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Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Dr.-Ing. E.h Jürgen Mittelstraß, Philosoph und Wissenschaftstheoretiker, Vorsitzender des Österreichischen Wissenschaftsrats, Uni Konstanz

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Dr. Josef Pühringer, Landeshauptmann von Oberösterreich

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© Markus Prantl/IV

Prof. Dr. Gerhard Riemer, Bereichsleiter Bildung, Innovation & Forschung der Industriellenvereinigung

 
Gesundheitspolitik 16. Mai 2013

Gegenwind für geplante MedUni Linz

Es schien alles so schön auf Schiene – sogar der Bundeskanzler signalisierte Zustimmung. Dann aber meldeten sich vermehrt kritische Stimmen zu Oberösterreichs „Prestigeprojekt“.

Oberösterreichs Politik und namhafte Wissenschaftler halten eine eigene Medizinfakultät nach wie vor für essenziell hinsichtlich einer langfristigen Sicherstellung der medizinischen Versorgung im Land. Der Gesundheitsökonom Prof. Gerald Pruckner von der Uni Linz ortet zudem „exzellente Synergien“ mit Oberösterreichs Spitälern und Unternehmen der Medizintechnik. Auch Bundeskanzler Werner Faymann signalisierte rasch Zustimmung und sah das Projekt bereits „auf guter Schiene“.

Dann aber wurden die Reaktionen plötzlich zurückhaltender. Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle bestreitet zwar vehement jeden Widerstand aus Wien, betont aber gleichzeitig, dass vor einer Entscheidung „noch wesentliche Fragen beantwortet werden“ müssten, etwa die der Finanzierung, und dass Vorarbeiten zu leisten wären, zum Beispiel im Bereich der postpromotionellen Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen für Ärzte: „Wir müssen das Fass, in das wir die Ärzte hineinschütten, abdichten. Sonst rinnen die Ärzte weiter ins Ausland ab.“

Bedenken über die grundsätzliche Sinnhaftigkeit und Eingebundenheit des Projekts in eine Gesamtstrategie äußerten unter anderem auch der Österreichische Wissenschaftsrat und die Industriellenvereinigung. Nicht nur Bedenken, sondern eine dezidierte Ablehnung des Projekts kommt hingegen vom renommierten Gesundheitsökonomen Dr. Ernest Pichlbauer, der darin ein „reines Prestigeobjekt“ erblickt und dem partout „kein Argument für die Schaffung einer Medizinfakultät an der Universität Linz“ einfallen will.

  

Wesentliche Grundlagen fehlen

Mittelstraß*: „Das Konzept ist regional gedacht und lässt Ideen zur Einfügung in den Hochschulraum vermissen.“

Das vorliegende Konzept einer Medizinischen Fakultät in Linz ist regional gedacht und lässt Ideen zur Einfügung in den österreichischen Hochschulraum vermissen. Mit der klinischen Alternsforschung und der Versorgungsforschung werden zwei zukünftige Schwerpunkte genannt, die sich aus vorklinischen und klinischen Fächern speisen müssen. In der Linzer Klinik ist zwar eine akutgeriatrische Station vorhanden, es fehlen jedoch Angaben über wissenschaftliche Vorleistungen in den geplanten Schwerpunkten. Ebenso fehlen wesentliche Grundlagen für den Aufbau einer qualitätsorientierten Forschung und Lehre: Überlegungen zur wissenschaftlichen Profilbildung durch eine strategische Berufungspolitik, zur Nachwuchsförderung, zur Qualitätssicherung in Forschung und Lehre und vor allem Angaben zum finanziellen Bedarf der Neugründung. Im „Linzer Modell“ gibt es keine belastbaren Angaben zur Verrechnung des klinischen Mehraufwands zwischen Medizinischer Fakultät und Klinik. Dies gibt Anlass zur Befürchtung, dass, um die Gründung der Medizinfakultät durchzusetzen, die tatsächlichen Kosten zu niedrig angesetzt werden. Damit ließe sich eine schnelle Realisierung zwar erreichen, der Grundstein für eine leistungsfähige medizinische Einrichtung wäre aber so nicht gelegt.

Eine wesentliche Begründung für das Konzept einer Medizinfakultät in Linz ist der „Ärztemangel“. Dieser ist, so die jüngste Ärztebedarfsstudie, für Österreich nicht eindeutig nachgewiesen. Probleme wie die der Konzentration von Jungärzten in Ballungszentren, der Abwanderung ins Ausland, des Turnus sind vorrangig zu lösen; attraktivere Arbeitsbedingungen für Jungärzte in den betroffenen Regionen sind zu konzipieren. Es wird Aufgabe der Hochschulkonferenz des Wissenschaftsministers sein, diese Überlegungen vor dem Hintergrund der Anstrengungen um den Ausbau von Stärkefeldern, klaren Profilen der Hochschulen und des Wissenschaftsstandorts Österreich insgesamt anzustellen. Auf dem grünen Tisch der Politik lässt sich ein solches Konzept nicht ohne Konsequenzen skizzieren, wie vor anstehenden Wahlen erhofft.

* Der Kommentar gibt die Meinung des Wissenschaftsrats wieder, den Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Dr.-Ing. E.h. Jürgen Mittelstraß nach außen vertritt, nicht seine persönliche.

