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© Österreichische Zahnärztekammer
Poster der Kampagne „Ende der ZahnSteinZeit“.

DDr. Hannes Westermayer, Präsident der Österreichischen Zahnärztekammer

 
Gesundheitspolitik 27. Mai 2013

Stiefkinder im Kassenvertrag

Mit einem Vertrag aus dem Jahr 1957 befindet sich Österreich laut Zahnärztekammer in der „Zahn-Steinzeit“.

Unter dem Motto „Ende der ZahnSteinZeit“ starten Österreichs Zahnärzte eine Informationskampagne, um auf einen veralteten Kassenvertrag aufmerksam zu machen, der teure Selbstbehalte für die Patienten nach sich zieht, und um das Bewusstsein für eine moderne Zahnmedizin zu schärfen.

„Der aktuell gültige Kassenvertrag stammt in den Grundzügen noch aus dem Jahr 1957! Es geht um eine optimale Basisversorgung jedes Patienten mittels abrechenbarer Kassenleistungen ohne Selbstbehalte“, fordert Dr. Hannes Westermayer, Präsident der Zahnärztekammer Österreichs. „Wir wollen unseren Patienten zeitgemäße Behandlungen auf Vertragsbasis bieten, die der Zahnmedizin des 21. Jahrhunderts entsprechen.“

Diese Forderung ergibt sich auch gerade in Bezug auf die aktuelle Berichterstattung in den Medien von Gesundheitsminister Alois Stöger und dem Vorsitzenden des Hauptverbandes der österreichischen Sozialversicherungsträger, Dr. Hans Jörg Schelling, dass die Krankenkassen saniert seien und von beiden die Bereitschaft bekundet wurde, Mittel für die Zahnheilkunde bereitzustellen. Die Österreichische Zahnärztekammer erwartet daher jetzt, dass die Leistungen des Kassenvertrages nun rasch im Sinne der Patienten modernisiert werden.

Unzumutbare Selbstbehalte

„Wir fordern eine Modernisierung des Kassenvertrages und diese müsste damit beginnen, dass zwischenzeitlich unzumutbare Selbstbehalte und Zusatzzahlungen für die Patienten bei längst anerkannten Behandlungsmethoden abgeschafft werden“, erklärt Westermayer und fordert daher Zugang zu einer modernen Zahnmedizin für alle Österreicher. „Es geht dabei nicht um höhere Honorare für Zahnärzte, sondern um die Sicherstellung einer leistbaren Basisversorgung für sozial schwache Patienten“, betont Westermayer.

Weniger Kassenverträge, wachsende Bevölkerungszahl

Obwohl die Bevölkerung in den letzten zehn Jahren um fünf Prozent gestiegen ist, hat die Krankenkasse 171 Kassenordinationen eingespart, das entspricht sechs Prozent der Kapazitäten. „Dadurch hat sich die Versorgungsqualität für die Patienten deutlich verschlechtert. Das können und wollen wir unseren Patienten gegenüber nicht verantworten“, legt Westermayer dar.

Gesprächsbereit

Einen möglichen Ausweg aus dieser Entwicklung sieht die Österreichische Zahnärztekammer in der Schaffung von Gemeinschaftspraxen: „Es gibt die Gemeinschaftspraxis – aufgrund ausufernder Auflagen – derzeit nur auf dem Papier“, erläutert Westermayer. „Wir sind gesprächsbereit und warten seit zwei Jahren auf eine Antwort der Kassen auf unsere Vorschläge zu diesem Thema.“

Kinderzahnheilkunde ist quasi nicht existent

Weiters fordern die Vertreter der österreichischen Zahnärzte eine Aufnahme von Zahnvorsorgeuntersuchungen in den Mutter-Kind-Pass. „Parodontitis ist die Volkskrankheit Nummer eins in Österreich. Im Sinne der Vorsorge könnten mit wenigen, günstigen Untersuchungen teure Folgekosten für die Gesellschaft vermieden werden“, erläutert der Pressereferent der Österreichischen Zahnärztekammer, Dr. Claudius Ratschew.

„Derzeit sind etwa Untersuchungen durch einen Orthopäden, einen Hals-Nasen-Ohrenarzt oder durch einen Augenarzt verpflichtend vorgesehen. Ein Besuch beim Zahnarzt kommt nicht darin vor, wäre aber dringendst nötig“, so Ratschew. Dabei geht es nicht nur um zahnärztliche Untersuchungen des Kindes, sondern auch der Mutter. Und auch was die Leistungen des Kassenvertrages betrifft, gibt es bei der Kinderzahnheilkunde Nachholbedarf, denn es gibt keine speziellen Leistungen für Kinder im Kassenvertrag.

Kieferorthopädie, Stiefkind im Kassenvertrag

Schlussendlich ist den Kammervertretern eine moderne Kieferorthopädie ein Anliegen. Seit 40 Jahren wurde praktisch keine Änderung im Kassenvertrag an moderne Behandlungsmethoden vorgenommen, obwohl es enorme Fortschritte gibt. „Gerade die Selbstbehalte für Eltern sind sehr hoch, und ein kindgerechter Leistungskatalog fehlt gänzlich“, erläutert Dr. Karl-Anton Rezac, Kassenreferent der Österreichischen Zahnärztekammer.

Lediglich die abnehmbaren Zahnspangen wurden 1973 in den Kassenvertrag aufgenommen. Deren Verwendung sinkt heutzutage aber stark, da festsitzende Behandlungen mit Brackets oder durchsichtigen Folien bereits zum Standard gehören. Für abnehmbare Zahnspangen sieht der Kassenvertrag einen grundsätzlichen Selbstbehalt von 50 Prozent vor, für die öfter eingesetzte, festsitzende Kieferorthopädie hingegen gibt es nur geringen Kostenersatz seitens der Krankenkassen. Bei der Erstellung des Leistungskataloges im Kassenvertrag im Jahr 1957 gab es viele der heutigen wissenschaftlichen Erkenntnisse noch nicht und daher ist die Kieferorthopädie bis heute ein Stiefkind im Kassenvertrag.

Raus aus der ZahnSteinZeit

Die Österreichische Zahnärztekammer startet nun eine breit angelegte Kampagne, um sowohl Medien als auch die Patienten für die aktuelle Situation zu sensibilisieren. Die Informationskampagne unter dem Motto „Österreich in der ZahnSteinZeit – Zeit, dass sich das ändert!“ umfasst insgesamt vier Plakatsujets, die in den kommenden Wochen in den Zahnarztpraxen auf die aktuelle Situation aufmerksam machen sollen. Weiters gibt es Folder, die aufgelegt werden, sowie Terminzettel für die Patienten. Die Laufzeit der Kampagne ist bis in die Sommerwochen geplant.

Ziel ist es, so die Zahnärztekammer, Österreichs Patienten auf die unzeitgemäße Ausformung des Kassenvertrages aufmerksam zu machen und Politik sowie Entscheidungsträger bei den Sozialversicherungen dazu zu drängen, gemeinsam mit den Zahnärzten den veralteten zahnärztlichen Kassenvertrag im Sinne der Patienten umfangreich zu modernisieren.

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