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DI Dr. Wolfgang Habacher, Leiter der Forschungsgruppe Gesundheitswissenschaft, Joanneum Research, Niederlassung Wien

 
Gesundheitspolitik 24. Mai 2013

Gesundheitspolitik zwischen Theorie und Praxis

Nicht immer treffen Reformen im Gesundheitswesen, die durchaus Sinn machen würden, auf fruchtbaren Boden in der Politik. Eine neue Niederlassung von Joanneum Research am Standort Wien soll dem abhelfen.

HEALTH, das Institut für Biomedizin und Gesundheitswissenschaften, von Joanneum Research ist seit wenigen Tagen auch mit einer Niederlassung in Wien vertreten. Durch die Nähe zu den Entscheidungsträgern der öffentlichen Hand und der Industrie soll die Position als relevanter Player in der Planung und Evaluierung von Gesundheitsleistungen weiter gestärkt werden.

Der Forschungsbereich Gesundheitswissenschaften der steirischen Forschungsschmiede Joanneum Research beschäftigt sich mit der Erforschung und Begleitung von Maßnahmen zur Reformierung des öffentlichen Gesundheitswesens. Zu diesem Bereich gehören die Planung von Strukturen im Gesundheitssystem, die Weiterentwicklung von Versorgungsprozessen, Fragen zur Qualität der Versorgung, Health Technology Assessments und Themen aus der Gesundheitsökonomie.

DI Dr. Wolfgang Habacher, Forschungsgruppenleiter des Bereichs, gibt im Interview mit der Ärzte Woche Einblick in die Aktivitäten und Pläne.

Wie würden Sie die Arbeit von HEALTH beschreiben?

Habacher: Als unabhängige, wissenschaftlich-objektive Forschungsinstitution ist einer unserer Grundsätze die gesamtsystemische Sichtweise. Es geht uns immer um den Gesamtnutzen in einem Gesundheitssystem. Unsere Ergebnisse sind anwendungsorientiert und unabhängig. Daher sehen wir uns als idealer Brückenbauer zwischen Industrie und öffentlicher Hand.

Welche konkreten Projekte stecken hinter diesem Leitbild?

Habacher: Wir bearbeiten eine Reihe von Themen, wie beispielsweise den regionalen Strukturplan Gesundheit Steiermark. Hier geht es einerseits um die Berechnung von Kennzahlen für Standorte, Abteilungen oder um Bettenzahlen. Andererseits geht es um die Planung der gesamten ambulanten Versorgungsstrukturen, die in dieser sektorenübergreifenden Tiefe erstmalig in Österreich von uns berechnet wurden. Wir haben hier nicht nur internationale Literatur mit einbezogen, sondern auch den Ist-Stand betrachtet und Planrechnungen aufgestellt.

Sie waren an der Erstellung des „Regionalen Strukturplans Gesundheit Steiermark“ für 2008 und 2011 beteiligt. Wie sieht Ihr Resümee zu den Maßnahmen heute, im Jahr 2013, aus?

Habacher: Wie weit das, was wir hier errechnet haben, tatsächlich auch umgesetzt wird, ist natürlich keine Frage der Forschung, sondern eine zutiefst politische Frage. Nachdem der Plan in sich konsistent aufgebaut ist, macht es Sinn, alle vorgeschlagenen Maßnahmen umzusetzen und nicht nur einzelne Details herauszupicken, denn das würde die Abstimmung der einzelnen Strukturen, die im Plan inhärent ist, verändern. Eine Reihe von Maßnahmen aus den Plänen ist schon Realität, an anderen wird gearbeitet. Aus meiner Sicht ist schon davon auszugehen, dass diese Vorschläge alle umgesetzt werden.

Das spricht für die Qualität der Arbeit!?

Habacher: Unser Auftrag ist es, anwendungsorientiert zu arbeiten und damit umsetzungsreife Konzepte zu entwickeln. Das macht auch den Unterschied zu universitären Forschungseinrichtungen aus. Unser Fokus liegt schon vom Auftrag her auf der Umsetzbarkeit der ausgearbeiteten Ergebnisse. Die Arbeit an der Umsetzung mit allen Stakeholdern geht weit über das Konzeptive hinaus und erfordert Feingefühl und einen Schuss Pragmatismus.

Sie haben das Disease-Management-Programm (DMP) Diabetes in der Steiermark evaluiert. Welchen Nutzen können DMPs bringen und woran scheitert Ihrer Meinung nach eine flächendeckende Umsetzung von Disease Management Programmen in Österreich?