  

Wann, wenn nicht jetzt?

Pühringer: „Wir dürfen keine Zeit verlieren, wir brauchen dringend medizinischen Nachwuchs.“

Oberösterreich braucht eine Medizinfakultät. Daran führt kein Weg vorbei. Ohne Gegenmaßnahmen wird es bei uns zu einem fortschreitenden Ärztemangel kommen. Die Daten und Fakten sprechen eine klare Sprache: Die Ärztedichte ist überall dort überproportional hoch, wo es eine Medizin-Universität gibt. Sieht man sich an, wie viele Fachärzte es pro 100.000 Einwohner in einem Bundesland gibt, liegt Oberösterreich mit rund 180 Fachärzten auf dem vorletzten Platz. Im Vergleich: Wien 353, Tirol: 256, Salzburg: 246.

Die Ausbildung für Mediziner dauert lange, daher dürfen wir keine Zeit verlieren. Bei einem geplanten Start der Medizinfakultät im kommenden Jahr würden wir die ersten Absolventen erst im Jahr 2021 bekommen. Wir brauchen aber dringend Nachwuchs. Denn knapp die Hälfte aller Ärzte in Oberösterreich ist zwischen 50 und 59 Jahre alt. Für eine Medizinfakultät in Linz kann daher die Devise nur lauten: „Wann, wenn nicht jetzt?“

Die Forschungsschwerpunkte „Versorgungsforschung“, mit dem geplanten Zentrum Public Health, und „Klinische Altersforschung“ werden wichtige wissenschaftliche und praktische Impulse liefern, um unser Gesundheitssystem zukunftssicher zu machen. Damit ergeben sie nicht nur einzigartige Synergien mit den bereits vorhandenen Instituten wie zum Beispiel Medizin-Mechatronik, Medizin-Informatik, Biophysik, Gesundheitsökonomie etc., sondern auch neue Kooperationen mit Medizinischen Universitäten im In- und Ausland.

Die medizinische Fakultät der Johannes-Kepler-Universität in Linz ist aber auch ein Beitrag zur Realisierung der Vision einer „breiten Spitze an leistungsstarken und international kompetitiven Einrichtungen“, wie sie im Hochschulrat formuliert ist. Mit ihrem dezidiert kooperativen Ansatz ist sie eine sinnvolle Ergänzung der medizinischen Hochschullandschaft in Österreich und ermöglicht die Etablierung und Evaluierung neuer, innovativer Modelle in Verwaltung und Infrastruktur. Oberösterreich hat ein überzeugendes Konzept zur Errichtung der Medizinfakultät vorgelegt und wird geschlossen und konsequent diesen Weg weitergehen.

  

Standort nachhaltig stärken

Riemer: „Finanzielle Verpflichtungen würden Investitionen in andere Bereiche fast unmöglich machen.“

Es ist sehr zu bedauern, dass die exzellente Politik, die das Land Oberösterreich zu einer der attraktivsten Innovationsregionen Mitteleuropas gemacht hat, mit der Diskussion über eine medizinische Fakultät konterkariert wird. Seit jeher setzt sich die Industriellenvereinigung für Verbesserungen und stärkere Investitionen in den Bereichen Bildung und Innovation ein. So ist der eklatante Mangel an qualifiziertem Personal in den Zukunftsbereichen Technik, Produktion, Forschung und Entwicklung zu einer echten Wachstumsbremse geworden. Daher ist es dringend erforderlich, vor allem den naturwissenschaftlich-technischen Bereich zu fördern. Gerade Oberösterreich hat hier einen eklatanten Nachholbedarf, denn im Vergleich zu anderen Bundesländern entspricht das Angebot in naturwissenschaftlich-technischen Bereichen keineswegs den geforderten Ansprüchen.

Wenn der Aufbau einer international anerkannten medizinischen Einrichtung – und nicht nur einer „Medizin light“ – angestrebt wird, verlangt dies eine hohe medizinisch-wissenschaftliche Expertise, auf der aufgebaut werden kann, sowie eine enge Kooperation mit anerkannten Einrichtungen. Die hohen Investitionsverpflichtungen, die Bund und Land mit der Errichtung einer medizinischen Fakultät eingehen müssten, würden Investitionen in andere Bereiche nahezu unmöglich machen. Österreich verfügt bereits jetzt über die höchste Ärztedichte in Europa – will man künftig international wettbewerbsfähig bleiben, muss aber in die Bereiche investiert werden, die bereits heute unterbesetzt sind und die einen wesentlichen Anteil zur Finanzierung des Sozialsystems beitragen. Die sogenannte „Mangelberufsliste“, die das Verhältnis zwischen offenen Stellen und nicht ausreichend verfügbarer Qualifikation wiedergibt, zeigt klar den akuten Mangel im technischen Bereich.

Es geht der Industriellenvereinigung nicht darum, wichtige Zukunftsentscheidungen zu verhindern, sondern angesichts der knappen Finanzmittel darauf hinzuweisen, wie wichtig es ist Prioritäten zu setzen, die den Investitionsstandort Oberösterreich nachhaltig stärken.

V. Weilguni, Ärzte Woche 20/2013

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