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Gesundheitspolitik 3. April 2013

Patentstreit zwingt Pharmafirmen in Indien zum Umdenken

Rückzug kein Thema: "Indien ist zu groß, um es zu ignorieren".


Nach der Niederlage von Novartis im erbitterten Patentstreit müssen westliche Pharmakonzerne in Indien neue Wege gehen. Vorsicht bei der Einführung neuer Medikamente ist nun angesagt - und Kooperationsbereitschaft.

 

Um Medikamente billiger anzubieten und trotzdem noch Geld zu verdienen, sollten die Pharmakonzerne mehr als bisher mit indischen Firmen zusammenarbeiten, empfehlen Experten. "Sie müssen ihr Geschäftsmodell ändern", fordert Amit Backliwal, Südostasien-Chef des Gesundheits-Informationsdienstes IMS Health. Der Rückzug aus einem Land, das bis 2016 der achtgrößte Pharma-Markt der Welt sein könnte, komme für die Konzerne nicht infrage. "Indien ist zu groß, um es zu ignorieren", so Backliwal.

In dem Land leben 1,2 Milliarden Menschen. Auf dem schnell wachsenden indischen Medikamentenmarkt werden jährlich etwa 13 Mrd. Dollar (10 Mrd. Euro) umgesetzt. In drei Jahren könnte es doppelt so viel sein. Neu entwickelte und patentgeschützte Medikamente machen derzeit lediglich etwa fünf Prozent aus. Und Patente auf teure westliche Arzneien sind in Indien schwer zu erlangen, das musste auch Novartis lernen: Am Montag versagte Indiens Oberster Gerichthof dem Schweizer Pharmakonzern den Patentschutz für sein Krebsmittel Glivec. Das Präparat sei keine "Neuheit" im Sinne der indischen Patentgesetze, hieß es zur Begründung.

Originale und Nachahmer-Versionen

Ähnlich war es schon dem Bayer Konzern ergangen. Im März 2012 hatte das indische Patentamt Bayer gezwungen, seine Schutzrechte für das Krebsmedikament Nexavar zugunsten einer Lizenz für die Pharmafirma Natco aufzugeben. Natco bietet eine Nachahmer-Version von Nexavar an, die erheblich billiger ist. Viele Inder können teure Originalpräparate eben nicht leisten, sondern sind auf günstige Nachahmerprodukte angewiesen.

Die Pharmakonzerne sollten sich die Hersteller von Autos oder Mobiltelefonen zum Vorbild nehmen, sagte Raghunath Mashelkar, der frühere Präsident des indischen Rats für wissenschaftliche und industrielle Forschung und einer der Architekten des indischen Patentrechts. Bei Autos und Handys seien unterschiedliche Preise in verschiedenen Ländern schließlich üblich. "Die Hersteller müssen die Medikamente so anbieten, dass die Menschen sie sich leisten können. Geld verdienen müssen sie mit großen Volumen bei kleinen Gewinnmargen", erklärte er im Gespräch mit Reuters.

Niedrigere Preise für Originalpräparate in Indien?


Der Novartis-Lokalrivale Roche bewegt sich schon in diese Richtung. Der Konzern plant, eine preisgünstigere Variante seiner Krebsmittel Herceptin und MabThera zusammen mit dem indischen Generika-Hersteller Emcure Pharmaceuticals auf den Markt zu bringen. Diesen Weg könnten auch andere Konzerne gehen, erwartet Ajay Kumar Sharma von der Beratungsfirma FrostSullivan. Andere setzen in Indien erst einmal auf rezeptfreie Medikamente: GlaxoSmithKline gab kürzlich 900 Millionen Dollar aus, um seine Beteiligung an einer indischen Firma zu erhöhen, die solche Medikamente herstellt.

Rasch wachsende Märkte der Schwellenländer

Die schnell wachsenden Märkte in Schwellenländern sind für die großen Pharmakonzerne grundsätzlich attraktiv. "Aber man muss im richtigen Markt sein", sagte der Pharma-Experte Tim Race von Deutsche Bank. Das seien vor allem China und Brasilien. Auch Indien könnte wegen seiner wachsenden Mittelschicht ein interessanter Markt sein. "Aber die starke einheimische Nachahmer-Industrie und die Patentsituation machen die Lage sehr schwierig".

Andere Länder könnten sich Indien zum Vorbild nehmen. Argentinien habe die Patentvorschriften für Medikamente still und leise verschärft, sagt Michelle Childs von der Organisation "Ärzte ohne Grenzen". Und Zwangslizenzen gebe es auch anderswo. "Die Pharmakonzerne müssen einsehen, dass sie nicht weiterhin Preise verlangen können, die eine Mehrheit der Menschen nicht zahlen kann", fordert Childs.

Österreich: Pharmig weist auf die Bedeutung des Patentschutzes für die Entwicklung innovativer Arzneimittel hin

Die Entwicklung neuer Arzneimittel sei ein Hochrisikogeschäft, argumentiert die Interessenvertretung der heimischen pharmazeutischen Industrie, Pharmig. Um die dafür notwendigen und enorm hohen Investitionen – bis zu 1,3 Milliarden US-Dollar - tätigen zu können, müsse gewährleistet sein, dass diese Investitionen in das Unternehmen zurückfließen.

„Die Verbesserung medizinischer Standards ist nur möglich, wenn entsprechend förderliche Rahmenbedingungen existieren und beibehalten werden“, betont Dr. Jan Oliver Huber, Generalsekretär der Pharmig, im Zuge der Ablehnung eines Patentantrages für ein innovatives Krebsmedikament in Indien.

Die Entwicklung neuer Medikamente nimmt immer mehr Zeit und finanzielle Mittel in Anspruch, bedingt durch komplexere Technologien, risikoreichere Forschungsgebiete und die zunehmend hohen regulatorischen Rahmenbedingungen. „Wenn Unternehmen nicht mehr davon ausgehen können, dass ihre aufwändig entwickelten Produkte als geistiges Eigentum anerkannt werden, wird dies Auswirkungen auf gesellschaftliche und wirtschaftspolitische Vorgänge und Zielsetzungen haben“, so Huber.

„Entscheidungen wie die des indischen Höchstgerichts sind dazu angetan, dass sich Unternehmen mit der Veröffentlichung ihrer Produkte auf derartigen Märkten in Zukunft zurückhalten werden. Wer Investitionen tätigt, ohne die Möglichkeit zu bekommen, diese wieder zu erwirtschaften, gefährdet die eigene Existenz. Das kann nicht im Sinne derer sein, die von diesen Innovationen profitieren.“ Gleichzeitig führten viele international tätige Pharmaunternehmen jedoch Maßnahmen durch, um Medikamente auch jenen Teilen der Bevölkerung zugänglich zu machen, die sich diese nicht leisten können.

Die Argumente der Pharmig bezüglich der Aspekte des innovativen und damit schützenswerten Charakters von Arzneimitteln:

  • Durch intensive Forschung werden immer wieder Medikamente für Krankheiten entwickelt, die bislang als nicht behandelbar galten – die Onkologie steht hier zurzeit besonders im Fokus.
  • Oder es wird durch entsprechende Arzneimittel möglich, Krankheiten wesentlich gezielter als bisher zu behandeln.
  • Die Lebensqualität von Patienten kann aber auch durch die Entwicklung neuer Darreichungsformen von bereits existierenden Arzneimitteln wesentlich verbessert werden, wie dies etwa in den letzten Jahren im Bereich HIV/AIDS geschehen ist.
  • Auch die Entwicklung von kindgerechten Arzneimitteln stellt eine wesentliche Innovationsleistung dar, die breite Unterstützung in der Gesellschaft findet.  

„Die Geschichte der Medizin zeigt, welchen Nutzen das Engagement der pharmazeutischen Industrie im Kampf gegen Krankheiten gebracht hat. Zahlreiche Menschen können heute ein oft beschwerdefreies Leben trotz ernsthafter Erkrankungen führen, weil die Errungenschaften der pharmazeutischen Industrie aus einst tödlichen Krankheiten chronische gemacht haben“, so Huber. Er plädiert daher für einen sorgfältigeren Umgang mit den Innovationen pharmazeutischer Unternehmen. Dieser trage dazu bei, dass Innovationen auch bei den Patientinnen und Patienten ankommen.

 

APA/Pharmig/IS, springermedizin.at

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