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© Mathias Ernert, Nationales Centrum für Tumorerkrankungen, Heidelberg

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© Business Circle

DKKS Christa Tax, MSc Pflegedirektorin LKH Universitäts-Klinikum Graz

„Vergleichbarkeit und Transparenz sind ebenso dringend erforderlich wie Anforderungsprofile, die aus der Praxis kommen.“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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FH-Prof. DGKS Mag. Dr. Roswitha Engel Studiengangsleiterin, Gesundheits- und Krankenpflege, FH Campus Wien

„Unsere Absolventen punkten mit einem Doppelabschluss und ihre Qualifikationen sind durch die FH-Ausbildungsverordnung klar festgelegt.“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

rupp

Hon. Prof. (FH) Dr. Bernhard Rupp, MBA Leiter der Abteilung Gesundheitswesen der Arbeiterkammer NÖ

„Wer Bologna sagt, muss auch Bachelor und Master sagen. Ist Österreich darauf wirklich vorbereitet?“

 
Gesundheitspolitik 14. März 2013

Standpunkte: Wird die Pflege die neue Medizin?

Die Pflege akademisiert sich und damit drängen auch zunehmend mehr Ausbildungsangebote auf den Markt. Doch wie lässt sich die Spreu vom Weizen trennen?

Demografische, ökonomische und gesellschaftliche Entwicklungen führen dazu, dass die beruflichen Anforderungen an die Pflege steigen und damit auch die Qualifikationsansprüche. Gleichzeitig wird das Umfeld komplexer, denn die Zahl der Pflegebedürftigen steigt, die Mittel kaum im selben Ausmaß und die medizinisch-technischen Entwicklungen legen ein rasantes Tempo vor. Keine Frage – auch die Pflege soll weiter professionalisiert werden und ein Weg dahin – aber mit Sicherheit nicht der Einzige – führt über eine Akademisierung des Berufsstandes. Hand in Hand damit hat die Zahl der Ausbildungsstätten zugenommen und kaum übersichtlich scheint das Angebot.

Nicht von der Hand zu weisen ist, dass damit zumindest die Zahl der Interessenten gestiegen ist und sich die angespannte Personalsituation in dieser Branche mit der Aussicht auf höhere Karrierechancen ein wenig zu lockern scheint. Dennoch wird eine gewisse „Ordnung“ erforderlich sein, um mehr Transparenz und Vergleichbarkeit in die Angebote zu bringen. Dazu ist es auch wichtig, dass Spitäler, Pflegeeinrichtungen und Home-Care-Anbieter ihre Wünsche klar definieren. Denn wenn der Markt absteckt, was oder wer marktfähig ist, wird sich der Wildwuchs automatisch eindämmen. Keinesfalls übersehen werden dürfen dabei die gesellschaftspolitischen Entwicklungen. Eine solide Grundausbildung mit spezialisierten Weiterbildungen und dem Credo des „lebenslangen Lernens“ ist wohl die aussichtsreichste Form.

Pflegemanagementforum 2013, Business Circle, 28.-29.2. 2013, Wien

Ausbildungsdschungel

Die Gesundheits- und Krankenpflege hat sich in den letzten Jahren enorm weiterentwickelt, demnach sind auch neue und vielfältige Ausbildungsmöglichkeiten entstanden. In der Steiermark bieten wir aktuell neun Workshops zum Thema „Power in der Pflege“ an, wo es konkret darum geht, Pflegepersonen in ihrem Wirkungsbereich zu stärken und den intra- und extramuralen Bereich besser zu vernetzen. Trotz aller Bemühungen nehme ich in der Berufsgruppe selbst große Unwissenheit und Verunsicherung über die Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten wahr. Viele „altgediente“ Mitarbeiter stellen sich angesichts immer neuer Ausbildungszweige oft die Frage: „Was bin ich mit meiner Ausbildung noch wert?“ Die Ausbildung zu Diplomierten Gesundheits- und Krankenschwestern/-pflegern in den tertiären Bildungssektor zu heben und eine berufliche Ausbildung auf Hochschulniveau anzubieten, hat zweifelsohne viele neue Möglichkeiten für die Absolventen geschaffen. Gleichzeitig sind auch viele Anbieter auf diesen Zug aufgesprungen und haben neue Geschäftsfelder gesehen. Das hat zur Folge, dass ein Ausbildungsdschungel entstanden ist, bei dem es schwerfällt, den Durchblick zu bewahren.

Die Steiermark war das erste Bundesland, das ein Studium der Pflegewissenschaften angeboten hat, aber rund zwei Drittel der Teilnehmer hatten keine Grundausbildung zu Diplomierten Gesundheits- und Krankenschwestern/-pflegern. Das hat dazu geführt, dass wir zwar Akademiker hatten, aber ohne klares Berufsbild. Wir haben im Jahr 2011 darauf reagiert, seither ist die Zulassung zum Studium an diese Berufsbildung gekoppelt. Es ist immer wichtig, die Frage zu stellen: Welche Qualität leistet ein Anbieter und welche verwertbare Qualifikation steht am Ende? Schuld an der Diskrepanz sind aber nicht nur die Ausbildungsanbieter, sondern auch die Arbeitgeber, die keine Anforderungsprofile für Absolventen erstellen. Auch mir fehlt die Transparenz und Vergleichbarkeit und persönlich kann ich nur für mich sagen: Auch ich habe keinen Durchblick im Ausbildungsdschungel und derzeit bestimmt absolut das Angebot die Nachfrage!

