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Dr. Johannes Steinhart Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer, Direktor des Krankenhauses Göttlicher Heiland, Wien
 
Dr. Johannes Steinhart, Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer, Direktor des Krankenhauses Göttlicher Heiland, Wien
 
Gesundheitspolitik 15. Mai 2013

Von ökonomischen zu menschlichen Depressionen

Immer mehr Patienten bekommen die Folgen der Wirtschaftskrise unmittelbar zu spüren. Dabei ist eine gute medizinische Versorgung gerade in schlechten Zeiten besonders gefragt.

Die negativen Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung werden in vielen europäischen Ländern immer offensichtlicher – in manchen immer dramatischer. In den besonders betroffenen südeuropäischen Ländern fehlt es oft sogar schon an elementarsten Versorgungsangeboten. Gleichzeitig steigt aber der Bedarf an Gesundheitsleistungen rapide an. Internationale Experten der Weltgesundheitsorganisation plädieren aus diesen Gründen für die Sicherung der Gesundheitsfinanzierung besonders in Krisenzeiten und eine konjunkturunabhängige Versorgung. Dieser Anspruch stehe im Widerspruch zur Gesundheitsreform in Österreich mit ihrer konjunkturabhängigen und gedeckelten Ausgabensteuerung, warnt nun der Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer Dr. Johannes Steinhart.

Prekär ist die Situation zurzeit in Spanien – in einem Land, das noch vor wenigen Jahren über eine in vielen Bereichen vorbildhafte, hocheffiziente und qualitativ hochwertige Krankenversorgung verfügte, deren Pro-Kopf-Kosten mit 2.323 Euro trotzdem deutlich unter dem EU-Schnitt von 2.824 lagen. Mit der aufkeimenden Wirtschaftskrise und dem in der Folge forcierten bzw. erzwungenen Sparkurs änderte sich das dramatisch. Allein 2012 wurde das Gesundheitsbudget um 7,3 Milliarden Euro gekürzt. Seither mussten Spitäler geschlossen oder einzelne Bettenetagen stillgelegt werden, Patienten werden immer häufiger verfrüht nach Hause geschickt, Öffnungszeiten eingeschränkt, Personal reduziert. Als direkte Folge steigen die Wartezeiten in den Ambulanzen oder auf Operationen in einem besorgniserregenden Maße. Immer öfter kommen Diagnosen und notwendige Eingriffe überhaupt zu spät.

Direkte Gesundheitsfolgen durch die Krise

Einhergehend mit dem Leistungsabfall aufgrund eines zunehmenden Personal- und Ressourcenmangels in den Spitälern steigt im Gegenzug der Versorgungsbedarf aufgrund der gesundheitlichen Belastungen, die aus der Krise entstehen, jedoch an. In diesem Spannungsfeld häufen sich unter anderem auch die ärztlichen Fehler. Der Standard zitierte erst unlängst neueste Statistiken der spanischen Patientenanwaltschaft, die belegen, dass die Anzeigen wegen ärztlichen Fehlverhaltens im Vorjahr um 772 auf 13.778 gestiegen sind, 692 davon mit Todesfolge.

Besonders betroffen von den Zuständen sind die Schwächsten der Gesellschaft, vor allem Immigranten und von Armut betroffene Menschen. Der Anteil der Armen steigt parallel zu den wachsenden Arbeitslosenraten – zwischen 2008 und 2012 kletterte die Rate von elf auf 25 Prozent – täglich an. Eine Trendumkehr ist weit und breit nicht in Sicht.

Griechenland

Szenenwechsel: Ein ähnlich düsteres Bild zeigt sich in Griechenland. Auch hier sind mittlerweile mehr als 25 Prozent arbeitslos, bei Personen unter 25 Jahren sind es fast 60 Prozent. Die Zahl der jungen und der Langzeitarbeitslosen, die über keine reguläre Krankenversicherung mehr verfügen, wird auf 1,3 Millionen geschätzt. Da sich viele Bedürftige keine Ambulanzgebühr mehr leisten können, geschweige denn einen Besuch in einer Arztpraxis außerhalb der staatlichen Spitäler, organisieren sich immer wieder engagierte Ärzte, um Menschen privat und kostenlos zu versorgen. Andere Mediziner könnten sich ein solches Engagement erst gar nicht oder nicht mehr leisten, denn Ärzte und medizinisches Personal mussten im Zuge der Sparmaßnahmen bereits wiederholt massive Gehaltseinbußen in Kauf nehmen. Bei 1.500 Euro liegt derzeit das Einkommen für einen jungen Krankenhausarzt, Nacht- und Wochenenddienste inklusive. Manche davon warten zudem schon seit Monaten auf ihr Geld, weil viele Arbeitgeber nicht mehr in der Lage sind, ausständige Gehälter pünktlich zu überweisen.

