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Gesundheitspolitik 5. März 2013

Europäischer Gesundheits-Check

Die OECD hat die Schlüsselfaktoren der europäischen Gesundheitslandschaft zusammengetragen und verglichen. In der letzten Dekade ist vieles besser geworden, aber hält der Trend angesichts der Sparbudgets an?

„Health at a Glance“: Aktueller OECD-Gesundheitsbericht zeigt für Europa positive und negative Entwicklungen auf. Beunruhigend: Mit dem Ausbruch der Wirtschafts- und Finanzkrise hat sich das Wachstum nicht nur massiv eingebremst, sondern in vielen Staaten sogar zu einem spürbaren Rückgang der Gesundheitsausgaben geführt. Die Folgen für die Patienten sind noch nicht absehbar.

„In den europäischen Ländern hat sich die Gesundheit der Bevölkerung in den letzten Jahrzehnten deutlich verbessert“ – mit diesem Eingangsstatement leiten die Gesundheitsexperten, der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), ihren zweiten europaweiten Gesundheitsbericht „Health at a Glance“ ein, um aber gleichzeitig einzuräumen: „Viele Fortschritte im Gesundheitswesen waren mit erheblichen Kosten verbunden. Bis zum Jahr 2009 stiegen in den europäischen Ländern die Ausgaben im Gesundheitsbereich schneller als in den übrigen Wirtschaftsbereichen an und beanspruchten einen wachsenden Anteil am Bruttoinlandsprodukt (BIP).“Als Folge des negativen Wachstums im Jahr 2010 stabilisierte sich in vielen EU-Mitgliedstaaten der Anteil der Gesundheitsausgaben am Bruttoinlandprodukts (BIP) oder ging leicht zurück. Im Jahr 2010 gaben die EU-Mitgliedstaaten durchschnittlich neun Prozent ihres BIP für das Gesundheitswesen aus, was eine deutliche Zunahme gegenüber einem Anteil von 7,3 Prozent im Jahr 2000, aber einen Rückgang gegenüber dem Spitzenwert von 9,2 Prozent im Jahr 2009 bedeutete. Der Anteil war in den Niederlanden am höchsten (12 Prozent), gefolgt von Frankreich, Deutschland und Österreich (11,0). Schlusslicht war Rumänien mit 6,0 Prozent.

Die breitflächigen Kürzungen könnten sich mittel- oder längerfristig negativ auf den Zugang zur Gesundheitsversorgung, die Qualität und die Gesundheitsergebnisse der einzelnen Länder auswirken, befürchten die OECD-Experten. Daher sei die kontinuierliche Überwachung der Daten und Indikatoren für Gesundheit und Gesundheitssysteme zum jetzigen Zeitpunkt besonders wichtig, um solche Entwicklungen möglichst frühzeitig zu erkennen und entsprechend gegensteuern zu können. In diesem Sinn fokussiert der aktuelle Statusbericht die Entwicklungstendenzen und Unterschiede zwischen den Ländern in fünf Themenblöcken:

• Gesundheitszustand der Bevölkerung

• Gesundheitliche Risikofaktoren

• Ressourcen und Leistungen des Gesundheitssystems

• Qualität der Gesundheitsversorgung bei chronischen und akuten Krankheiten

• Gesundheitsausgaben und Finanzierungsquellen

Europäische Trends

Insgesamt hat sich die Gesundheit der europäischen Bevölkerung in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verbessert, wobei sowohl regional als auch sozioökonomisch nach wie vor große Unterschiede bestehen. Die Lebenserwartung bei der Geburt ist innerhalb der EU von 1980 bis 2010 um mehr als sechs Jahre auf 79 Jahre gestiegen. Diese beachtliche Steigerungsrate ist im Wesentlichen auf verbesserte Lebens- und Arbeitsbedingungen sowie auf einige gesundheitsbezogene Verhaltensweisen zurückzuführen. Aber auch der bessere Zugang zur Gesundheitsversorgung und deren höhere Qualität tragen dazu bei, wie zum Beispiel aus den deutlich reduzierten Sterblichkeitsraten nach einem Herzinfarkt oder Schlaganfall hervorgeht. Die höchste Lebenserwartung hatten Frauen (85,0 Jahre) in Frankreich und Männer (79,4 Jahre) in Schweden, die niedrigste Lebenserwartung Frauen in Bulgarien und Rumänien (77,3 Jahre) sowie Männer in Litauen (67,3 Jahre). In Österreich liegt die Lebenserwartung bei Frauen bei 83,3 und bei Männern bei 77,8 Jahren. Sowohl Frauen als auch Männer mit hohem Bildungsstand haben eine längere Lebenserwartung. Mehr als drei Viertel dieser Lebensjahre können ohne Aktivitätseinschränkungen verbracht werden.

Deutlich verändert haben sich über die Zeit auch die Risikofaktoren. Während der Tabak-und Alkoholkonsum europaweit zurückgeht - laut OECD haben sich „Sensibilisierungskampagnen, Werbeverbote, Verkaufsbeschränkungen und höhere Steuern als wirksame Maßnahmen“ erwiesen –, nimmt die Anzahl der Übergewichtigen bzw. Fettleibigen stark zu. Österreich fällt bei all den genannten Faktoren eher negativ auf, besonders – und das macht die Perspektive nochmals dramatischer – was deren Ausprägung bei den Jugendlichen betrifft.

