zur Navigation zum Inhalt
© Catherine Yeulet / istockphoto.com
Maßnahmen sind nötig, um Patientenströme zu ordnen und volle Wartezimmer zu vermeiden.
© Ärztekammer für Wien/Gregor Zeitler

Prof. Dr. Thomas Szekeres Präsident der Wiener Ärztekammer

© Österreichische Ärztekammer/Zeitler

Dr. Johannes Steinhart Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer

© Wiewww.peterrigaud.com

Magª Sonja Wehsely Stadträtin für Gesundheit, Wien

 
Gesundheitspolitik 14. März 2013

Wien ist anders …

Die Wiener Ärztekammer fordert eine Neustrukturierung der ambulanten Versorgung in der Bundeshauptstadt und legt dazu einen Modellvorschlag auf den Verhandlungstisch.

Wien sieht sich in einzelnen Bereichen der kommunalen Gesundheitsversorgung mit Herausforderungen konfrontiert, die sich zum Teil erheblich von den bundesweiten unterscheiden. Dabei ist nicht allein von zunehmend überfüllten Spitalsambulanzen oder wochenlangen Wartezeiten im niedergelassenen Bereich die Rede, die gibt es anderswo auch, allerdings werden die speziellen demografischen und sozialen Entwicklungen der Großstadt die angespannte Versorgungssituation in den nächsten Jahren noch verschärfen. Das befürchten zumindest die Vertreter der Wiener Ärztekammer und verlangen ein entsprechendes Gegensteuern von Politik und Sozialversicherung. Als Verhandlungsbasis soll ein Modell dienen, das Ärztekammerpräsident Prof. Dr. Thomas Szekeres und sein Vize Dr. Johannes Steinhart dieser Tage vorstellten.

„Wien ist anders …“ – Das ist nicht nur ein oft gesehener Werbespruch an Stadteinfahrten, sondern trifft auch auf die demografische Entwicklung der Bundeshauptstadt zu: Die Wiener Bevölkerung nimmt zu, sie ist innerhalb der vergangenen zehn Jahre um mehr als 160.000 gestiegen. Im Jahr 2030 wird Wien eine Zweimillionenmetropole sein. Bezieht man das gesamte Einzugsgebiet – Stichwort: Speckgürtel – mit ein, reden wir von vier Millionen Menschen. Menschen, die immer älter werden. Mit ihrem Alter steigt auch der medizinische und pflegerische Aufwand.

Dazu kommt noch, dass die Gesundheitskosten in Wien überdurchschnittlich hoch sind, da viele Krankheiten, etwa Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Atemwegserkrankungen oder Depressionen, häufiger vorkommen als im übrigen Österreich. Mediziner sprechen vom „Großstadtfaktor.“ Damit einhergehend liegt das Sterblichkeitsrisiko ebenfalls deutlich über dem österreichischen Schnitt: die Herz-Kreislauf-Sterblichkeit etwa um 25, die Krebssterblichkeit um neun Prozent. All das hängt eng mit den besonderen sozioökonomischen Faktoren in der Großstadt zusammen. Menschen mit einem geringeren Einkommen oder einer schlechteren Ausbildung haben insgesamt ein erhöhtes Krankheitsrisiko.

Stärkung des niedergelassenen Bereichs

Vor dem Hintergrund dieser Parameter fordern die Ärztevertreter schon seit Jahren zusätzliche Kassenstellen im niedergelassenen Bereich. Passiert ist aber genau das Gegenteil, klagt der Wiener Ärztekammerpräsident Prof. Dr. Thomas Szekeres über eine kontinuierliche Reduktion der Kassenstellen innerhalb der letzten zehn Jahre: „Ein dramatischer Mangel herrscht insbesondere in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Hier gibt es keine einzige Kassenplanstelle. Aber auch die Augenheilkunde, die Dermatologie und der Bereich der Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten sind stark von dieser Negativentwicklung betroffen.“

Weil die Wiener Gebietskrankenkasse außerdem bei der Genehmigung von zusätzlichen Gruppenpraxen auf der Bremse steht und den interessierten Ärzten ein völlig unzeitgemäßes Honorierungssystem anbieten würde, sei es eben kein Wunder, dass die Menschen aus Mangel an Alternativen die Ambulanzen in den Spitälern stürmen, die nahe gelegen und rund um die Uhr geöffnet sind.

Eine Entlastung der Spitalsambulanzen ohne gleichzeitige Stärkung des extramuralen Bereichs erscheint auch Dr. Johannes Steinhart unmöglich zu sein: „Mit der derzeitigen Honorar- und Leistungsvergütung wird es nicht gelingen, beispielsweise Abend- und Wochenendbetriebe im extramuralen Bereich aufrechtzuerhalten und Gruppenpraxen erfolgreich zu führen.

Neues Modell der Ärztekammer

Um die Versorgungssituation insgesamt zu verbessern, schlägt die Wiener Ärztekammer daher ein Modell vor, das eine „bessere Verzahnung zwischen dem öffentlichen Krankenhausbereich und den niedergelassenen Ärzten“ erreichen soll.

