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Mag. Dr. Christian Müller-Uri, Präsident des Österreichischen Apothekerverbandes

„Es darf zu keiner Verschlechterung der Sicherheitsstandards in der Versorgungskette kommen.“

 

 

 

 

 

 

 

 

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Dr. Jan Oliver Huber Generalsekretär des Verbands der pharmazeutischen Industrie Österreichs, Pharmig

„Eine sorgfältige Regulierung muss umgesetzt werden – zur Sicherheit der Patienten.“ © dm

„Ein verstärkter Wettbewerb wird zu günstigeren Preisen für die Konsumenten führen.“

 
Gesundheitspolitik 21. März 2013

Standpunkte: Sicherheitsrisiko Versandapotheken?

Auch in Österreich müssen bis Anfang nächsten Jahres Regelungen getroffen werden, die einen Arzneimittel-Versandhandel mit rezeptfrei erhältlichen Medikamenten erlauben.

Der Kunde bestellt, der Apotheker sendet die Medikamente per Post oder Zustelldienst. Trotz Bedenken und Kritik des Apothekerverbandes – „ein Einfallstor für Sicherheitsprobleme“ – führt an einer neuen Regelung, die ab Jänner 2014 eine Fernabgabe von in Österreich rezeptfrei erhältlichen Arzneimitteln ermöglicht, kein Weg vorbei. Genau das sieht nämlich eine EU-Richtlinie aus dem Jahr 2011 vor, welche an sich die Fälschungssicherheit von Arzneimitteln erhöhen soll. Sie enthält daneben aber auch eine Verpflichtung aller Mitgliedstaaten, Regelungen für den Arzneimittel-Versandhandel zu verabschieden. Diese Vorgabe ist bindend, das österreichische Arzneimittelgesetz wurde bereits entsprechend geändert.

Nun ist Gesundheitsminister Alois Stöger am Zug. Er muss eine Verordnung erlassen, um die in Zukunft für Österreich geltenden Regeln für einen solchen Versandhandel von OTC-Produkten festzuschreiben. Einen Entwurf dazu gibt es noch nicht, Gespräche laufen aber bereits auf Hochtouren.

Die dm Drogeriemärkte bewerben heute schon ein vergleichbares Modell, das über eine Kooperation mit einer Schweizer Versandapotheke läuft und die heimischen Bestellungen über eine tschechische Apotheke abgewickelt.

Der Apothekerverband plant jetzt als „Alternativangebot“ die Etablierung eines sogenannten „Click and Collect“-Systems, wie es das etwa in Dänemark, Großbritannien und Deutschland gibt. Dabei werden die Medikamente zwar via Internet bestellt, müssen dann aber in der Apotheke abgeholt werden.

Alternativmodell mit Beratung

Wir Apotheker sind klassische Nahversorger. Fernabsatz von Arzneimitteln und Nahversorgung vertragen sich nicht miteinander, deshalb lehnen wir den Versandhandel grundsätzlich ab. Uns ist aber bewusst, dass aufgrund der Vorgaben aus Brüssel kein Weg an einer neuen Verordnung vorbeiführt, welche die für den Arzneimittel-Versandhandel in Österreich geltenden Regelungen enthalten wird. Einen konkreten Entwurf gibt es noch nicht, wir sind aber in ständigen Gesprächen mit den Behörden.

Die offenen Fragen und unsere Sicherheitsbedenken zum Arzneimittel-Versandhandel liegen wie immer im Detail, etwa bezüglich der Liefer- und Lagerbedingungen: Der Transport von Arzneimitteln vom Produzenten zum Großhandel und von dort zu den Apotheken ist mit strengsten Qualitätsregeln – bis hin zu einzuhaltenden Temperaturen – versehen. Und jetzt sollen plötzlich Apotheken Päckchen mit Medikamenten via Post ohne diese Qualitätsmerkmale verschicken dürfen? Das halten wir für nicht sinnvoll und in Einzelfällen auch für gefährlich. Die Transportbedingungen müssen daher in der Verordnung genau geregelt werden. Es darf jedenfalls zu keiner Verschlechterung der Sicherheitsstandards in der herkömmlichen Versorgungskette kommen.

Und wer übernimmt die Beratung? Der Preis alleine ist in der Regel für den Apothekenkunden nicht der entscheidende Faktor, er will vielmehr Seriosität und Beratung. Der Österreichische Apothekerverband wird daher in Kürze ein Alternativmodell via Internet anbieten, ein sogenanntes „Click and Collect“-System. Der Kunde soll sich die Produkte im Internet ansehen, dann bei einer Apotheke bestellen und die reservierte Ware schließlich dort abholen. Dabei gibt es den Vorteil der klassischen Beratungsmöglichkeit durch den abgebenden Apotheker. Bei 1.330 öffentlichen Apotheken in Österreich ist eine weitgehend flächendeckende und wohnortnahe Versorgung an sich gegeben. Wir wollen zunächst einmal 400 Apotheken für einen ersten Versuch gewinnen und das System dann ausweiten.