Junge Raucherinnen

Jugendliche im Alter von 15 Jahren rauchen am häufigsten in Österreich, Kroatien, Tschechien, Ungarn, Lettland und Litauen. Während insgesamt kaum geschlechtsspezifisch signifikante Unterschiede auftreten, liegt in Österreich die Zahl der rauchenden Mädchen mit 29 Prozent (der höchste Wert aller Länder überhaupt) deutlich über dem männlichen Wert von 25 Prozent. Interessant auch, dass sich der Anteil bei den Erwachsenen wieder nahezu im europäischen Schnitt (23 Prozent) einpendelt. Im vergangenen Jahrzehnt hat sich die Zahl der Raucher hierzulande reduziert, mit einem Minus von 4,5 Prozent fiel diese Reduktion aber moderat, um nicht zu sagen bescheiden aus. Da waren andere Länder deutlich erfolgreicher, allen voran die nordeuropäischen: Dänemark –34,4, Island –37,5, Norwegen gar –40,6 Prozent.

Auch der Alkoholkonsum ist europaweit rückläufig, minus 15 Prozent innerhalb der letzten Dekade. Die EU-Bürger haben mit 10,7 Litern reinem Alkohol pro Einwohner und Jahr aber immer noch den höchsten Alkoholkonsum weltweit. Österreich zählt gemeinsam mit Luxemburg, Frankreich, Lettland, Litauen und Rumänien mit mehr als zwölf Litern auch in dieser Wertung zu den absoluten Spitzenreitern.

Weiter im Steigen begriffen ist hingegen der Anteil der übergewichtigen Europäer. Mit 52 Prozent stellen sie erstmals sogar die Mehrheit. Die Prävalenz von Adipositas, die ein noch deutlich größeres gesundheitliches Risiko darstellt (BMI von mindestens 30), reicht von acht Prozent in Rumänien und der Schweiz bis über 25 Prozent in Ungarn und Großbritannien. Häufiger tritt Adipositas bei benachteiligten Gesellschaftsgruppen und besonders bei Frauen auf. Vor allem die langjährige Entwicklung ist beunruhigend. In fast allen untersuchten Ländern nimmt die Zahl der Übergewichtigen bzw. Fettleibigen dramatisch zu, in Österreich in den vergangenen zehn Jahren um über 40, in Ungarn um fast 60 Prozent.

Engpässe trotz höherer Ärztedichte

In den meisten Ländern ist die Zahl der Ärzte pro Einwohner höher als je zuvor. Die höchste Dichte erreicht Griechenland mit 6,1 Ärzten pro 1.000 Einwohner, das sind fast doppelt so viele, wie im europäischen Schnitt (3,4). Unmittelbar hinter Griechenland folgt Österreich mit einer Dichte von 4,8. Am anderen Ende der Skala: Polen (2,2), Montenegro (2,1) und die Türkei (1,7).

In nahezu allen Ländern hat sich das Verhältnis zwischen Allgemeinmedizinern und Fachärzten deutlich in Richtung Fachärzte verschoben. Daraus wird offensichtlich, dass der traditionelle Beruf des Hausarztes nicht mehr so attraktiv ist und die Einkommensunterschiede zwischen Allgemeinärzten und Fachärzten immer größer werden. In vielen Ländern stellt sich angesichts der langsamen Zunahme bzw. Rückgangs der Zahl der Allgemeinmediziner bereits heute die Frage der Sicherstellung der Primärversorgung für bestimmte Bevölkerungsgruppen. Einzelne Regierungen haben bereits reagiert und dementsprechend Maßnahmen gesetzt, um die Attraktivität der Allgemeinmedizin wieder zu stärken und die Ausbildungsplätze zu erhöhen. Besonders erfolgreich war darin etwa Frankreich, wo die Zahl der Allgemeinmediziner in den letzten Jahren wieder deutlich zugenommen hat.

www.oecd.org

Health at a Glance – Europe 2012

Der OECD-Bericht „Gesundheit auf einen Blick – Europa 2012“ vergleicht Datenmaterial, das bis zum Jahr 2010 für bestimmte Indikatoren zu Gesundheit und Gesundheitssystemen in 35 europäischen Ländern – alle 27 EU-Mitgliedstaaten, fünf Kandidatenländer und drei EFTA-Länder – erhoben wurde. Die Indikatoren stammen aus der Liste der Gesundheitsindikatoren der Europäischen Gemeinschaft (ECHI-Auswahlliste), welche die Europäische Kommission als Orientierungshilfe für die Entwicklung von Gesundheitsstatistiken und für die Gesundheitsberichterstattung zusammengestellt hat. Darüber hinaus informiert der Bericht über Fortschritte in der Versorgungsqualität, die im Rahmen des OECD-Projekts „Qualitätsindikatoren der Gesundheitsversorgung“ erzielt werden konnten, sowie über Gesundheitsausgaben und Finanzierungstrends.

Publishing, ISBN 978-92-64-18260-5; www.oecd.org

V. Weilguni, Ärzte Woche 10/2013

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