Es sieht folgende zentrale Maßnahmen vor:

  • 300 zusätzliche Kassenverträge, die nach einer genauen Evaluierung der Notwendigkeiten in den einzelnen Fächern und Wohnbezirken neu ausgestellt werden.
  • Freigabe aller Gruppenpraxisanträge (das sind etwa 90).
  • Schaffung bezahlter Lehrpraxen, um die Ordinationen auch mit qualifizierten Assistenzärzten besetzen zu können.
  • Ausbau des bewährten Ärztefunkdienstes.
  • Vereinbarung von neuen Tarifen, die es niedergelassenen Ärzten ermöglichen, auch zu Tagesrandzeiten und am Wochenende offen zu halten.

Mit der Präsentation des neuen Modells hat die Ärztekammer gleichzeitig alle beteiligten Parteien – Gesundheitslandesrätin, Wiener Gebietskrankenksasse und der Wiener Krankenanstaltenverbund KAV – zu einem „runden Tisch“ eingeladen, um auf dessen Basis gemeinsame Lösungen zu erarbeiten.

Resonanz sehr reserviert

Die Eingeladenen zeigten sich in ersten Stellungnahmen – wenig überraschend – zurückhaltend: Die Wiener Gebietskrankenkasse sieht im Moment keinen Bedarf an zusätzlichen Kassenstellen: „Pro 100.000 Einwohner gibt es in Wien gut 90 Mediziner mit Kassenvertrag, was bundesweit die höchste Ärztedichte ergibt. Bei den Ärzten mit Kassenvertrag gibt es aber – was ihr Arbeitspensum betrifft – große Unterschiede. Das lässt sich an sehr unterschiedlich hohen Fallzahlen festmachen. Aus diesem Grund würden wir uns wünschen, dass Vertragsärztinnen und -ärzte so viele Patienten wie möglich betreuen, um eine optimale Versorgung zu gewährleisten“, argumentiert die Wiener Gebietskrankenkasse in einer schriftlichen Stellungnahme. Einem weiteren Ausbau der Gruppenpraxen stehe sie grundsätzlich positiv gegenüber, so die Wiener Gebietskrankenkasse weiter, „allerdings nicht allein nach den Wünschen der Ärztekammer. Wir plädieren für Gruppenpraxen, die verschiedene Fächer unter einem Dach vereinen. Der Gesetzgeber sieht in solchen Fällen aber Abschläge vor und zu diesen war die Ärztekammer bisher nicht bereit.“

Best Point of Service

Auch die Wiener Gesundheitsstadträtin Mag. Sonja Wehsely meldete sich zu Wort, blieb aber politisch eher unverbindlich: „In Wien ergibt sich durch die Umsetzung der Gesundheitsreform erstmals eine gemeinsame Planung, Steuerung und Finanzierung des niedergelassenen und stationären Bereiches durch das Land Wien und die Wiener Gebietskrankenkasse. Im Laufe des Jahres 2013 wird die Stadt daher mit der WGKK eine Zielvereinbarung erarbeiten, mit der diese Prinzipien und Verpflichtungen konkret in die Praxis umgesetzt werden“, lässt Wehsely über ihren Sprecher ausrichten. Gemeinsames Ziel sei dabei „eine Stärkung des niedergelassenen Bereiches durch neue Versorgungsformen“. Gleiches gelte auch für den sogenannten Best Point of Service, wonach Patienten genau dort behandelt werden sollten, wo es für sie am besten ist, so Wehsely weiter: „Dadurch werden die Spitäler und deren Ambulanzen nachhaltig entlastet, wovon sowohl die Patienten als auch die Mitarbeiter profitieren werden.“

Ausbau der Erstversorgungseinrichtungen durch KAV

Der KAV wiederum setzt verstärkt auf interne Lösungen. Laut eigenen Angaben zur Entlastung der Ambulanzen die Erstversorgungseinrichtungen in allen Spitälern ausgebaut.

„Somit wird es in Zukunft für jedes Krankenhaus eine zentrale Anlaufstelle für alle Patienten geben. Diese Neuordnung bringt eine raschere Diagnostik und Therapie bei gleichzeitigen Entlastungen anderer Abteilungen und Stationen mit sich“, so eine Sprecherin des KAV. Nach dem Start im Krankenhaus Hietzing im Sommer 2012 gibt es jetzt auch in der neu errichteten Notaufnahme des Wilhelminenspitals eine moderne, effizientere, interdisziplinäre Erstversorgung, in der „nicht nur – wie bisher – internistische, sondern fächerübergreifend Patienten mit den unterschiedlichsten Erkrankungen medizinisch versorgt werden. Sämtliche fachärztliche Untersuchungen finden direkt in der Erstversorgung statt.“ Die in diesen beiden Spitälern gesammelten Erfahrungen fließen laut KAV in die konkreten Planungen für das neue Krankenhaus Nord ein, das sich gerade in Bau befindet.

V. Weilguni, Ärzte Woche 11/2013

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben