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© Dräger

Dr. Gabriele Lerche Stellvertretende Chefärztin Johanniter Wien
"Zum Schutz der Patienten und der Mitarbeiter wünsche ich mir die Übergabe wichtiger Informationen an den Schnittstellen.“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dr. Gernot Grömer Astrophysiker, Vorstand des Österreichischen Weltraum Forums

Die Raumfahrt ist mit Sicherheit ein Sektor, bei dem man auch rasch an die Grenzen des technisch Machbaren stößt und zum Umdenken gezwungen ist.“

 

 

 

 

 

 
Gesundheitspolitik 22. Februar 2013

Standpunkte: Was geht, wenn nichts mehr geht?

Hygiene wird in vielen Spitälern oft wie ein "ungeliebtes Kind" behandelt. ein Blick über den Tellerrand lohnt sich, um die eigenen Herausforderungen wieder ins richtige Licht zu rücken, wie es beim Dräger-Experten-Talk "Mars Mission 2013 - Hygiene im Grenzbereich" thematisiert wurde. Die Ärzte Woche bringt zwei Blickwinkel. 

 

Bei älteren, multimorbiden oder immungeschwächten Patienten besteht die Gefahr, dass sie während der Spitalsbehandlung an einer nosokomialen Infektion erkranken, die aufgrund ihrer Schwere die Grunderkrankung in den Hintergrund rücken kann. Internationale Prävalenzstudien zeigen, dass sie bei vier bis neun Prozent aller stationären Patienten auftreten. Für rund sieben bis neun Prozent der Erkrankten endet der Spitalsaufenthalt sogar tödlich.

Hygienemaßnahmen sind Präventionsmaßnahmen und reihen sich damit nahtlos in eine Liste anderer unbeliebter Gesundheitsthemen ein, wo bekanntlich die Schere zwischen dem Wissen, Denken und Handeln ungleich kleiner ist wie bei jeglicher Umstellung des Lebensstils. Auch bei Hygiene geht es letztlich meist nicht um große Kosten, sondern lediglich um kleine Gewohnheiten eingefahrener „Arbeitsstile“. Gefordert werden Maßnahmen „von oben“, schuld sind meist die anderen und kaum einer möchte den ersten Schritt heraus aus der Komfortzone wagen und „seine“ Gewohnheiten ändern.

Fest steht, dass neben dem persönlichen Leid das Problem der Krankenhauskeime zunehmend auch als ökonomische Variable evident wird. Längere Verweildauern bei knappen Ressourcen erfordern strikte Maßnahmen, aber auch innovative Ideen. Investitionen in verbesserte Hygienemaßnahmen und damit in die Prävention von Infektionen zahlen sich daher in jedem Fall aus.

Ein Blick in „benachbarte“ Disziplinen lässt so manchen kleinen Schritt für den Einzelnen zu einem großen Schritt für die betroffenen Patienten werden.

 

Hygiene im Rettungseinsatz

Die Johanniter-Unfall-Hilfe in Österreich ist eine vergleichsweise junge Organisation. Sie wurde 1974 als klassische Rettungsorganisation gegründet. Damals starteten die Johanniter in Wien mit einem Krankentransportwagen – einem Einstandsgeschenk der deutschen Johanniter – und einer Handvoll engagierter Ehrenamtlicher. Heute sind die Johanniter in unterschiedlichen sozialen Bereichen tätig und absolvieren mit 320 Fahrzeugen 2,8 Millionen Fahrtenkilometer jährlich. Knapp 190.000 Einsätze werden pro Jahr im Rettungsdienst, Krankentransport, Behindertenfahrdienst oder Organtransport gefahren. Eine besondere Herausforderung stellt sich natürlich immer wieder bei der Frage der Hygiene im Einsatz und beim Unfallgeschehen. Im Vordergrund steht hier der Selbstschutz der Mitarbeiter – ein Thema, das gerade bei Unfällen besonders brisant ist, hängt es doch von der Witterung, den Lichtverhältnissen und der Umgebung am Einsatzort ab. Wir wissen selten im Vorfeld, ob ein Patient infektiös ist. Dazu kommen eben die Begleitumstände, die es auch oft schwierig machen, vor Ort auf größtmögliche Hygiene bei der Versorgung der Verletzten zu achten, wie fehlende Abstellflächen oder schmutzige Unterlagen. Wenn es um lebensbedrohliche Situationen geht, dann versuchen wir natürlich damit bestmöglich umzugehen, ansonsten werden Patienten rasch in die Einsatzwägen gebracht und dort professionell versorgt. Die Umgebung ist zwar auch nicht steril, aber auf jeden Fall sehr sauber. Die Besatzung sorgt nach jedem Transport dafür, dass das Fahrzeug dem nächsten Patienten zumutbar ist, und stellt die Einsatzbereitschaft wieder her. Die Reinigung aller Ausrüstungsgegenstände erfordert vier bis sechs Stunden, das ist nicht nach jedem Einsatz in der Form möglich.

Vor ebenso großen Herausforderungen in puncto Hygiene stehen wir auch bei Einsätzen, die nicht auf der Straße passieren, sondern in Wohnungen, Büros, aber auch beim Abholen von Patienten aus Spitälern. Wir wissen praktisch nie genau, wo wir auf infektiöse Patienten treffen, denn sogar in den Krankenhäusern oder Pflegeheimen ist die Schnittstellenproblematik rund um die Hygiene bei der Übergabe der Patienten an Transportdienste oft nicht klar geklärt. Es ist keine Frage der Kompetenz, sondern des guten Willens, hier Abläufe festzuhalten und wichtige Information weiterzugeben.

