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Gesundheitspolitik 21. März 2013

Auf der Suche nach den „Perlen im Misthaufen“

Das Internet hat sich – anders als etwa Social Media oder Apps – als wichtige Informationsquelle in Gesundheitsfragen etabliert, spielt bei Entscheidungen selbst aber kaum eine Rolle.

Die ärztliche Kompetenz bleibt auch im digitalen Zeitalter unangetastet, wenn es für Patienten darum geht, wichtige medizinische Entscheidungen zu treffen. Im Vorfeld solcher Entscheidungen spielt das Internet allerdings eine zunehmend wichtige Rolle, was sich auch auf das Arzt-Patientenverhältnis auswirkt. Sowohl Ärzte als auch Patienten könnten vom digitalen Angebot zukünftig noch stärker profitieren, wenn dieses adaptiert und besser strukturiert wird. Internationale „Best Practice“-Beispiele gäbe es dafür schon einige.

„Das Internet ist zu einem pragmatischen Begleitmedium bei Gesundheitsthemen geworden, es hat aber wenig subjektiven Einfluss auf die Entscheidungsfindung“, so fasst Dr. Erich Eibensteiner die Ergebnisse einer Patientenbefragung zusammen, die sich mit dem Einfluss digitaler Medien auf das Arzt-Patientenverhältnis auseinandergesetzt hat. Eibensteiner, Geschäftsführer von Janssen Österreich, ist Initiator des Janssen Forums, das die repräsentative Studie in Auftrag gegeben hat. In ihrem Rahmen wurden über 900 Österreicherinnen und Österreicher über ihr Internetverhalten im Zusammenhang mit ihrem Gesundheitsverhalten befragt.

Online-Recherche häufig

Jeder zweite Befragte gab bei der Befragung an, im vergangenen Jahr zu Gesundheitsthemen online recherchiert zu haben. Das Internet ist damit zur zweitwichtigsten Informationsquelle gleich nach dem Arzt geworden, noch vor Familie und Freunden. Bei der Gruppe der so definierten „Online-Bevölkerung“, Internet-affine Menschen, die sich selbst sehr aktiv um Informationen bemühen, lag die Quote sogar über 70 Prozent. Am häufigsten wird das Internet aufgrund auftretender Symptome konsultiert (58 Prozent), etwas seltener, um nach erfolgter Diagnose weitere Informationen zu erhalten oder um besser einschätzen zu können, ob ein Arztbesuch erforderlich ist. Zumeist suchen die Patienten im Netz nach konkreten Informationen zu Medikamenten sowie nach Informationen zu leichten und chronischen Erkrankungen. Je schwerer die Erkrankungen, desto seltener wird „Dr. Google“ bemüht.

Wenig überrascht von diesen Ergebnissen zeigt sich der Sprecher der österreichischen Patientenanwälte Dr. Gerald Bachinger. Seiner Einschätzung nach gäbe es im „kreativen Haufen des Internets“ tatsächlich eine ganze Reihe von „Schätzen, die es zu heben gilt“. Bachinger spricht in diesem Zusammenhang auch von einzelnen „Perlen im Misthaufen“. Diese Perlen hätten aber durchaus das Potenzial, Patienten wertvolle Informationen zu liefern, damit einen wichtigen Beitrag zur Steigerung der „Health Literacy“ in diesem Land zu leisten (Bachinger: „Wir sind nach wie vor Gesundheitsmuffel, unsere Gesundheitskompetenz liegt laut internationalen Studien im absoluten Schlussfeld auf dem Niveau von Bulgarien“) und ganz nebenbei auch noch das Gesundheitssystem insgesamt zu entlasten.

Qualität & Internet

Bachinger leitet aus den Studienergebnissen fünf Thesen ab: 1. Es gibt ein gesteigertes Grundbedürfnis der Patienten nach Information. 2. Angebotene Informationen müssen verständlich sein, die Kommunikation auf Augenhöhe erfolgen. Dies gelte sowohl für die persönliche Kommunikation zwischen Arzt und Patienten wie für jede strukturierte Kommunikation. 3. Mündige Patienten benötigen „mehr“ Kommunikation, wobei sich das „Mehr“ aber nicht auf Quantität, sondern auf Qualität bezieht. Dazu braucht es entsprechende Tools, mit denen die Menschen auch umgehen können. 4. Die Quelle der Kommunikation und ihre Glaubwürdigkeit sind entscheidend, weil es immer auch um Vertrauen geht. 5. Es zählt nicht mehr die Frage „Internet-Informationen ja oder nein?“. Patienten holen sich ihre Informationen in jedem Fall, die Frage ist nur: woher?