Investitionen in Patientenschutz

Immer mehr Branchen bieten ihren Kunden über den Versandhandel mehr Bequemlichkeit: Durch das Service, Produkte bis nach Hause zu liefern, ersparen sie sich den Weg zum Geschäft. Dieser Trend gilt auch bei rezeptfreien Medikamenten – auch wenn es sich hier um ein besonders sensibles Produkt handelt.

Der Versandhandel ist also längst Realität. Die EU schiebt möglichem Missbrauch mit besonderen Vorschriften einen Riegel vor: Mit der Anbringung von Sicherheitsmerkmalen und der lückenlosen Rückverfolgbarkeit werden substanzielle Maßnahmen auf Produkt- und Vertriebsebene gesetzt. Für die Apotheken als Vertriebspartner ist ein EU-weites Logo geplant, unter dem sie als Versandapotheke tätig werden können.

Die pharmazeutische Industrie trägt durch hohe Investitionen dazu bei, diese Maßnahmen umzusetzen und damit die Sicherheit von Arzneimitteln weiter zu erhöhen. Auf der Basis der EU-Richtlinie gegen das Eindringen gefälschter Arzneimittel in die legale Lieferkette wird die Serialisierung und Codierung von Arzneimitteln bis etwa 2017 EU-weit einheitlich realisiert.

Wünschenswert ist aus Gründen der Sicherheit für die Patienten, dass die geltenden GDP-Regeln auch auf den Versandhandel angewendet werden. GDP steht für die EU-Leitlinie „Good Distribution Practice“, ein europaweiter Standard für den kontrollierten Transport von Arzneimitteln, der ab diesem Jahr die Spediteure noch wesentlich stärker in die Pflicht nimmt als bisher. Entsprechend dieser europäischen Vorgabe ist auch die nationale Verordnung, welche die Rahmenbedingungen eines Versandhandels festschreiben wird, mit großer Sorgfalt zu definieren.

Die Apotheken genießen in der Bevölkerung ein hohes Vertrauen. Damit dieses auch in Zukunft bestehen bleibt, sollten die Apotheker selbst das Thema Versandhandel besetzen. Für mich persönlich gilt aber nach wie vor: Die Beratung in der Apotheke ist ein wesentliches Qualitätskriterium beim Kauf eines Medikaments.

Eigenverantwortung des Patienten

dm drogerie markt begrüßt die Novelle zum Arzneimittelgesetz, die ab dem Jahr 2014 den Versand von nicht rezeptpflichtigen Medikamenten (OTC-Produkte) auch innerhalb Österreichs ermöglichen soll. Dadurch wird es einerseits zu einem verstärkten Wettbewerb der Apotheker untereinander kommen, wodurch andererseits auch zusätzlicher Druck auf die Pharmaindustrie entsteht. Die Folge daraus werden günstigere Preise für die Konsumenten sein.

Genau das ist auch erklärtes Ziel von dm drogerie markt. Unsere Kooperation mit der Schweizer „Zur Rose“-Gruppe zeigt, dass OTC-Produkte – trotz des dort sehr aufwendigen Beschaffungs- und Vertriebsweges – um 20 bis 40 Prozent preisgünstiger angeboten werden können. Die Nachfrage der Konsumenten nach den angebotenen Produkten ist groß, das Feedback an uns sehr positiv: Sowohl die Anzahl der Kunden als auch die Umsatzzahlen von „Zur Rose Österreich“ steigen kontinuierlich an.

Erhöhte Risiken für die Konsumenten sehen wir von dm drogerie markt durch die Aufhebung des Versandverbots keineswegs. OTC-Produkte sind aufgrund ihrer Wirksamkeit und Dosierung für die Selbstmedikation freigegeben. Damit vertraut der Gesetzgeber auf die Mündigkeit der Verbraucher, deren Verhalten sich auch durch einen neuen Vertriebsweg nicht ändern wird. Denn unabhängig davon, ob die „Hausapotheke“ über eine Online-Bestellung, aus der Drogerie oder aus der Apotheke befüllt wird – letztlich zählt die Eigenverantwortung des Konsumenten bei der Verwendung der Produkte, nicht beim Kaufakt.

Die Novelle zum Arzneimittelgesetz hebt die künstlich innerhalb Österreichs geschaffenen Vertriebsbeschränkungen teilweise auf und bringt dadurch Bewegung in den Markt. dm drogerie markt setzt weiterhin auf die erfolgreiche Kooperation mit der „Zur Rose“-Gruppe und hat vor, diese weiter auszubauen. Langfristig wollen wir darüber hinaus unseren Kunden OTC-Produkte auch in der Drogerie anbieten. Jeder Schritt in Richtung Liberalisierung stärkt uns in diesem Bemühen.

V. Weilguni, Ärzte Woche 12/2013

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