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Allgemeinmedizin 30. August 2006

Ärzte und "Drogenlenker": So nicht!

Die Bereitschaft der Gemeinde-, Amts- und Polizeiärzte, die Fahrtauglichkeit von Personen festzustellen, die im Verdacht des Konsums illegaler Drogen stehen, steht außer Frage. "Das dafür erlassene ?usch-Pfusch-Gesetz?muss aber dringend repariert werden", fordert unter anderen Prof. Dr. Rainer Schmid, Toxikologe am Institut für Labordiagnostik des AKH Wien.

Aufklärung der Bevölkerung

Nötig wäre eine gründliche Schulung der Exekutive dahin gehend, wie mögliche Beeinträchtigungen festgestellt werden können und wann der Weg zum Arzt unumgänglich ist. Geklärt werden müsse auch, wie mit den Ergebnissen der ärztlichen Untersuchung umzugehen ist und welche Maßnahmen dann wirklich Sinn machen.
Schmid ist sich mit Dr. Rainer Schmidbauer, Leiter des Instituts für Suchtprävention (www.praevention.at), einig: Neben einer grundlegenden Reformierung der Vorgangsweise bei der Überprüfung potenzieller "Drogenlenker" seien auch klare Grenzwerte erforderlich. Beide halten es auch für wesentlich sinnvoller, einen nicht zu kleinen Teil der Mittel, die in die Umsetzung des neuen Gesetzes gesteckt werden, in den Bereich der Prävention und Information zu investieren.
"Sinn machen würde eine breite Bewusstseinsbildung in der Bevölkerung, ähnlich wie beim Thema Alkohol, wie und vor allem auch wie lange sich der Konsum illegaler Drogen auf die Fahrtauglichkeit auswirkt", betont Schmidbauer. Gemeinsam mit Schmid will er dabei auch das Thema der Auswirkungen von Medikamenten geklärt haben: "Es ist schon eher skurril, dass jemand, dem zum Beispiel Benzodiazepin verschrieben wurde, nicht unter die Regelung fällt und quasi als ?icherer Fahrer?angesehen wird." Schmidbauer appelliert an die Ärzte und auch Apotheker, die Patienten genauer über die möglichen unerwünschten Nebenwirkungen von Medikamenten zu informieren.

Kritikpunkt Grenzwerte

Vordringlich wollen die Experten aber eine rasche Überarbeitung des Gesetzes. Ein Kritikpunkt betrifft die im Suchtmittelgesetz angeführten und für die Regelung in Frage kommenden gut 200 Substanzen. "Diese haben sehr unterschiedliche Auswirkungen, außerdem fehlen Grenzwerte", so Schmid. Selbst wenn ein Harntest, etwa auf Cannabis, positiv sei, sage dies wenig bis nichts über die tatsächliche Beeinträchtigung bzw. den Grad der Gefährdung durch den Lenker aus - der Konsum kann wochenlang zurückliegen, nennt der Toxikologe ein Beispiel.
Ärztekammerpräsident Dr. Otto Pjeta will eine Überforderung der Ärzte vermeiden: "Angesichts der Vielfalt der Suchtmittel kann sicher nicht in allen Fällen sofort eine Einschätzung über die Fahrtauglichkeit geliefert werden." Dazu komme, dass die Untersuchung einer Person, die von der Sinnhaftigkeit der Maßnahme nicht überzeugt sei, sehr lange - "bis zu einer Stunde" - dauern könne. "Ich frage mich", so Pjeta, "wie das bei einer größer angelegten Polizeiaktion funktionieren soll, wo gleich mehrere Lenker vorgeführt werden."
Ein schwer Kokainsüchtiger sollte in der Fahrerlaubnis zumindest eingeschränkt werden, nennt Schmid ein weiteres Beispiel. "Es stellt sich aber die Frage, ob der hohe Prüfaufwand und die nötigen rechtlichen Verfahren wirklich gerechtfertigt sind, nur weil eine Person einmal Kokain konsumiert hat." Die Forderungen der Experten liegen am Tisch, was noch fehlt, ist die neue Regierung zu deren Umsetzung.

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