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© dpa
 
Gesundheitspolitik 3. Mai 2013

Des Österreichers lockerer Umgang mit Alkohol hat Folgen

Der übermäßige Konsum von Alkohol macht krank und kostet die Volkswirtschaft enorme Summen, wie eine aktuelle Studie des Instituts für Höhere Studien jetzt erstmals für Österreich untersucht hat.

Todesfälle, Krankheiten und Verletzungen – der Alkoholmissbrauch ist ein multifaktorielles Problem, das sich in allen Lebens- und Arbeitsbedingungen widerspiegelt. Wie es konkret – vor allem mit den Kosten für das Gesundheitswesen – aussieht, konnte bisher für Österreich aber nicht ausreichend beantwortet werden, weil die Datenlage dürftig ist.

Eine aktuelle Untersuchung des Instituts für Höhere Studien (IHS) hat sich jetzt mit den volkswirtschaftlichen Effekten der Alkoholkrankheit beschäftigt, nicht zuletzt auch wegen der Verknüpfung mit den Gesundheitszielen in der Gesundheitsreform: „Wenn es um die Stärkung der Gesundheitskompetenz der Bevölkerung und um gesundheitsförderliche Lebens- und Arbeitsbedingungen geht, dann müssen wir das Thema Alkoholmissbrauch viel mehr in den Fokus rücken, denn es betrifft große Teile der Bevölkerung“, betont Studienautor Dr. Thomas Czypionka vom IHS. Immerhin werden rund zehn Prozent der Österreicher im Laufe des Lebens alkoholkrank, 350.000 Personen sind ab dem 16. Geburtstag als „chronische Alkoholiker“ zu klassifizieren.

Von harmlos bis gefährlich

Wenn von Alkoholmissbrauch die Rede ist, lohnt sich zunächst ein Blick auf die „Grenzwerte“: Harmloser Konsum liegt bei Frauen vor, wenn sie weniger als 16 g Alkohol pro Tag zu sich nehmen, bei Männern sind es 24 g.

Zur Veranschaulichung: Ein halber Liter Bier und ein Viertelliter Wein entsprechen jeweils einer Menge von 20 g Alkohol. Erhebliche Gesundheitsprobleme sind zu erwarten, wenn der tägliche Konsum bei Frauen über 40 g und bei Männern über 60 g pro Tag hinausgeht. Und davon gibt es genug, denn im Schnitt liegt jeder vierte Mann und jede zehnte Frau über dieser Gefährdungsgrenze – sie konsumieren damit Alkohol in einem problematischen Ausmaß.

Dass Österreich damit im OECD-Schnitt an der Spitze liegt, ist wenig verwunderlich. Nur mehr Frankreich und Portugal liegen im internationalen Vergleich des Pro-Kopf-Alkoholkonsums der Bevölkerung über 15 Jahren vor der Alpenrepublik. Eine Reduktion der konsumierten Menge pro Person unter die Gefährdungsgrenze würde den durchschnittlichen Konsum um etwa 35 Prozent senken.

Neben dem übermäßigen Alkoholkonsum ist auch der sorglose Umgang damit ein Alarmzeichen. Bemerkbar macht sich dieser etwa im Straßenverkehr, wo rund sieben Prozent aller Unfälle im Zusammenhang mit Alkoholeinwirkung stehen. Ungefähr zehn Prozent aller im Verkehr getöteten Personen sind durch Alkoholunfälle bedingt.

Direkte und indirekte Kosten

„Die Studie ging im Wesentlichen der Frage nach, wie hoch die ökonomischen Kosten von überhöhtem Alkoholkonsum tatsächlich sind, wobei nicht von einer alkoholfreien Gesellschaft ausgegangen wird“, erklärt Czypionka zur Methodik. Im Mittelpunkt steht demnach ein verantwortungsbewusster Umgang mit Alkohol, wobei die Frage nicht näher thematisiert wird, wie dieser zu erreichen ist.

Zu den direkten medizinischen Kosten werden der Ressourcenverbrauch im Gesundheitssystem für ambulante und stationäre Behandlungen, Arzneimittel, Rehabilitation oder Pflege gerechnet. Direkte nicht-medizinische Kosten sind zwar durch die Krankheit bedingt, belasten aber andere Branchen, wie etwa den Bereich der Pflege- und Pensionsgelder aufgrund von Frühpensionierungen, Fahrtkosten zur Behandlung, Diätkosten oder erforderliche Wohnungsadaptionen.

Indirekte Kosten sind ökonomische Effekte aufgrund von Mortalität und Morbidität, die zu Produktivitätsverlusten durch vorzeitigen Arbeitsausfall, erhöhte Krankenstände, vorzeitige Pensionierungen oder durch den Tod des Erwerbstätigen verursacht werden.

