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Der höhere Anteil an Wochenpendlern im Süden würde den ungesunden Lebensstil ebenso fördern wie die psychische Belastung und das Stresspotenzial.
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Gesundheitspolitik 26. April 2013

Mehr Gesundheitsförderung braucht das Burgenland

Der burgenländische Gesundheitsbericht enthält zahlreiche Empfehlungen und Anregungen für eine aktive Gesundheitspolitik. Ob sie auch gehört werden?

„Der Gesundheitsbericht ist eine wichtige Grundlage für die Weiterentwicklung des burgenländischen Gesundheitsversorgungssystems“, sagte Gesundheitslandesrat Dr. Peter Rezar anlässlich der Präsentation. Konkrete Antworten oder zumindest politische Absichtserklärungen zur Behebung der festgestellten Mängel ließ er aber noch offen.

Die Fachhochschule Burgenland, Department Gesundheit, verfasste im Auftrag der Burgenländischen Landesregierung den dritten burgenländischen Gesundheitsbericht mit einem Berichtszeitraum von 2007 bis 2012. Der Bericht hatte sich zum Ziel gesetzt, über das übliche Format solcher Berichte hinauszugehen und zusätzlich Features anzubieten, die mit dem erhobenen statistischen Datenmaterial zur aktuellen Gesundheitssituation und -versorgung der Bevölkerung arbeiten. So werden etwa Stärke-Schwächen-Analysen, Expertenvorschläge oder – was bisher noch kaum gemacht wurde – „gesundheitsökonomische Abschätzungen“ angeboten. All das mit dem Ziel, dem Auftraggeber – sprich der Politik – eine aussagekräftige Analyse in die Hand zu geben, die sehr konkret auf den notwendigen Handlungsbedarf hinweist.

Das ist mit dem Bericht durchaus gelungen. Ob der Ball von den verantwortlichen Politikern aber auch entsprechend aufgenommen wird und Taten in Form von Projekten nach sich ziehen wird, ist aus den ersten Reaktionen auf den Bericht noch nicht eindeutig ersichtlich. Eine gewisse erfahrungsgetriebene Skepsis bleibt daher bis auf Weiteres bestehen.

Zu dick, zu unbeweglich

Die Basis des Berichts bilden allerdings die traditionellen Bestandteile wie Bevölkerungsentwicklung, Gesundheitszustand, Gesundheitsverhalten und Krankenversorgung. Bei der Ergebnisanalyse des Gesundheitszustands der Burgenländer zeigen sich drei große Problembereiche: Mehr als die Hälfte der Bevölkerung ist übergewichtig oder adipös (52,6 Prozent haben einen BMI von 25+), der österreichweite Durchschnitt liegt bei 47,7 Prozent. Genau umgekehrt verhält es sich bei der regelmäßigen Bewegung: Weniger als die Hälfte der Burgenländer kommt mindestens einmal pro Woche durch körperliche Aktivität ins Schwitzen (47,4 Prozent), österreichweit sind es über 54 Prozent. Außerdem hat das Land den höchsten Anteil chronisch Kranker in ganz Österreich. 40,8 Prozent der Burgenländer ab 15 Jahren haben zumindest eine chronische Krankheit. Dabei zeigt sich innerhalb des Bundeslandes noch ein deutliches Nord-Süd-Gefälle, was die Studienautoren vor allem auf sozioökonomische Nachteile, höhere Arbeitslosigkeit und einen höheren Anteil an Wochenpendlern im Süden zurückführen. Dies würde den ungesunden Lebensstil ebenso fördern wie die psychische Belastung und das Stresspotenzial, mutmaßt etwa Prof. Dr. Erwin Gollner, Leiter des Departments Gesundheit der FH Burgenland.

Stationäre Krankenversorgung

Gut aufgestellt ist die stationäre Krankenversorgung im Burgenland. Da es im Bundesland den höchsten Anteil an Nulltagesaufenthalten innerhalb Österreichs gibt und auch mehr und somit kürzere Aufenthalte pro Bett verzeichnet werden als anderswo, kommt das Burgenland gut mit einer Anzahl von 4,7 systemisierten Betten pro 1.000 Einwohner aus. Das ist der geringste Anteil an Betten in ganz Österreich (dort liegt der Schnitt: bei 5,6 Betten).

Niedergelassene Ärzte

Im niedergelassenen Bereich zeigen sich ganz ähnliche Strukturen und Problemzonen wie in Restösterreich auch, in manchen Fächern allerdings noch etwas zugespitzt. So zeigte sich etwa, dass ein burgenländischer Augenarzt 8.569 Fälle im Jahr zu behandeln hat. Das liegt nicht nur weit über dem Bundesschnitt (6.116), sondern noch weiter über den internationalen Empfehlungen. Ähnlich stellt sich die Situation bei der Fachrichtung Dermatologie dar.

