere Studierenden vor einer neuen finanziellen Problematik. In diesen 48 Wochen leisten die Studierenden eine für die Gesellschaft und für den Krankenanstaltenträger wertvolle Arbeit, mit der sie auch die an den Stationen bereits tätigen Ärzte unterstützen werden. Neben einer unbezahlten 35-Stunden-Woche im Krankenhaus ist es nahezu unmöglich, zusätzlich zum Studium einer beruflichen Tätigkeit nachzugehen. Da für das Klinisch-Praktische Jahr bisher keine Aufwandsentschädigung angedacht ist, stehen berufstätige Studierende vor einer nicht tragbaren Situation und der Gefahr, dass sich der Studienabschluss dadurch maßgeblich verzögert.

In den meisten Studienrichtungen ist es Usus, dass Praktika finanziell entschädigt werden. Auch im internationalen Vergleich erhalten Studierende im Klinisch-Praktischen Jahr eine Aufwandsentschädigung, so etwa in der Schweiz oder in Deutschland. Des Weiteren haben bereits zahlreiche Krankenanstalten angekündigt, Turnusstellen einzusparen, da viele Routinetätigkeiten von Studierenden übernommen werden sollen. Tritt dies tatsächlich ein, müssten dadurch finanzielle Mittel vorhanden sein, um den Studierenden eine angemessene Entschädigung auszahlen zu können.

Von vielen Seiten werden steuer- und versicherungsrechtliche Argumente vorgebracht, weswegen eine Bezahlung der Studierenden nicht möglich sein soll. Dies können wir als Hochschülerschaft nicht nachvollziehen, da Aufwandsentschädigungen bereits jetzt auch schon in vereinzelten Spitälern im Westen Österreichs bezahlt werden. Damit eine finanzielle Absicherung für die Studierenden gewährleistet wird, fordern wir österreichweit flächendeckende Aufwandsentschädigungen für Studierende im Klinisch-Praktischen Jahr. In diesem Sinn ergingen in den letzten Wochen offene Briefe an die Verantwortlichen in den Bundesministerien für Gesundheit und Wissenschaft sowie an die Österreichische Ärztekammer.

  

Positive Erfahrungen

Wechselberger: „Möglichkeit, die Praxisrealität aus erster Hand zu erfahren und einen empathischen Umgang mit Patienten zu erlernen.“

Die Einführung des Klinisch-Praktischen Jahres stellt für den medizinischen Nachwuchs eine praxisnahe und damit unverzichtbare Ergänzung der theoretischen universitären Ausbildung dar. Die Österreichische Ärztekammer steht dieser zusätzlichen Ausbildungseinheit positiv gegenüber. Die ersten Erfahrungen sind gut, auch die Studierenden stellen dem Klinisch-Praktischen Jahr – das es an den Medizinischen Universitäten in Graz und Innsbruck bereits seit mehreren Jahren gibt – ein gutes Zeugnis aus. Das Klinisch-Praktische Jahr wird ab August 2014 an allen Medizinischen Universitäten das letzte Studienjahr ausfüllen, 48 Wochen umfassen und entweder an einer Universitätsklinik oder in einem von der jeweiligen Universität akkreditierten Lehrkrankenhaus absolviert werden. Unter Aufsicht lernen die angehenden Mediziner, ihr theoretisches Wissen in die Praxis umzusetzen und Verantwortung für Patienten zu übernehmen. Da auch niedergelassene Allgemeinmediziner in das Programm eingebunden sind, haben die Studierenden die Möglichkeit, die Praxisrealität aus erster Hand zu erfahren und den empathischen Umgang mit Patienten zu erlernen.

Den Lehrverantwortlichen muss dabei jedoch immer bewusst sein, dass es sich beim Klinisch-Praktischen Jahr um eine praktische Ausbildung von Studierenden im Rahmen ihres Medizinstudiums handelt. Die Studierenden zum Schließen von Versorgungslücken im Krankenhausbetrieb einzusetzen, würde einer Miss- bzw. Fehlverwendung entsprechen und auch den Lehrinhalten des Klinisch-Praktischen Jahres zuwiderlaufen. Diese werden von den Universitäten festgelegt; ein gemeinsam erarbeiteter Kompetenzlevelkatalog sorgt dafür, dass die praktische Ausbildung nach genau definierten Standards erfolgt. Den Lehrkrankenanstalten, die dieses straffe Ausbildungsprogramm umsetzen müssen, obliegt es zudem, besondere Rücksicht auf die Bedürfnisse jener Studierenden zu nehmen, die neben dem Studium weitere Verpflichtungen, etwa im familiären Rahmen, wahrnehmen oder die sich ihr Studium bzw. Teile davon selbst finanzieren müssen.

V. Weilguni, Ärzte Woche 23/2013

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