Psychische Gesundheit gefährdet

Regierungsvertreter und Gesundheitsexperten aus über 50 Ländern erörterten in einer großen Konferenz in Oslo im April die aktuelle Lage der Gesundheitssysteme in Europa vor dem Hintergrund der globalen Krise. Die Bestandaufnahme ergab, dass die Ausgaben für die öffentlichen Gesundheitsdienste in vielen Ländern seit 2008 rückläufig sind. Gerade in Krisenzeiten wäre es aber besonders wichtig, die Finanzierung der Gesundheitssysteme zu sichern, appellierte Zsuzsanna Jakab, WHO-Regionaldirektorin für Europa, an die verantwortlichen Gesundheits- und Finanzpolitiker. Trotz bestehender Datenlücken würden die vorliegenden Erkenntnisse darauf hindeuten, dass in Zeiten eines Konjunktureinbruchs das Erkrankungsrisiko erhöht und vor allem die psychische Gesundheit besonders gefährdet ist, außerdem würden dadurch auch Erholungsprozesse beeinträchtigt.

Verzweiflung steigt

So hat laut einer Studie des britischen Fachjournals The Lancet in der Europäischen Union die Zahl der Selbstmorde in der Altersgruppe unter 65 Jahren seit 2007 entgegen dem zuvor verzeichneten Trend erstmals wieder zugenommen. Sowohl Arbeitslosigkeit als auch die Angst davor dürften sich hier in erheblichem Maße auswirken. Darüber hinaus ist die Inzidenz von Infektionskrankheiten, zum Beispiel HIV-Infektionen in einigen der am stärksten betroffenen Länder, dramatisch angestiegen, überall dort, wo Haushaltseinschnitte Kürzungen der Präventionsprogramme – wie etwa Nadeltauschprogramme – und der Angebote zur Frühbehandlung zur Folge hatten. Sinkende Haushaltseinkommen wirken sich zudem ungünstig auf gesundheitsschädliche Verhaltensweisen wie Rauchen und Alkoholmissbrauch aus.

Vorrang für die Schwächsten

Jakab machte sich in diesem Sinne gegen radikale Sparmaßnahmen der einzelnen Regierungen stark und betonte die Bedeutung eines für alle offenen Zugangs zur Gesundheitsversorgung als „einem zentralen Bestandteil eines übergeordneten sozialen Sicherheitsnetzes“. Der Grundsatz, die Schwächsten einer Gesellschaft zu erkennen und ihnen Vorrang einzuräumen, dürfe nicht nur in ökonomisch guten Zeiten, sondern erst recht und in besonderem Maße in schwierigen Zeiten gelten. „Deshalb appelliert die WHO an alle Regierungen: Wenn Sie Einschnitte vornehmen müssen, dann mit Umsicht, nicht nach dem Rasenmäherprinzip, und möglichst so, dass die Bedürftigen geschützt werden und die flächendeckende Gesundheitsversorgung gewährleistet ist“, sagte Jakab im Rahmen der Konferenz.

Antizyklisch investieren

Eine Bindung der Gesundheitsausgaben an die Wirtschaftsentwicklung – so wie das nicht zuletzt die nun beschlossene Gesundheitsreform für Österreich mit ihrer konjunkturabhängigen und gedeckelten Ausgabensteuerung vorsieht, stoße auf zunehmende Kritik internationaler Experten, sagt der Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer Dr. Johannes Steinhart in einer ersten Reaktion auf die Erkenntnisse und Diskussionen in Oslo: „Wir wissen, dass die Gesundheit der Menschen auf Wirtschaftskrisen keine Rücksicht nimmt. Im Gegenteil, wirtschaftliche Depressionen führen leider oft zu menschlichen Depressionen.“ Aus diesem Grund sei die „ausreichende, antizyklische Finanzierung des Gesundheitssystems“ in Krisenzeiten vorrangig. Wenn die heimische Gesundheitspolitik und -verwaltung trotz allem beschließt, die Gesundheitsausgaben künftig an das Wirtschaftswachstum zu koppeln, schreibt Steinhart in einer Aussendung, dann müsse „in Zeiten schleppender oder rückgängiger Konjunktur jedem klar sein, wohin die Reise geht.“

WHO-Bericht: Health, health systems and economic crises in Europe: http://www.euro.who.int/__data/assets/pdf_file/0011/186932/Health-and-economic-crisis-in-Europe4.pdf

Präsentation: Die ökonomische Krise im Kontext von „Gesundheit 2020“ anpacken (von Zsuzsanna Jakab auf Englisch): http://www.euro.who.int/de/who-we-are/regional-director/speeches-and-presentations-by-year/2013/presentation-addressing-the-economic-crisis-in-the-context-of-health-2020

V. Weilguni, Ärzte Woche 20/2013

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