Vorsorge

Positiv sticht das Burgenland hingegen bei den Vorsorgeuntersuchungen heraus. Hier sind die Burgenländer österreichweit Spitzenreiter: Etwa jeder fünfte Erwachsene (21,1 Prozent) nimmt an allgemeinen Vorsorgeuntersuchungen teil (Bundesschnitt: 12,8 Prozent). Gesundheitslandesrat Rezar weist in diesem Zusammenhang auf nachweisbar erfolgreiche gesundheitspolitische Programme hin, die es ermöglicht haben, das Burgenland vom Vorsorgemuffel zum Vorzugsschüler zu machen.

Spezialanalyse Kindergesundheit

Erstmalig wurde im Rahmen der burgenländischen Gesundheitsberichterstattung auch das Thema „Kinder- und Jugendgesundheit“ mit einem eigenen Kapitel bedacht. Während die Krankenversorgung der erwachsenen Bevölkerung im Allgemeinen als gut bewertet werden kann, zeigt sich für burgenländische Kinder und Jugendliche Nachholbedarf. Experten bemängeln vor allem die fehlende psychiatrische, ergotherapeutische, logopädische und physiotherapeutische Versorgung von Kindern und Jugendlichen. Positiv hervorgehoben wird die flächendeckende Abdeckung im Bereich der Einrichtungen für die Kinderbetreuung, hier ist das Burgenland besser ausgestattet als die meisten anderen Bundesländer.

Beim Gesundheitsverhalten Jugendlicher zeigen sich in manchen Details jedoch besorgniserregende Ergebnisse, etwa beim Suchtverhalten. So gibt etwa mehr als die Hälfte aller Jugendlichen im Alter von 15 Jahren an, mindestens einmal pro Woche Alkohol zu trinken. Auffällig ist hier auch die extrem hohe Zahl von Mädchen: 53 Prozent aller 15-jährigen Burgenländerinnen trinken regelmäßig mindestens einmal pro Woche, im österreichischen Schnitt sind es nur 28 Prozent.

Fehlende Gesundheitsförderung

Die Mängel im Gesundheitsverhalten der Jugendlichen und Erwachsenen sind laut Experten ein Beleg für fehlende Gesundheitsförderprogramme. „Unsere Versorgung und Vorsorge ist gut, im Bereich der Gesundheitsförderung zeigt sich jedoch ein Nachholbedarf“, sagt Gollner. Dies beträfe besonders den Süden des Landes.

Von den Kosten und vom Nutzen

In einem Kapitel hat der burgenländische Gesundheitsbericht „wissenschaftliches Neuland“ betreten, sagt Gollner: „Gemeinsam mit den burgenländischen Verantwortlichen im Gesundheitswesen wurde erstmalig in Österreich eine ökonomische Abschätzung von Empfehlungen für gesundheitspolitische Maßnahmen auf dem Gebiet der Gesundheitsförderung und Prävention entwickelt.“

Konkrete Abschätzungen wurden jeweils zu den Themen Ernährung, Bewegung und psychosoziale Gesundheit durchgerechnet. Das Ergebnis: Wenn es durch Initiativen und politische Maßnahmen gelingt, die Bevölkerung zu mehr Bewegung im Alltag zu animieren, das Speise- und Getränkeangebot an Schulen, in Gasthäusern sowie in Betrieben zu verbessern und Nachbarschaftshilfen zu fördern, könnten jährlich rund 3.600 Krankheitsfälle und 13 Todesfälle verhindert werden. Laut Berechnung würde einem Kostenaufwand von 250.000 Euro (für die Umsetzung der definierten Initiativen) eine Einsparung von 10 Millionen Euro pro Jahr gegenüberstehen.

Die Frage, ob die vorliegenden Berechnungen nun umgehend zu entsprechenden politischen Maßnahmen führen werden, um das dargestellte Einsparungspotenzial zu lukrieren, oder doch nur „abstrakte Rechenbeispiele“ bleiben werden, wollte Gesundheitslandesrat Rezar so konkret nicht beantworten, wies lieber auf einzelne erfolgreiche Projekte aus der Vergangenheit hin. Der Bericht hätte aber jedenfalls deutlich gemacht, dass die Projekte im Bereich der Gesundheitsförderung noch „deutlich breiter aufgestellt“ werden müssten.

Der Bericht liegt in einer Kurz- sowie einer Langfassung als Download vor: www.burgenland.at/ gesundheit-soziales/berichte

V. Weilguni, Ärzte Woche 17/2013

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