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Dr. Dietmar Kleinbichler Arzt für Allgemeinmedizin in Markersdorf-Haindorf, NÖ

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© ÖHV

Dr. Christian Euler Präsident des Österreichischen Hausärzteverbandes

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© IFES

Prof. DI Ernst Gehmacher Langjähriger Geschäftsführer des Marktforschungsinstituts IFES, wissenschaftlicher Leiter der Paul Lazarsfeld-Gesellschaft

 
Gesundheitspolitik 13. April 2013

Standpunkte: Leistungsfähig und relevant

Zwei aktuelle Studien belegen die Bedeutung der Hausärzte als wichtigste Ansprech- und Vertrauenspersonen für die Patienten.

„Noch haben wir engagierte Ärztinnen und Ärzte und noch ist das Vertrauen der Bevölkerung in die Ärzteschaft vorhanden“, fasst der Präsident des Hausärzteverbands Dr. Christian Euler die wesentlichen Ergebnisse von zwei Studien zur Bedeutung des Hausarztes zusammen. Wobei er die Betonung ganz bewusst auf „noch“ legt, weil, so seine Befürchtung, die Bestrebungen der Gesundheitsreform dahin gingen, ärztliche Leistungen gering zu schätzen und organisatorische Vorgaben zu überschätzen. In einer niederösterreichischen Studie wurde erstmals das Ausmaß der von Österreichs Hausärzten geleisteten Patientenversorgung dokumentiert. Es zeigte sich dabei eindeutig, dass die „Gatekeeper“-Funktion der Hausärzte viel zu kurz greift. In einer anderen Studie verglich der Sozialforscher Ernst Gehmacher die Hausarzt-Versorgung im städtischen und ländlichen Bereich. In beiden beobachteten Gruppen nannten rund 84 Prozent einen Hausarzt, dem sie vertrauen.

Dieses Vertrauen spiegelt sich in der Folge in einem bemerkenswerten Einfluss des Arztes auf die Vorsorge und Befindlichkeit der Patienten wider. Die von Hausärzten Betreuten achten demnach eher auf gesunde Ernährung, meiden Nikotin und Alkohol, machen mehr Bewegung und nehmen öfter an präventivmedizinischen Behandlungen teil. Damit können Hausärzte einen wichtigen Beitrag leisten, um Einsparungspotenziale im Gesundheitswesen zu heben. Voraussetzung dafür ist aber die Beibehaltung der hausärztlichen Vollversorgung sowie ein optimales Leistungsniveau.

Kleinbichler: Mehr als bloße Gatekeeper

Die Allgemeinmedizin ist der Bereich der medizinischen Landschaft, den der Patient als Ersten betritt.“

Die Hauptaufgabe des Hausarztes wird sehr häufig mit der Funktion eines Gatekeepers – aus dem Englischen übersetzt mit Pförtner oder Türhüter – gleichgesetzt. Im besten Fall soll er also derjenige Repräsentant innerhalb des Gesundheitssystems sein, der die Beschwerden der Patienten diagnostiziert, sie den spezialisierten Fachrichtungen zuordnet und dann die Patienten entsprechend zuweist. Von den 77.259 Fällen ärztlicher Inanspruchnahme, die wir in dem Beobachtungszeitraum einer aktuellen Studie erfasst haben, wurde aber nur in 4.877 Fällen der Patient an einen Facharzt, eine Spezialambulanz oder zur stationären Aufnahme an ein Krankenhaus zugewiesen. Nicht erfasst sind hier Zuweisungen zu radiologischen Untersuchungen oder Laboruntersuchungen. Das entsprach etwa 6,3 Prozent aller Fälle von primärärztlicher Inanspruchnahme.

Die Allgemeinmedizin ist der Hauptbereich der „medizinischen Landschaft“, den der Patient mit seinen Anliegen meist als Ersten betritt. In unserer Arbeit konnten wir zeigen, dass mehr als 94 Prozent der Beratungsprobleme des Patienten in diesem medizinischen Bereich behandelt werden. Errechnet aus der Häufigkeit der Inanspruchnahme der ersten 25 Beratungsergebnisse, entfallen etwa 57 Prozent der Behandlungen auf akute Erkrankungen, die restlichen 43 Prozent auf chronische Gesundheitsstörungen.

Da die Zuständigkeit des Hausarztes weder durch das Alter des Patienten noch durch die Art des Gesundheitsproblems begrenzt ist, stellt er die ideale Eintrittsstelle in das Gesundheitssystem dar. Auch wenn eine weitere Behandlung durch eine spezialisierte Fachrichtung notwendig ist, so bleibt die Ersterfassung der Erkrankung, die professionelle Weiterleitung des Patienten im medizinischen System und die Koordinierung der Behandlung Aufgabe des Allgemeinmediziners. Wie auch die meisten anderen Länder längst erkannt und dies auch umgesetzt haben, ist die optimale Vorbereitung und Ausbildung junger Kollegen für diese medizinische Arbeit nur in einer Lehrpraxis möglich.

Euler: Demontage der Hausärzteschaft

„Elektronisch gestützte Programme sollen die Vertrauensbasis zwischen Arzt und Patienten ersetzen.“

Sozialkapital ist mehr als Infrastruktur. Das sollten Gesundheitsreformer ebenso wissen wie Schulreformer. Sozialkapital ist ein Wert, der Menschen verbindet, Sicherheit geben kann. Wer Sozialkapitalzuwächse wünscht, muss menschliche Interaktion aufwerten. „Das Paradigma von der besonderen Intimität zwischen Arzt und Patienten ist im Zeitalter von E-Health zu hinterfragen“, davon ist ein politisch zur Reform ermächtigter Ministerialbeamter entseelt. Solcher Ungeist gibt seit Jahren den Ton an. Elektronisch gestützte Programme für Diagnose und Therapie sollen die nicht übertragbare Vertrauensbasis zwischen Arzt und Patienten ersetzen. Das ist für alle akzeptabel, die glauben, ärztliches Bemühen sei über die Abrechnungsdaten der Sozialversicherungen wahrnehmbar. Jene also, die Daten für Information und Information für Kommunikation halten. Deshalb geht den Gesundheitsreformern die Kommunikation mit der Ärzteschaft auch nicht ab. Sie haben ja Daten. Was ihnen fehlt, nehmen sie nicht wahr.

Was ihnen fehlt, bemerken umso mehr wir Hausärzte. Mut zum Beispiel. Die Kommentare der politisch Verantwortlichen zur Meldung über die Kalkulation eines Spitalsbetreibers Hüftendoprothesen betreffend hätten mutloser nicht sein können. Die Ärzte hätten alle Freiheit der Entscheidung und damit auch die Verantwortung. Wie ertappte Heuchler verwiesen sie in ihrer öffentlichen Not auf die Garantenfunktion des Arztes, an deren Zertrümmerung sie sich mit offenen und geheimen Verordnungen täglich abmühen.

Der Österreichische Hausärzteverband veranstaltet am 16. April im Wiener RadioKulturhaus einen Diskussionsabend über die „Hintergründe und Abgründe“ der sogenannten Gesundheitsreform. In diesem Rahmen werden auch die auf dieser Seite der Ärzte Woche angerissenen Studienergebnisse im Detail dargestellt. Damit wollen wir den Wert der Hausärzte für das Sozialkapital eines Gemeinwesens in Erinnerung rufen. Außerdem begründen zwei erfolgreiche Kollegen ihren Ausstieg aus der Kassenmedizin aufgrund der immer belastender werdenden Rahmenbedingungen.

Gehmacher: Die Wirkungen des Hausarztes

„Die Studie zeigt den volkswirtschaftlichen Ertrag, den eine optimale Versorgung mit Hausärzten haben kann.“

In zwei Studien im Jahr 2012 wurden Fragen zum Thema „Hausarzt-Wirkung“ gestellt. Befragt wurden Stichproben von 68 Personen in Schwarzach/Pongau, Salzburg, und 87 Respondenten im Robert-Uhlirhof in Wien, jeweils ab 16 Jahren. Schwarzach ist eine ländliche Industriegemeinde, der Uhlirhof ein städtischer Gemeindebeau.

Der Anteil der Bewohner, die einen ihnen vertrauten niedergelassenen praktischen Arzt haben, ist mit 84 Prozent in Schwarzach und im Uhlirhof gleich groß. Doch zeigen sich zwei Unterschiede. In der Großstadt schämen sich auch die Jüngeren und die Männer nicht mehr, regelmäßig zum Hausarzt zu gehen. Und: Die Zugewanderten (Ausländer) und ihre Familien wurden im Uhlirhof fast vollständig in die hausärztliche Versorgung einbezogen, in Schwarzach hingegen kaum. Deutlich ist, dass die Hausarzt-Patienten gesünder leben als ihre Mitbürger, die einer solchen Arztbeziehung entbehren. Die vom Hausarzt Beratenen und Betreuten unterziehen sich eher präventivmedizinischen Behandlungen als einer Heilmassage. Sie nehmen doppelt so oft an gesunder Bewegung in Gruppen teil, um der Gesundheit willen – mit Sportbegeisterung und Vereinsmitgliedschaft hat das nichts zu tun. Sie achten auch eher auf gesunde Ernährung. Und sie meiden auch deutlich Suchtverhalten mit Nikotin und Alkohol.

Auch wenn diese kleine Studie in zwei unterschiedlichen Populationen nicht als statistisch repräsentativ für ganz Österreich gelten kann, erlaubt sie doch eine grobe „Milchmädchen-Rechnung“, was der gesundheitspolitische und volkswirtschaftliche Ertrag einer optimalen Versorgung mit Hausärzten sein kann. Das Ideal einer langfristigen Einsparung von einem Viertel der Krankheitskosten setzt allerdings nicht nur die Vollversorgung der Bevölkerung mit hausärztlicher Betreuung voraus, sondern auch ein optimales Qualitätsniveau der Hausarztleistungen – also mehr Hausärzte mit mehr Zeit für ihre Patienten, mit mehr einschlägiger Bildung und Bewusstseinsbildung bei Ärzten wie Patienten, in Politik wie Öffentlichkeit.

V. Weilguni, Ärzte Woche 15/2013

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