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Hüftendoprothese.
 
Gesundheitspolitik 22. März 2013

Künstliche Hüften am Kostenlimit?

Deckelung bei Hüftendoprothesen in Oberösterreich löst Debatte um Zweiklassenmedizin aus.

Die aktuelle Diskussion wurde durch einen Morgenjournal-Beitrag in Ö1 angestoßen. Laut dem Bericht wurden die teuersten und nach Ansicht vieler Ärzte langlebigsten Hüftprothesen vom Spitalsbetreiber gespag kontingentiert. Seit Jahresbeginn sollen sie nur noch für maximal fünf Prozent der Patienten zur Verfügung gestellt werden, ist einem internen Protokoll zu entnehmen. Einsparen will man auf dem Weg gut 700.000 Euro.


Für Martin Dominkus, Primarius am Wiener Orthopädischen Spital Speising, ist die Fünf-Prozent-Quote eindeutig zu niedrig. Da langlebige Prothesen vor allem für jüngere Patienten angemessen sind, hält er 20 bis 25 Prozent an Bedarf für eine realistischere Zahl. Die gespag weist das zurück. Für Oberösterreich hätte eine interne Arbeitsgruppe von Fachleuten eben weniger Bedarf erhoben, sagt Vorstand Harald Geck.
Freilich ist laut einem Ö1 vorliegenden internen Protokoll durchaus ein finanzieller Aspekt relevant. Denn die Sparvorgaben bei künstlichen Gelenken sind dort mit gut 700.000 Euro festgeschrieben. In der gespag spricht man dennoch nicht von einer Fünf-Prozent-Quote, sondern von einer Zieldefinition. Ins Gerede gekommen war der Spitalsbetreiber im Vorjahr, als ein zusätzlicher dritter Vorstandsposten etabliert wurde. Kostenpunkt dafür laut ORF: 180.000 Euro pro Jahr.

Seniorenrat gegen Zwei-Klassen-Medizin
Der Seniorenrat meldete sich umgehend mit seiner Ablehnung altersbezogener Kostenschranken im Gesundheitsbereich zu Wort. "Wir haben uns immer gegen eine Zwei-Klassen-Medizin ausgesprochen", betonte Präsident Andreas Khol (V). Einschränkungen nach Alter oder Geldbörse dürfe es nie geben, sagte auch Co-Präsident Karl Blecha (S).
Oö. Ärztekammer fordert Prüfung und Evaluierung der Vorgangsweise
Oberösterreichs LH Josef Pühringer (V) wies den Vorwurf einer Zwei-Klassen-Medizin bezüglich der Ergebnisse eines ärztlichen Arbeitskreises der gespag zur Endoprothetik sowie einen Zusammenhang mit der oö. Spitalsreform scharf zurück. Es bleibe selbstverständlich ausschließlich eine individuelle Entscheidung des behandelnden Arztes, welche die bestgeeignete Prothese für den jeweiligen Patienten sei, so der Gesundheitsreferent in einer Presseaussendung. Die Erhaltung der hohen Qualität der Gesundheitsversorgung sei ihm ein ganz besonderes Anliegen.

