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Zu lange Dienste fördern das Ausbrennen von Spitalsärztinnen und -ärzten.
 
Gesundheitspolitik 16. Mai 2013

Ärztekammer: 25 Stunden sind genug

Spitalsärzte arbeiten am Limit.

Die höchstzulässige Dienstdauer in den Spitälern müsse zum Schutz der Patienten und der Ärzte dringend verkürzt werden, forderte die Bundeskurie Angestellte Ärzte in der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK). Die derzeit erlaubten Dienste von bis zu 49 Stunden seien "eine potenzielle Gefahr für unsere Patienten und legalisierter Raubbau an der Gesundheit der Ärzteschaft", betonte ÖÄK-Vizepräsident und Bundeskurienobmann Harald Mayer am Mittwoch bei einer Pressekonferenz.

 

Patienten hätten das Recht auf einen ausgeruhten Arzt und auf höchstmögliche medizinische Qualität. Durch bessere Arbeitsbedingungen und eine gesetzliche Verankerung des 25-Stunden-Dienstes solle einerseits die Patientensicherheit gewährleistet sein. Andererseits sei es aber auch notwendig, durch attraktive Arbeitsbedingungen ärztlichen Nachwuchs in die Spitäler zu ziehen und dort zu halten. Ansonsten drohe ein Ärztemangel.

Gefährliche überlange Dienstzeiten

Wie gefährlich überlange Dienste sein können, habe bereits im Jahr 2009 eine Studie an der Universität Innsbruck ergeben. Mayer: "Wir wissen, dass Ärzte, die länger als 24 Stunden im Dienst sind, eine verlangsamte Reaktionsfähigkeit haben - ganz so, als hätten sie 0,8 Promille Alkohol im Blut." Die damit zusammenhängende Übermüdung stelle ein enormes Risiko dar, werde aber nicht thematisiert. "Dabei wissen wir aus dem Straßenverkehr, welche Folgen Schlafmangel haben kann. Rund fünf Prozent aller tödlichen Unfälle sind auf Übermüdung zurückzuführen, die Dunkelziffer liegt Experten zufolge vermutlich bei 30 Prozent", führte Mayer aus. Während regelmäßig gepredigt werde, dass man sich übermüdet auf gar keinen Fall ans Steuer setzen dürfe, werde von Ärzten offenbar erwartet, dass sie ohne Pausen auskommen und dennoch tadellose Arbeit liefern, kritisierte der Bundeskurienobmann.

Leidtragende Turnusärzte

Vor allem Turnusärzte kämen bei überlangen Dienstzeiten oft zum Handkuss, ergänzte Karlheinz Kornhäusl, stellvertretender Obmann der Bundeskurie Angestellte Ärzte und Obmann der Bundessektion Turnusärzte. "Das Kontrollamt hat Anfang des Jahres festgestellt, dass zu zwei Dritteln wir Turnusärzte unter Arbeitszeitüberschreitungen leiden. Die Turnusärzte-Evaluierung bestätigt dieses Bild", so Kornhäusl. Ruhezeiten würden nur unzureichend eingehalten, die Motivation nehme ab. Hauptursache sei die fehlende Balance zwischen Arbeits- und Freizeit.

Kornhäusl: "Wie unattraktiv die Tätigkeit in einem Krankenhaus mittlerweile sein kann, sieht man sehr gut daran, dass derzeit rund 170 Turnusstellen in ganz Österreich nicht besetzt sind. Das bedeutet in der Praxis für die verbliebenen Kolleginnen und Kollegen noch mehr Arbeit, und das wiederum führt in einen Teufelskreis aus überlangen Diensten, Übermüdung, Demotivation und Qualitätsverlust." Es brauche neue Arbeitszeitmodelle, die auch dem wachsenden Frauenanteil Rechnung trügen, forderte Kornhäusl.

Verantwortliche Spitalserhalter

Die Spitalserhalter und -träger seien gleichfalls in die Pflicht zu nehmen, betonte Dieter Kölle, zweiter stellvertretender Kurienobmann und Primararzt am Krankenhaus Schwaz. "In einzelnen Bundesländern gibt es bereits Betriebsvereinbarungen, die es ermöglichen, dass Ärztinnen und Ärzte grundsätzlich nach 25 Stunden das Haus verlassen.

Allerdings ist es vielerorts noch üblich, dass nach dem Journaldienst weitergearbeitet wird oder dass am Wochenende durchgehend Dienst gemacht wird", sagte Kölle. Dieser Zustand werde von Ärzten mitunter auch freiwillig angenommen.

Kölle: "Den Kolleginnen und Kollegen ist ein durchgehender Wochenenddienst oft lieber als die Aufteilung des Dienstes auf mehrere Wochenenden. Zudem muss ja der Routinebetrieb aufrechterhalten werden." Abhilfe schaffen könnte zusätzliches Personal, was allerdings aufgrund der anfallenden Kosten nicht immer umsetzbar sei. "Den Spitalsträgern sollten die Sicherheit der Patienten und die Gesundheit der Ärzteschaft schon etwas wert sein", forderte Kölle.

Personalreserven gefordert 


Personalreserven seien allein schon deshalb notwendig, um Leistungseinschränkungen zu vermeiden. Zu bedenken sei auch, dass vor allem ältere Ärztinnen und Ärzte immer seltener bereit seien, lange Dienste zu versehen. Dies habe in erster Linie gesundheitliche Gründe: "Der Stress im Nachtdienst erhöht das Risiko kardiovaskulärer Erkrankungen, auch die Gefahr eines Burn-Outs steigt", erklärte Kölle. Es stehe zu befürchten, dass die Belastungen in den kommenden Jahren weiter steigen würden. Schon jetzt gebe es in manchen Fächern zu wenige Ärztinnen und Ärzte, der Bedarf werde allein in den Spitälern bis zum Jahr 2030 um mehr als 4.700 zusätzliche Medizinerinnen und Mediziner steigen.

In letzter Zeit werde die Problematik von Spitalsträgern zwar zunehmend erkannt, die flächendeckende Umsetzung des 25-Stunden-Dienstes stehe aber noch aus und müsse dringend eingeführt werden, bekräftigten die drei Standespolitiker abschließend ihre Forderung

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