Klare Ausbildungswege

Unsere Ausbildungen können sich im internationalen Vergleich mehr als sehen lassen. Ab 2007 ist es uns gelungen eine Entwicklung einzuläuten, die den Gesundheits- und Krankenpflegesektor konsequent auf dem Weg in den tertiären Bildungssektor begleitet. Dazu gehören z. B. Berufspraktika mit stark wissenschaftlich orientiertem Hintergrund. Das Studium selbst ist generalistisch ausgerichtet und bedeutet nicht, dass Absolventen in der Praxis dann gleich mehrere Karrierestufen überspringen. Diplomiertes Pflegepersonal wird nicht nur hierzulande, sondern auch international immer im patientennahen Umfeld sein Einsatzgebiet haben. Was uns aber gelungen ist, und das ist vor allem vor dem Hintergrund des zunehmenden Personalmangels in Pflegeberufen ein bedeutsamer Schritt: Wir haben die Gruppe der Maturanten erschlossen und ihnen einen attraktiven Einstieg in dieses Berufsfeld ermöglicht.

Einen Wildwuchs im Ausbildungsdschungel kann ich nicht orten, denn in der FH-Ausbildungsverordnung ist genau formuliert, welche Kompetenzen die Absolventen vorzuweisen haben. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Nach sechs Semestern haben die Absolventen nicht nur hohe Fach- und Methodenkompetenz, sondern auch sozial-kommunikative Fähigkeiten und umfassende Praxiskompetenz aufgrund von 2.300 Stunden einschlägiger Arbeit mit und am Patienten. Hier stehen sie den Absolventen der traditionellen Gesundheits- und Krankenpflegeschulen um nichts nach, im Gegenteil, sie haben gelernt, all diese Kompetenzfelder auch noch auf hohem Niveau wissenschaftlich mit anderen wie der Ethik, der Medizin, des Rechts oder der Soziologie zu verknüpfen. Unsere Absolventen können mit Degree einen Doppelabschluss vorweisen: Sie haben die Berufsberechtigung – da gibt es nur eine einzige in Österreich, die für alle Absolventen von Gesundheits- und Krankenpflegeschulen gleich ist – und verfügen auch noch über den Bachelor of Science in Health Studies (BSc).

Widersprüche im System

Die Branche der Gesundheitswirtschaft ist schon seit Jahren im Aufschwung begriffen, das bedeutet, dass die Nachfrage nach Angeboten steigt und damit auch die Zahl der Experten steigen wird, die in diesem Feld tätig sind. Gleichzeitig haben wir eine intensive Diskussion um kostendämpfende Maßnahmen. Der Akademisierung der Pflege steht wiederum eine Kaskade von Delegation und Substitution gegenüber, weil es in vielen Bereichen an fachlich qualifiziertem Personal fehlt und die Politik großes Interesse daran hat, teure Arbeitskräfte durch billigere abzulösen. Und parallel zu diesen divergierenden Entwicklungen haben wir auch einen Boom an Fachhochschulen, die auf einem Gesundheits- und Krankenpflegegesetz fußen, das sowohl für die traditionellen Ausbildungszweige gilt wie eben auch für die FHs. Die Frage lautet für mich daher: Wer Bologna sagt, muss auch Bachelor und Master sagen und ist Österreich darauf wirklich vorbereitet? Die Forderung nach einem Anforderungsprofil ist legitim, doch kann man das definieren, wenn wir gar nicht wissen, wie hoch der Bedarf an Fachkräften in der Langzeitversorgung ist, was unser Versorgungsniveau sein soll, wie die Angebote in den Ländern harmonisiert werden können und welche Anreizsysteme geschaffen werden müssen? Kurz gesagt: Die Gesundheitswirtschaft bietet eine so unübersichtliche Situation, dass die Anforderungen an die Pflege und im Speziellen die Ausbildung für die Pflege kaum an klaren Parametern festzumachen sind. Wird die Pflege die neue Medizin und geht es mehr in eine Richtung der Krankenpflege oder doch einer Gesundheitspflege oder gar in Richtung Wissenschaft und Forschung? Und wenn Letzteres der Fall ist, wo ist die Strategie für diesen Forschungsschwerpunkt und welches Forschungsklima kann Österreich dazu bieten?

Die letzte Frage, die mir besonders für Aus- und Weiterbildung wichtig ist, geht in Richtung Telemedizin: Wer soll diese neuen Techniken, die auf uns zukommen oder schon da sind, beherrschen? Wir stehen an einer spannenden Schwelle enormer Entwicklungen, bei denen wir nicht vergessen sollen: Am Anfang und am Ende steht immer die Patientenversorgung!

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