Ärzte entscheiden über Produkte: "Eine Vorgabe des Managements gibt es nicht"
Der gespag-Vorstand wehrt sich gegen die Vorwürfe: "Die Ärzte entscheiden durch ihre Indikation, welches Produkt welcher Patient erhält. Eine Vorgabe des Managements gab und gibt es nicht", so Karl Lehner in einer Pressekonferenz am Donnerstagabend in Linz bezüglich der Vorwürfe einer Zwei-Klassen Medizin durch Einsparungsvorgaben bei Hüftprothesen. Auch die erste Einschätzung, dass fünf Prozent der Patienten mit Keramik-Paarungen zu versorgen seien, habe eine Arbeitsgruppe aus elf Primarärzten und externen Experten getroffen. Die gespag garantiere jedem Patienten die bestmögliche Behandlung.
Das auf Ö1 veröffentlichte Protokoll aus der Arbeitsgruppe, das die Diskussion ins Rollen gebracht hatte, sei dort erarbeitet worden, so Lehner. Darin heißt es "maximal fünf Prozent aller Patienten werden mit Keramik-Keramik-Paarungen versorgt." Das sei nicht im Sinne einer Kontingentierung zu verstehen, die fünf Prozent seien nicht in Stein gemeißelt, falls eine medizinische Evaluierung einen höheren Prozentsatz ergebe, dann sei das eben so, hieß es. Das habe auch nichts zu tun mit der oberösterreichischen Spitalsreform oder dem dritten Vorstand. Fachkommissionen gebe es seit acht Jahren. So versuche man durch interne Organisation die Größe des Unternehmens zu nutzen, erklärte Lehner.
Der Projektleiter der Arbeitsgruppe, Primar Vinzenz Auersperg von der orthopädischen Abteilung am Krankenhaus Steyr-Kirchdorf, betonte, dass es in der Medizin üblich sei, Patienten dem Alter nach und im Hinblick auf die Lebenserwartung zu versorgen. Er persönlich halte es für übertrieben zu sagen, jeder Patient unter 75 Jahren brauche eine Keramik-Keramik-Prothese. Freilich zeige Keramik keine Veränderungen im Alterungsprozess, aber eine Polyethylen-Paarung verzeihe mehr. Der Preisunterschied betrage 450 bis 500 Euro pro Prothese, erklärte gespag-Vorstand Harald Geck.
Auch die 700.000 Euro Einsparungen bei künstlichen Gelenken seien eine Ersteinschätzung aus der Arbeitsgruppe, so Lehner. Das solle durch Optimierung im Einkauf - sprich weniger Lieferanten und dafür größere Mengen - erreicht werden. Die Projektarbeiten würden durchgeführt, weil Standardisierungen dazu geeignet seien, hohe Qualität wie auch ausgeprägte Kosteneffizienz zu erreichen, betonte Geck.
Im Mai solle es nächste Gespräche der Expertengruppe geben, so Auersperg. Zuvor erwarte man im April eine nächste Auswertung der Evaluierung, welche Patienten welche Hüft- und Kniegelenke bekommen. Dann wolle man ein Prothesenregister erstellen und versuchen, das im österreichischen Prothesenregister unterzubringen.

Stöger pocht auf medizinische Entscheidung, die Ärztekammer warnt vor Rationierungen.
In der Debatte um Kontingentierungen bei Hüftoperationen pocht Gesundheitsminister Alois Stöger (S) auf die medizinisch-fachliche Entscheidung bei der Auswahl der Prothese. Der Wiener Ärztekammer-Präsident Thomas Szekeres wertete das Vorgehen in Oberösterreich als Beleg für schon seit Längerem befürchtete Einsparungen.
Alle Menschen müssten selbstredend die Leistungen bekommen, die sie brauchen, hieß es im Gesundheitsministerium. Dabei müsse in jedem Fall die optimale Behandlung von höchster Qualität gewährleistet sein. "Welches Arzneimittel oder Medizinprodukt eingesetzt wird, ist nach medizinisch-fachlichen, nicht nach ökonomischen Kriterien zu entscheiden", so die Stellungnahme Stögers.
Ähnlich sieht man das in der Österreichischen Gesellschaft für Orthopädie. Ein nur fünfprozentiger Anteil der langlebigen Keramik-Prothesen reiche sicher nicht, sagte Generalsekretär Alexander Giurea im Ö1-"Mittagsjournal". Den Patienten sei bestes Material zur Verfügung zu stellen, die Entscheidungshoheit darüber liege beim Arzt. Es wäre nicht zu tolerieren, würde diese von Verwaltungsorganisationen unterwandert.
Für die Wiener Ärztekammer warnte Szekeres in einer Aussendung davor, mittels Rationierungsmaßnahmen die Gesundheit der Patienten in Österreich zu gefährden. "Diese Entwicklung ist äußerst bedenklich und darf in Zukunft nicht Schule machen."

APA/OTS/IS, springermedizin.at

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