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© Kay Nietfeld / dpa

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dr. Norbert Jachimowicz, Referent für Substitutionsfragen der Österreichischen Ärztekammer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Mag.a Johanna Mikl-Leitner, Bundesministerin für Inneres

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Prof. Dr. Richard Soyer, Institut für Strafrechtswissenschaften, Johannes Kepler Universität Linz

 
Gesundheitspolitik 10. Mai 2013

Standpunkte: Sachlichkeit statt Polemik

Wieder einmal wird heftig über Details des insgesamt durchaus erfolgreichen Angebots an Substitutionstherapien für Suchtkranke debattiert – nicht nur mit medizinischen Argumenten.

Ins Rollen gebracht hat das erneute Aufflammen der politischen Diskussionen Johanna Mikl-Leitner. Die Innenministerin sprach sich zwar grundsätzlich für die Sinnhaftigkeit von Drogenersatztherapien aus, kritisierte aber die Ärzte, die im internationalen Vergleich viel zu oft retardierte Morphine verschreiben würden. Während diese in vielen Ländern überhaupt verboten sind, sollten sie in Österreich laut gültiger Suchtgiftverordnung eigentlich nur dort in Ausnahmefällen zum Einsatz kommen, wo herkömmliche Ersatzstoffe wie Methadon oder Buprenorphin nicht vertragen werden. Da aber mehr als die Hälfte aller Patienten im Drogenersatzprogramm auf retardierte Morphine eingestellt ist, könne man wohl kaum von Ausnahmen sprechen, meinte die Ministerin. Außerdem forderte sie die verantwortlichen Gesundheitspolitiker auf „kritisch zu hinterfragen“, warum in Österreich „nur fünf bis zehn Prozent der Substituierten drogenfrei werden“. Andere Länder hätten da eine deutlich bessere Quote aufzuweisen, auch sei die Zahl der Drogentoten bei uns im Gegensatz zu anderen Ländern angestiegen. Der Wiener Drogenkoordinator Michael Dressel kritisierte daraufhin seinerseits das Innenministerium, das für die Behandlung von Suchtkranken weder zuständig sei, noch über die „notwendigen fachlichen Informationen verfügen“ würde und warf der Ministerin das Verbreiten von „Halbwahrheiten“ sowie „fehlende Seriosität“ vor. Experten aus dem Justizbereich forderten darauf alle Beteiligten zu „mehr Sachlichkeit im Spannungsfeld von Sucht, Therapie und Strafe“ auf.

Erfolge sprechen für sich

Jachimowicz: „Ärzte müssen die Behandlung individuell abstimmen und das Medikament wählen dürfen.“

Die Diskussion um die Substitutionstherapie will kein Ende nehmen – und das ist gut so. Die Innenministerin hat mit ihrer Forderung, den Einsatz von Substanzen wie retardierten Morphinen zu überdenken, einerseits dafür gesorgt, dass die Öffentlichkeit genauer über das Wesen der Substitutionstherapie aufgeklärt wird, und andererseits uns Ärzten die Möglichkeit gegeben, mit Mythen aufzuräumen und falsche Behauptungen zu entkräften. Es stimmt beispielsweise nicht, dass retardierte Morphine den Schwarzmarkt regelrecht überschwemmen. Die Missbrauchsgefahr ist bei allen Ersatzsubstanzen gegeben. Niemandem ist damit gedient, das Problem des Missbrauchs an einer Substanz festzumachen. In Summe ist der Missbrauch dieser Medikamente eine Randerscheinung: In Wien landen verschwindende 0,14 Prozent der verschriebenen Substitutionsmedikamente auf dem Schwarzmarkt. Das ist eine Angelegenheit, die in erster Linie die Politik und vor allem die Polizei betrifft.

Die Ärzteschaft kümmert sich um kranke Menschen. Wir wählen die richtige Therapie und müssen die Freiheit haben, die Behandlung individuell abstimmen und das passende Medikament wählen zu können. Nicht jeder Suchtkranke verträgt dasselbe Präparat, nicht jeder Kranke ist gleich zu behandeln. Die Erfolge sprechen für sich: In den 25 Jahren seit Einführung der Substitutionstherapie konnten wir die Sterblichkeitsrate um zwei Drittel senken. Allein in Wien ist die Zahl der in Behandlung befindlichen Jugendlichen in den vergangenen zehn Jahren von 190 auf neun zurückgegangen. Bei den über 40-Jährigen sind 2.870 Menschen in Behandlung, 2002 waren es noch 1.030 Personen. Die Substitutionstherapie ermöglicht den Betroffenen also, ihre Krankheit zu überleben; in vielen Fällen ist ein unauffälliges, sozial angepasstes Leben möglich. Durch die Therapie konnte die Begleitkriminalität reduziert werden, Zusatzerkrankungen wie HIV oder Hepatitis-B- und -C-Infektionen gehen zurück. In Summe ist die Substitutionstherapie - egal mit welchem Medikament – also ein hervorragendes Instrument, um kranken Menschen nachhaltig zu helfen.

  

Illegaler Handel

Mikl-Leitner: „Ja zur Drogenersatztherapie, aber Evaluierung des Einsatzes von retardierten Morphinen.“

Die Suchtmittelthematik ist eine Querschnittsmaterie, die mehrere Ministerien und viele Behörden betrifft. Wir im Innenministerium sind uns der Verantwortung und Verpflichtung in der Suchtmittelprävention voll und ganz bewusst. Die steigende Zahl der Anzeigen bei Drogendelikten bestätigt einerseits die intensive Arbeit der Polizei, sie zeigt andererseits aber auch die Notwendigkeit auf, neue, effizientere Wege gegen den Suchtmittelmissbrauch einzuschlagen. Wir sind froh darüber, dass wir nun eine fachlich sachliche Diskussion über den Einsatz von retardierten Morphinen in der Substitutionstherapie in Gang setzen konnten.

Aus polizeilicher Sicht stellt der Missbrauch von Substitutionsmitteln das größte Problem dar. Weil retardierte Morphine besonders attraktiv für die missbräuchliche Verwendung sind, sind sie in den meisten europäischen Ländern nicht zugelassen. Ihr überproportional hoher Einsatz von 55 Prozent führte in Österreich zu einem wahren Boom des illegalen Handels mit Suchtmittelmedikamenten. Retardierte Morphine sind die Lebensader des Schwarzmarktes. Mit dem Handel von Substitutionsmitteln ist daher ein neues Kriminalitätsphänomen entstanden.

In Österreich wird die Abgabe von retardierten Morphinen sehr unterschiedlich gehandhabt. In Vorarlberg werden sie an 16 Prozent der Behandelten verabreicht, in Wien an 61 Prozent. Daher ist es mir ein großes Anliegen, die Substitutionstherapie bundesweit zu evaluieren, um Klarheit über die Datenlage zu bekommen. In der Drogenersatztherapie sollte außerdem begleitend zur Substitution vor allem auch die psychosoziale Betreuung verstärkt werden, um den Suchtmittelkranken zurück in ein normales Leben zu verhelfen.

Österreich ist außerdem der einzige EU-Mitgliedsstaat ohne eine gesamtstaatliche Drogenstrategie. Darum fordere ich vom Gesundheitsminister eine nationale Anti-Drogenstrategie und die bundesweite Evaluierung des Einsatzes von retardierten Morphinen in der Substitutionstherapie. Denn wer meint, alles sei Ordnung, sollte auch den Mut haben, das wissenschaftlich mit Fakten zu untermauern.

  

Interdisziplinäre Verständigung

Soyer: „Wissensdefizite stehen einer helfenden statt strafenden Intervention oft entgegen.“

Suchtmittelkriminalität lässt sich ohne das Krankheitsbild Substanzabhängigkeit in allen seinen medizinischen Facetten nicht verstehen. Ohne damit die Herausforderung der durch diese chronische psychiatrische Erkrankung teils initiierten, teils begleiteten Kriminalität zu leugnen, muss daher eine gesellschaftliche Reaktion, die der Sucht wie der Kriminalität wirksam zu begegnen sucht, bei der Substanzerkrankung als wesentliche Ursache ansetzen. Nur so lässt sich der Kreislauf von Sucht, Delinquenz und Strafe durchbrechen. Der Gesetzgeber hat dies im Suchtmittelstrafrecht bedacht und den Grundsatz „Therapie statt Strafe“ zugrunde gelegt. Mag es auch im Detail noch viele Verbesserungsmöglichkeiten geben, so ist das System im Großen und Ganzen doch stimmig und auch international herzeigbar.

Woran es in Österreich allerdings bislang fehlt, ist eine hinreichende interdisziplinäre Verständigung zwischen Medizinern und Therapeuten auf der einen, Polizei und Justiz auf der anderen Seite. Die damit einhergehenden Wissensdefizite und Missverständnisse stehen einer effektiveren Anwendung der helfenden statt der strafenden Intervention entgegen.

Statt aber Defizite abzubauen, drohen isolierte Betrachtungsweisen durch unbedachtes bis verantwortungsloses politisches Agieren weiter einzementiert zu werden. Ein solches Missverständnis zeigt sich etwa darin, dass nur elf Prozent der Richter und Staatsanwälte der Einschätzung zustimmen, dass eine lebenslange Substitutionstherapie eine adäquate Behandlungsform sei. Demgegenüber steht aufseiten der Mediziner und Therapeuten eine Zustimmungsrate von über 80 Prozent.

Drogenprävention ist auch eine wichtige Aufgabe des Gesetzgebers, der Polizei und der Justiz. Daher dürfen sich gerade Polizei und Justiz den fachlichen Erkenntnissen der medizinischen Wissenschaften nicht verschließen. Mit Substanzabhängigkeit einhergehende Suchtmittelkriminalität lässt sich nicht durch mehr und härtere Strafen, sondern nur durch adäquate Behandlung der Ursache, also der Sucht und besonnener strafrechtlicher Reaktionen vorbeugen.

V. Weilguni, Ärzte Woche 19/2013

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