zur Navigation zum Inhalt
 
Gesundheitspolitik 24. April 2013

Chronischer Schmerz nach Operationen

Experten fordern 24-Stunden-Schmerzdienste in Krankenhäusern.

Jährlich werden in Österreich rund 1,3 Millionen Operationen durchgeführt, rund 130.000 Patienten leiden noch Monate postoperativ an Schmerzen. Experten fordern daher die flächendeckende Einrichtung von 24-Stunden-Schmerzdiensten in Österreichs Krankenhäusern, um eine optimale Schmerzbehandlung nach chirurgischen Eingriffen sicherzustellen.

„Bis zu zehn Prozent der Patienten leiden noch Monate und Jahre nach einer Operation an Schmerzen - und zwar nicht an akuten Beschwerden als unmittelbare Folge der Operation, sondern an fortbestehenden, postoperativen Schmerzen, die vor dem Eingriff nicht bestanden“, sagte Prof. DDr. Hans Georg Kress, Vorstand der Abteilung für Spezielle Anästhesie und Schmerztherapie an der Medizinischen Universität Wien anlässlich des 17. Internationalen Wiener Schmerzsymposiums. „Umso wichtiger ist eine umfassende, kompetente Schmerztherapie direkt nach Operationen, um die mögliche Chronifizierung der Schmerzen zu verhindern. Um dies zu gewährleisten, ist die flächendeckende Einrichtung von 24-Stunden-Schmerzdiensten in Spitälern ein dringliches Ziel. Davon ist Österreich aber bedauerlicherweise noch weit entfernt“, Kress.

Hohes Chronifizierungsrisiko von postoperativen Schmerzen

Einer Studie aus Dänemark zufolge haben thorax- und brustchirurgische Eingriffe besonders häufig chronische Schmerzen zur Folge: 20 bis 35 Prozent der Operierten sind davon betroffen. Mit 65 Prozent waren auch postoperative neuropathische Symptome bei dieser Patientengruppe besonders häufig.

In einer norwegischen Untersuchung gaben 40 Prozent der mindestens drei Monate nach einem chirurgischen Eingriff befragten Patienten an, unter persistierenden Schmerzen im Operationsgebiet zu leiden, wovon 18 Prozent von mittlerer oder sogar starker Intensität waren. Bei 10,5 Prozent der Befragten wurden sogar neu aufgetretene chronische Schmerzen beobachtet. In Verbindung mit einer starken Schmerzintensität standen sensorische Störungen wie Hypo- oder Hyperästhesie. In der Untergruppe von Personen, die nach der Operation von einer solchen sensorischen Störung betroffen waren, litten 51 Prozent unter lang anhaltenden Schmerzen.

In Frankreich ergab eine Studie, dass 23 Prozent der Operierten nach dem Eingriff erstmals mit neuropathischen Schmerzen konfrontiert waren, die vorher nicht bestanden.

Vielfältige Ursachen

„Dass bei weiterbestehendem chronischen Schmerz nach Operationen neuropathische Symptome vorherrschen, lässt während der Operation entstandene Nervenschädigungen als Mitursache für die Fortdauer der Schmerzen vermuten“, so Kress. Aber auch psychische und genetische Faktoren stehen im Verdacht, eine wichtige Rolle im Schmerzgeschehen zu spielen. „Gerade Angst oder Katastrophisieren stehen in engem Zusammenhang mit lang anhaltenden postoperativen Schmerzen. Aber auch Hypervigilanz, eine erhöhte Wachsamkeit gegenüber der Umwelt, könnte zu einem erhöhten Schmerzempfinden führen.“ Neben solchen psychischen Faktoren gelten vor allem starke präoperative und nicht ausreichend behandelte postoperative Schmerzen als wesentliche Elemente für die postoperative Chronifizierung.

Prävention postoperativer Schmerzen

Angesichts der enormen Krankheitslast chronischer Schmerzen für Betroffene und ihrer auch gesundheitsökonomischen Folgen sind präventive Maßnahmen gegen chronische postoperative Schmerzen von besonderer Bedeutung. Bewährt haben sich dabei zum Beispiel die Anwendung von Regionalanalgesieverfahren, die Verordnung von NMDA-Rezeptorantagonisten oder von NSAR sowie der Einsatz von Wundinfiltrationen. Eine präventive Wirkung von Opioiden ist dagegen bisher nicht belegt. Eine aktuelle Studie gibt auch Hinweise, dass die Einnahme von Antiepileptika wie Pregabalin oder Gabapentin bis zwei Monate nach der Operation eine deutliche Schmerzreduktion zur Folge hat.

Auch Daten zur Verabreichung des Lokalanästhetikums Lidocain liefern Hinweise auf eine Chronifizierungs-verhindernde Wirkung. So war die Interventionsgruppe drei Monate nach dem Eingriff seltener von anhaltenden postoperativen Schmerzen betroffen als die Placebogruppe. Auch die Schmerzintensität und -wahrnehmung waren in der Placebogruppe höher als bei Probanden mit lokalem Lidocain.

Konsequente Schmerztherapie im Krankenhaus

„Eine rechtzeitig postoperativ begonnene und kompetent durchgeführte, intensive Schmerztherapie nach der Operation ist die wichtigste Maßnahme zur Prävention. Diese Notwendigkeit sollte in der Krankenhaus-Organisation viel stärker berücksichtigt werden“, unterstrich Kress. „Die konsequente Erfassung und kontinuierlich fortgesetzte Therapie postoperativer Schmerzen muss als unbedingte Aufgabe und Verpflichtung des Krankenhauspersonals wahrgenommen werden.“ Die beste Voraussetzung hierzu ist nach allen internationalen Standards und Erkenntnissen ein 24-Stunden-Schmerzdienst unter anästhesiologischer Leitung.“

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben