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v.l.n.r.: Vizepräsident Mag. Thomas Veitschegger, Präsidentin Mag. Dr. Ulrike Mursch-Edlmayr, Vizepräsidentin Mag. Monika Aichberger, Generaldirektor Dr. Josef Probst
 
Gesundheitspolitik 8. April 2013

Chancen der Apotheker im Rahmen der Gesundheitsreform

Der Generaldirektor des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger, Dr. Josef Probst, sprach über die akuten Herausforderungen für die Apothekerschaft im Rahmen der Gesundheitsreform.

In einem spannenden Vortrag mit anschließender kontroverser Diskussion in der Apothekerkammer Oberösterreich, wurde die Notwendigkeit einer zeitnahen Veränderung in dieser kritischen Zeit gemeinsam diskutiert und erste Ideenansätze für die Zukunft formuliert.

 

"Zeiten der Unsicherheit sind Zeiten der Chancen", mit diesen Worten eröffnete Mag. pharm. Dr. Ulrike Mursch-Edlmayr, Präsidentin der OÖ Apothekerkammer die Veranstaltung in der Landesgeschäftsstelle in Linz. "Mit den Fakten auf dem Tisch müssen wir uns im Angesicht der Gesundheitsreform über unsere Kernkompetenzen hinausbegeben und ohne Furcht mit kompetenten Partnern über die Zukunft diskutieren", erklärte Mursch-Edlmayr. Einer dieser Dialogpartner war an diesem Abend Dr. Josef Probst, Generaldirektor des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger.

Über 40 ApothekerInnen sowie der Vizepräsident des Österreichischen Apothekerverbandes Mag. pharm. Thomas Veitschegger und AM PLUS Präsident Dr. Erwin Rebhandl sind der Einladung von Mursch-Edlmayr und ihrer Stellvertreterin Mag. pharm. Monika Aichberger an diesem Abend gefolgt. Probst eröffnete seine Ansprache mit den Worten: "Sie können gerne jederzeit Fragen stellen und auch ganz gegenteiliger Meinung sein", und zeigte bereits in den ersten Minuten auf, wie wichtig ein freier, konstruktiver Meinungsaustausch ist. "Alle Berufe im Gesundheitswesen sind von der Reform betroffen - Sie genauso wie ich. Daher müssen wir die Chance nutzen Sichtweisen auszutauschen und Synthesen zu finden."

Den Tatsachen ins Auge sehen

Die Veranstaltung begann mit einer eindrucksvollen Einleitung über den ökonomischen Status quo des österreichischen Gesundheitssystems. Derzeit werden rund 30 Milliarden Euro in das Gesundheitssystem investiert. Es ist also die ethische Verantwortung der Politik, das Geld im Interesse der Zahler einzusetzen und mit knappen Ressourcen gut zu wirtschaften. Auch die Bevölkerung wünscht sich eine Gesundheitsreform, so eine GFK Studie aus dem September 2012.

Die zentrale Verantwortung besteht darin, das gute öffentliche Gesundheitssystem nachhaltig zu sichern. Laut dem Euro Health Consumer Index (EHCI) sind die relevanten Schwachstellen im derzeitigen Gesundheitssystem die ungenügende Transparenz und Benutzerfreundlichkeit, die Mittelmäßigkeit von Diagnosen sowie die ungenügende Nutzung des Potentials von e-health. Außerdem ist die Lebenserwartung zwar hoch, die Anzahl der Lebensjahre in Gesundheit allerdings unterdurchschnittlich.

Der Anstieg der chronischen Krankheiten ist weltweit eine Bedrohung, so auch in Österreich. "Das österreichische Gesundheitssystem reagiert aber nicht ausreichend darauf! Das System ist veraltetet, die Strukturen zu starr", so Probst. "Nur ein Bruchteil der Diabetiker kann ein strukturiertes Disease-Management-Programm (DMP) in Anspruch nehmen, weil nur jeder 5. Arzt es anbietet."

Auf in die Zukunft

"Wir engagieren uns für ein längeres, selbstbestimmtes Leben, bei besserer Gesundheit!" Dies ist für Probst das oberste Ziel. "Es gibt gute Beispiele, die Mut machen, Veränderung in Angriff zu nehmen. Die Strategie "Richtig Essen von Anfang an" ist aus einem kleinen Projekt entstanden. Am Beginn war wenig wissen. Mit viel Energie und harter Arbeit wurde daraus ein flächendeckender Erfolg."