Habacher: Der ideale Nutzen wäre, fragmentierte Sektoren wieder zusammenzuführen und den Patienten in den Fokus zu rücken. Das heißt, dass der Patient und alle nötigen Informationen in einem Behandlungsprozess koordiniert weitergereicht werden. Das Ziel ist die beste Betreuung nach dem derzeitigen Stand der Wissenschaft und damit eine hohe Qualität der Betreuung. Beim Diabetes-DMP wurden viele ursprüngliche Ideen aufgeweicht, wie etwa die Einführung einer verpflichtenden Schulung für alle teilnehmenden Ärzte. Regelmäßige Feedback-Berichte zur Versorgungsqualität sollten die Ärzte aus ihrer Isolation zu mehr Kooperation führen. Dazu ist es nicht gekommen, denn das würde einen einschneidenden Kulturwechsel in der Ärzteschaft notwendig machen. Das braucht Zeit.

Welchen Stellenwert haben Health Technology Assessments in der österreichischen Politik?

Habacher: Sie habe mit Sicherheit nicht den Stellenwert, den sie haben sollten und den sie im internationalen Vergleich, vor allem in Ländern, mit denen wir uns sehr gerne vergleichen, durchaus haben. In vielen europäischen Ländern werden Health Technology Assessments (HTAs) als Entscheidungsgrundlagen bewusst erstellt und dann auch herangezogen. Davor wird in einem transparenten Prozess festgelegt, welche Themen in welcher Reihenfolge abgearbeitet werden. Damit wird auch viel mehr darauf Wert gelegt, was mit den Ergebnissen von HTAs passiert und wie das generierte Wissen in die direkte Patientenversorgung übergeführt werden kann.

In Österreich sind HTAs mehr eine akademische Übung, selten werden sie zumindest zur Rechtfertigung von politischen Entscheidungen herangezogen. Oft verschwinden sie einfach in einer Schublade. HTAs sind hochwissenschaftliche und starke Instrumente und hätten eine andere Würdigung verdient.

Was müsste passieren, dass sie diese Würdigung bekommen?

Habacher: Die Politik muss die Ergebnisse ernst nehmen. Das heißt auch, dass Auftraggeber jedes Ergebnis akzeptieren müssen, auch wenn es nicht den Vorstellungen entspricht. Das erfordert einen transparenten Ablauf, welche Themen nötig sind, in welcher Priorität sie erforscht werden und welche Ergebnisse am Tisch liegen. Für die Zuteilung von Themen muss ein transparenter, standardisierter Prozess erarbeitet werden und dazu gehört auch, wie auf Basis der Ergebnisse von HTAs die Entscheidungen getroffen werden. Die Forderung ist klar: Es geht um Offenheit, Transparenz und Nachvollziehbarkeit.

Wichtig wäre aus meiner Sicht auch eine Evaluierung von am Markt befindlichen Arzneimitteln und Gesundheitstechnologien. Produkte, aber auch Maßnahmen, die etabliert sind und bereits vor Jahren auf den Markt gebracht wurden, sollten regelmäßig und nach wissenschaftlichen Kriterien auch auf ihren Gesamtnutzen im jeweiligen Versorgungsprozess hin evaluiert werden.

Was können wir von einem Blick über den Tellerrand, beispielsweise nach England oder Deutschland, in diesem Zusammenhang lernen?

Habacher: Health Technology Assessment und eine evidenzbasierte Evaluierung und Technologiebewertung müssen die Entscheidungsgrundlage sein. Deutschland ist in diesem Bereich einen Schritt voraus, Ansätze in Österreich sind mit der Gesundheitsreform geplant.

In Österreich gibt es zurzeit eben keinen transparenten Prozess hinsichtlich der Themenpriorisierung für HTAs, der Auftragsvergabe und der Offenlegung der Ergebnisse und des darauf basierenden Entscheidungsprozesses. Diesbezüglich sind andere europäische Länder wie Deutschland und Großbritannien voraus.

Wenn wir in einem Jahr wieder hier sitzen, was werden Sie mir dann über die Entwicklung des Wiener Institutsstandortes erzählen können?

Habacher: Der Wiener Standort beherbergt mehr Mitarbeiter, er wächst und wurde von den Entscheidungsträgern in Politik und Industrie mit offenen Armen angenommen. Kurzum: Die Entscheidung, nach Wien zu gehen war die Richtige, und wir sind auf einem erfolgreichen Weg.

Das Interview führte Renate Haiden

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