„Aus der medizinischen Literatur wurden für alle Folgeerkrankungen durch Alkohol sogenannte relative Risiken ermittelt und es wurde der Frage nachgegangen, wie viel wahrscheinlicher es ist, dass bei einem Konsum über der Gefährdungsgrenze eine bestimmte Krankheit auftritt“, gibt Czypionka Einblick und ergänzt: „Die Krankheitskosten wurden auf Basis von Hochrechnungen aus dem deutschen Gesundheitssystem übertragen, da für Österreich keine Krankheitskostenrechnung existiert. Zusätzlich wurden Daten zur Häufigkeit von alkoholassoziierten Erkrankungen aus Spitalsabrechnungen herangezogen.“

Ergebnisse sprechen für sich

Nach den IHS-Modellrechnungen verursachte die Alkoholkrankheit im Jahr 2011 nur allein an direkten medizinischen Kosten 375 Millionen Euro, was rund 1,4 Prozent aller Kosten im Gesundheitswesen ausmacht. „Wenn wir dazu noch jene medizinischen Kosten addieren, die bei den Betroffenen durch die Erkrankung künftig anfallen, so schlägt das noch mit 1,518 Milliarden Euro zu Buche“, fasst der Experte zusammen. Dass davon die Krankenkassen nicht verschont bleiben, liegt auf der Hand. Hier entstehen zusätzliche 6,52 Millionen Euro an Krankengeldzahlungen.

Einschränkend gibt Czypionka zu bedenken, dass aufgrund der schlechten Datenlage gewisse Über- oder Unterschätzungen entstehen können oder die Reaktion auf eine eventuelle Restriktion des Konsums nicht berücksichtigt wird. „Bei der Interpretation der Daten ist auch davon auszugehen, dass die finanziellen Mittel, die durch eine Verringerung des Alkoholkonsums zur Verfügung stehen, für Prävention oder zur Beseitigung anderer Ursachen wie etwa der Verbesserung sozialer Rahmenbedingungen oder psychischer Probleme zur Verfügung stehen“, so Czypionka.

Kein Ausweg in Sicht?

Für das Forscherteam des IHS steht fest, dass die Restriktionen in Österreich für den Umgang mit der Droge Alkohol durchwegs zu locker gehandhabt werden. Im Gegensatz zu anderen Ländern wie etwa Schweden, Norwegen oder Italien, in denen der Pro-Kopf-Konsum weit unter dem OECD-Schnitt liegt, könnten vergleichbare Regulierungen ihren Teil dazu beitragen, die weitreichenden Folgen der Erkrankung in den Griff zu bekommen. So gibt es derzeit etwa keine rechtlich verbindlichen Regelungen zu Sponsoring und Verkaufsförderung. Die Ausgabe von Alkohol an Jugendliche unter 16 Jahren oder Alkoholisierte ist zwar verboten, wird aber in der Praxis auch nicht so heiß gegessen wie gekocht. Verkaufsrestriktionen – beispielsweise auf Ort, Zeit oder Events – werden in Österreich nicht angedacht.

Während Gesundheitsexperten auf der einen Seite über Maßnahmen nachdenken, wie mehr gesunde Lebensjahre erreicht werden können, wird auf der anderen Seite die Lebenserwartung durch den übermäßigen Alkoholkonsum bei den Betroffenen gleich um 15 bis 20 Jahre verkürzt, die Suizidwahrscheinlichkeit steigt gegenüber Nicht-Trinkern um das 6- bis 13-Fache. Anders als bei anderen chronischen Erkrankungen sind nur etwa acht Prozent der Betroffenen in Behandlung und rund die Hälfte der Suchtkranken würde ein „moderates Trinkverhalten“ als erreichbares Therapieziel bezeichnen.

Angesichts dieser Entwicklung ist es dringend notwendig, nicht nur die wirtschaftlichen Folgen des Alkoholkonsums zu analysieren, sondern vor allem zur sozialen Entstigmatisierung beizutragen und die Verfügbarkeit und Zugänglichkeit von geeigneten Therapien bekannter zu machen.

„Die negativen finanziellen Folgen von übermäßigem Alkoholkonsum für das Gesundheitswesen sind beträchtlich und werden sowohl unterschätzt als auch tabuisiert“, resümiert Czypionka. Er plädiert für eine Verbesserung der Datenlage, um auch eine entsprechende Planungsbasis zu erhalten und konkrete Maßnahmen abzuleiten. „In unserer Studie sind die Kosten für Pflegegeld oder Frühpensionierungen noch nicht berechnet, auch zu den Arbeitsausfällen oder Unfällen haben wir keine ausreichenden Zahlen. Eine weitere Studie dazu wird folgen“, gibt der IHS-Experte Einblick in die weiteren Entwicklungen.

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