Auf eine Reise in die Zukunft sollen sich auch die Apotheker machen. Dies kann allerdings nur gelingen, wenn man sich über bestehende Barrieren hinwegtraut. Hier meldete sich Rebhandl zu Wort: "Unabgesprochene Einzelaktionen sind nicht sinnvoll. Auch wenn sich jeder einzelne Apotheker bemüht, müssen Aktionen konsentiert und koordiniert sein. Wir müssen jetzt anfangen interdisziplinär zu arbeiten im Gegensatz zum bisherigen Alleingang jedes Berufsstandes, auch wenn wir die Teamarbeit nicht gelernt haben." Die Ziele der Gesundheitsreform schlagen genau in dieselbe Kerbe: wirkungsorientiert, ganzheitlich und partnerschaftlich soll sie sein - also zu einer gesamtheitlichen Gesundheitspolitik a la "health in all policies" führen.

Das Diskussionspapier der Sozialversicherung, der Masterplan Gesundheit, das 2010 den Start der Reform bildete, sah bereits die Richtung der Apotheker vor: "Apotheken sollen entsprechend ihrer Qualifikation mehr Aufgaben im Gesundheitswesen übernehmen (Polypharmazie)."

Schnelles Handeln ist gefragt

"Es gibt zwei Möglichkeiten für die österreichischen Apotheker: entweder die Apotheke wird zu einer Gemischtwarenhandlung, in der, im Sinne des ökonomischen Überlebens, alles Mögliche angeboten wird, oder zu einem wertvollen Gesundheitspartner im neuen System, der sich über seine Kernkompetenzen hinauswagt - und das schnell", zeigt Probst die Möglichkeiten auf. "Falls die Apotheker das so sehen, muss kritisch hinterfragt werden, wie das Kerngeschäft jetzt erledigt wird. Ohne Vorwurf ist hier festzuhalten, dass Mysteryshopping-Projekte ein eher unerfreuliches Bild ergeben haben", so Probst weiter.

Dabei weiß man, dass die Apotheker die Therapietreue besser steigern können, als andere Berufsgruppen, im Sinne der Medikation, der Compliance und der Lebensstilveränderungen. (Quelle: Cutrona 2010, ABDA).

Eine weitere wichtige Entwicklung im Kerngeschäft der Apotheker wird die eMedikation sein, die demnächst in Umsetzung geht. Die Evaluierung des Pilotprojekts eMedikation zeigte folgendes auf: Im Durchschnitt trat bei jedem zweiten Besuch einer PatientIn, bei ÄrztInnen und ApothekerInnen eine Warnung vor einer Wechselwirkung, bei jedem 6. Besuch eine Intervallwarnung, und bei jedem 9. Besuch eine Warnung vor einer Doppelverordnung auf. Der Anteil der OTC-Wechselwirkungswarnungen war mit 3,5 % überproportional hoch.

Probst meint, "die Apotheker sollen sich primär auf ihr Kerngeschäft konzentrieren - Arzneimittelmanagement, kompetente Beratung der Patienten, vielleicht in Zukunft auch Beratung zum Thema Ökonomie".

Er bezieht sich in seiner Aussage auf das bevorstehende Timing: Im Sommer 2013 wird die Gesundheitsreform mit ihren zwei §15a-Vereinbarungen, die die Finanzierung des Gesundheitssystems sowie die Verantwortung für verschiedene Prozesse neu aufteilen wird, in Kraft treten. 2014 soll dann die Umsetzung beginnen.

Spätestens nach dieser konkreten Warnung entfachte eine heiße Diskussion unter den Anwesenden, in der die verschiedenen Sichtweisen aufeinander stießen. Bald kam die Frage nach der Finanzierung auf und wie Probst sich diese vorstelle. "Ich bin der Meinung, dass man zuerst überlegen muss, was sich inhaltlich ändern muss, um zu beantworten, wie viel dafür gezahlt werden kann. Sie gehen ja auch nicht in ein Autohaus und suchen ein Auto um einen bestimmten Betrag, sondern ein Auto mit gewissen Features", beschreibt Probst die übliche Vorgangsweise. Demnächst wird entschieden, wer welchen Beitrag in einem neuen Gesundheitssystem leisten soll. Daher ist jetzt Selbstfindung angesagt und ein klarer Blick gefragt, wo die Apothekerschaft in 10 Jahren stehen will.

"Wir müssen im Spiel der Systeme unsere Leistung klar beweisen", fordert Mursch-Edlmayr die Anwesenden nochmals zum Umdenken auf und bittet sie abermals, beim oberösterreichischen DMP-Pilotprojekt "Integrierte Betreuung von Typ 2 Diabetikern" in Zusammenarbeit mit den Ärzten noch aktiver mitzumachen. "Das Projekt ist die optimale Gelegenheit zu beweisen, dass interprofessionelle Teamarbeit funktionieren kann und dass wir fähig sind, unsere Leistung strukturiert und konsentiert für die Zukunft zu dokumentieren", so Mursch-Edlmayr. "Ohne Ziel keine Richtung. Nun liegt es an Ihnen, sich für die Zukunft zu rüsten", beendet Probst den offiziellen Teil der Veranstaltung. "Es möge uns allen gelingen, gemeinsam kritisch zu kreieren - lassen Sie uns im Dialog bleiben!"

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