Wir haben zudem noch den Faktor „Personal“ zu bedenken: Wir arbeiten mit etwa 900 ehrenamtlichen Mitarbeitern. Natürlich bekommen alle Hygieneschulungen und wir weisen auch massiv auf das Selbstschutzthema hin. Auch der Einkauf wird geschult, welche Medizinprodukte für unsere besonderen Anforderungen wichtig sind, und natürlich die Einsatzkräfte, die für die Reinigung der Einsatzwägen zuständig sind. Hygiene ist keine punktuelle Einmalschulung – das ist ein laufender Prozess, im Alltag schleichen sich Fehler ein, hier muss man ständig dran bleiben und nachschulen. Ich wünsche mir auf alle Fälle, dass es eine gute Übergabedokumentation gibt, zum Schutz der Einsatzkräfte, die ohnehin unter hohem Druck arbeiten. Im Rettungsdienst ist Hygiene eine Gratwanderung zwischen dem Notwendigem, dem Machbaren und einem gewissen Augenmaß.

 

Hygiene im Weltall

In wenigen Tagen brechen Forscher von Innsbruck zur weltweit größten Mars-Simulationsübung in der Wüste Marokkos auf. Ob experimenteller Marsanzug oder Wärmebildkamera – ein Großteil der technischen Ausrüstung geht auf Innovationen „Made in Austria“ zurück und gar nicht so wenige davon sind Innovationen, Spin-offs, die im Katastrophenschutz oder der Notfallmedizin ihren Ausgang gefunden haben.

Die Raumfahrt ist mit Sicherheit ein Sektor, bei dem man auch rasch an die Grenzen des technisch Machbaren stößt und zum Umdenken gezwungen ist. Herkömmliche Regeln müssen über Board geworfen werden und völlig neue, oft unkonventionelle Ideen finden als „Spin-in“ von der Marsforschung wieder den Weg zurück in die Industrie und in weltraumferne Bereiche. Dazu gehört etwa das mobile Patientenmonitoring oder die Abfallwirtschaft.

Auch die Perspektive für herkömmliche Hygienemaßstäbe ändert sich, wenn in einem Space Shuttle sechs Personen auf engstem Raum über Monate zusammenleben müssen. Es gibt keine Waschmaschine und auch keine Fenster zum Öffnen, Duschen oder der Gang zur Toilette erfordert eigene Trainings, um unter den Bedingungen der Schwerlosigkeit diese völlig alltäglichen Handlungen „richtig“ auszuführen. Socken werden nur alle vier Tage gewechselt, eingewebte Silberfäden wirken gegen die Geruchsentwicklung. Das Wesentliche ist aber: Das System ist völlig abgeschlossen, was zwar heißt, es kommt nichts hinein. Was drinnen ist – wie Karies in den Zähnen, Fußpilzsporen, Bakterien oder Viren – kann sich aber in diesem „geschützten Raum“ auch gut entwickeln. Unter den Bedingungen der Schwerelosigkeit wachsen Bakterien besser und das Immunsystem des Menschen ist zudem leicht supprimiert. Harmlose Infektionen, die auf der Erde kein gröberes Hygieneproblem darstellen, können hingegen im Weltall durchaus eine Mission zum Scheitern bringen – und damit viel Zeit und Geld kosten. Prävention ist daher das oberste Gebot für die Hygiene an Board und viele Regeln, die auf der Erde gelten, sind nicht automatisch auch auf die Anwendung in der Schwerlosigkeit zu übertragen. Sie müssen eigens unter diesen Bedingungen getestet werden. Neben der ständigen Analyse von Gas, Wasser und der Mikrobiologie haben wir auch das Problem der „opportunistischen Infektion“ – völlig ungefährliche Pathogene können an Board unter den Extrembedingungen wie Schwerelosigkeit, Stress und Eingeengtheit plötzlich auch Infektionen auslösen.

Händewaschen hilft auf der Erde, aber die Händedesinfektion in einer Raumkapsel ist nicht so simpel, wie es auf den ersten Blick erscheint, denn ein Sprühnebel wird letztendlich über die Atemluft wieder eingeatmet. Der limitierende Faktor beim Einsatz von Desinfektionsflüssigkeiten ist nicht etwa mangelnde Compliance, sondern in unserem Fall eher der Transport. Sie müssen so konzipiert sein, dass sie lange haltbar sind und wenig Volumen einnehmen, denn auch Stauraum ist ein knappes Gut!

Die Raumfahrt kann im Bereich Hygiene sicher enormes Wissen auf die Erde bringen, wie Maßnahmen möglichst zeit-, platz- und kostensparend eingesetzt werden. Gleichzeitig lernen wir in der Astrobiologie, dass es viele Organismen gibt, die unter Extrembedingungen überleben, etwa Bakterien in Kühlbecken von Nuklearkraftwerken oder Bakterien in Gesteinen, die fast ohne Wasser und Licht auskommen. In diesem Grenzbereich warten noch große Herausforderungen auf uns, die viele neue Erkenntnisse für die Medizin bringen können.

Haiden R., Ärzte Woche 8/2013

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