Bachinger plädiert in diesem Sinne dafür, das professionelle, abgesicherte Online-Angebot aktiv auszubauen, die bereits vorhandenen Perlen zu heben und zuverlässige Informationen anzubieten. Als ein konkretes Beispiel nennt Bachinger die Einrichtung eines „Medizinischen Callcenters“, vergleichbar mit dem britischen „NHS Direct“. Hier könnten Patienten auf einem sehr niederschwelligen Zugangsniveau etwa auftretende Symptome checken und auch gleich erfahren, wohin sie sich wenden sollen. „Ein solches Callcenter ist nicht dazu da, die individuelle Beratung durch den Arzt zu ersetzen, aber sie gezielter vorzubereiten. Damit könnten auch die ohnehin überfüllten Ambulanzen entlastet werden“, ist sich Bachinger sicher. „Das wäre ein wichtiger Schritt in Richtung Gesundheitsreform.“

Ärzte & Internet

Es gibt sie also schon, die „guten“, verlässlichen und hochprofessionellen Internetseiten, auf welchen sich gute Informationen finden lassen. Die Patienten müssen sie aber auch finden und von den „schlechten“ Informationen unterscheiden können. Auch dafür gibt es eine Reihe passabler Hilfswerkzeuge, Informationsfolder oder Ratgeber wie etwa den „Praxisleitfaden: Wie finde ich seriöse Gesundheitsinformationen im Internet“. Bachinger würde sich hier aber vor allem mehr Unterstützung durch die Ärzte wünschen: „Die Befragung hat ganz klar gezeigt, dass der überwiegende Teil der Ärzte heute nicht als Fürsprecher digitaler Informationsquellen in Gesundheitsbelangen auftritt.“

Ärzte zeigen sich zwar „aufgeschlossen“ gegenüber dem Internet-Wissen ihrer Patienten – eine große Mehrheit der Befragten gab an, dass die aufgrund von Internet-Informationen konsultierten Ärzte auf die „Netz(be)funde“ ihrer Patienten durchwegs verständnisvoll reagiert hätten –, selbst nutzen die Ärzte das World Wide Web im Patientengespräch aber nur selten. Dabei stünden Patienten einer solchen ärztlichen Informationsbeschaffung laut eigenen Angaben durchaus aufgeschlossen gegenüber: 80 Prozent der online und 67 Prozent der telefonisch Befragten würden dies als „durchaus passend“ empfinden.

Entscheidungsfindung & Internet

Die Befragung hat dem Internet und anderen digitalen Plattformen, aber auch deutlich ihre Grenzen aufgezeigt. Auf gesundheitliche Entscheidungen selbst hat das Internet demnach einen nur geringen Einfluss. Hier liegen Ärzte weit vorne, gefolgt vom Krankenhauspersonal und den Apothekern. Das Internet rangiert auf Platz sechs, noch hinter Büchern, aber immerhin vor Fernsehen, Radio und Presse.

Gering ist auch die Rolle der Social Media in Gesundheitsbelangen. Nur jeder zehnte Befragte hat sich im vergangenen Jahr in einem sozialen Netzwerk zu Gesundheitsfragen ausgetauscht. Ein Ergebnis, das zwar manche Gesundheits- und Kommunikationsexperten überrascht, Viele aber auch beruhigt. So sagt etwa Dr. Georg Psota, designierter Präsident der Fachgesellschaft für Psychiatrie und Chefarzt der Psychosozialen Dienste: „Dass die sozialen Medien wenig genützt werden, darüber bin ich froh. Gerade in solchen Foren wird viel Unsinn verbreitet und damit gefährliche Angst erzeugt. Es hat deswegen schon Tote gegeben.“

Auch spezifische Gesundheits-Apps werden wenig genützt. Laut Befragten ein Umstand, der sich so rasch nicht ändern wird: 84 Prozent gehen davon aus, dass mobile Geräte auf ihr eigenes Gesundheitsmanagement auch in den nächsten zwei Jahren wenig Einfluss haben werden.

V. Weilguni, Ärzte Woche 12/2013

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