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© VLKÖ/APA-Fotoservice/Schedl
Dr. Artur Wechselberger Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Prof. Dr. Helmut Ofner, LL.M, Rechtswissenschaftliche Fakultät der Universität Wien

em. Prof. Reinhart Waneck, Vize-Präsident des Verbands der leitenden Krankenhausärzte Österreichs (VLK)

Doz. Dr. Otto Traindl, Präsident des Verbandes der leitenden Krankenhausärzte Österreichs, Bundesländervertreter für Niederösterreich und Ärztlicher Direktor Landesklinikum Mistelbach-Gänserndorf

 
Gesundheitspolitik 11. Februar 2013

Wenn leitende Ärzte leiden

Neuerlich machen die leitenden Ärzte auf den Ärztemangel und die Schwierigkeiten rund um ELGA aufmerksam und bieten konstruktive Lösungen.

„Wir mischen uns nicht ins Tagesgeschäft ein, aber es gibt derzeit eine Reihe von Themen, die uns als leitende Ärzte direkt betreffen, sodass wir unseren Standpunkt hier klarlegen wollen“, erklärte kürzlich Dr. Otto Traindl, Präsident des Verbandes der leitenden Krankenhausärzte Österreichs (VLKÖ), Bundesländervertreter für Niederösterreich und Ärztlicher Direktor Landesklinikum Mistelbach-Gänserndorf. Die Themen, um die es den Führungskräften der Krankenhäuser geht, sind durchaus nicht neu: ELGA, der Ärztemangel und die Mehrfachprimariate bedürfen nach Ansicht der Krankenhauschefs dringend einer Lösung.

„Wir hatten 20 Jahre einen Ärzteüberschuss, der seit zwei Jahren deutlich ins Gegenteil umschwenkt. Je weiter die Spitäler von einer Uni entfernt liegen, desto schwieriger ist es, Turnusärzte zu bekommen“, warnt em. Prof. Dr. Reinhart Waneck, Vize-Präsident des VLKÖ. Auf der Hand liegt, dass die Bevölkerung immer älter wird und die Zahl der Ärzte im Krankenhaus und im niedergelassenen Bereich in den kommenden Jahren aller Voraussicht nach jedoch kleiner wird. „Wenn es jetzt an Turnusärzten mangelt, sind es in drei Jahren die fehlenden Allgemeinmediziner und in sechs Jahren wirkt sich das auf die Fachärztelandschaft aus. Wenn hier nicht massiv gegengesteuert wird, kann eine qualitativ hohe Patientenversorgung in Zukunft nicht mehr sichergestellt werden“, so Waneck weiter.

Arztberuf muss in Zukunft attraktiver werden

Die Gründe für den drohenden Ärztemangel sehen die Experten einerseits im Rückgang an Studienplätzen an den heimischen medizinischen Universitäten. Andererseits wandern viele österreichische Ärzte ins Ausland ab, wo einfach attraktivere Arbeitsbedingungen vorherrschen als in Österreich. „Neben dem bereits bekannten Mangel an Turnusärzten werden daher in den nächsten Jahren zunehmend auch Assistenz- und Fachärzte fehlen. Immer häufiger kommen zudem Meldungen von nicht oder nur schwer besetzbaren Praxen“, weiß Waneck.

Als Gegenmaßnahmen fordert der VLKÖ dringend eine seriöse Berechnung, wie viele Ärzte es in Österreich tatsächlich braucht und wie viele demnach auszubilden sind. „Bewerber haben wir genug, aber nicht alle werden zugelassen, daher führt das zu einem Mangel“, sind sich die Experten des VLKÖ einig. Sie fordern daher auch gemeinsame Modelle bei der Ausbildung der Turnusärzte, bei denen Teile des Turnus in Ordinationen absolviert werden können. Zudem setzt sich der VLKÖ verstärkt für sinnvollere Arbeitszeitmodelle bei Ärzten ein, um den Arztberuf in Österreich generell attraktiver zu machen.

Ausbildungsreform dringend notwendig

Hand in Hand mit den fehlenden Ärzten muss auch eine Lösung für die Ausbildung gefunden werden. „Österreichs Ärzte werden auf das praktische Leben als Arzt im Krankenhaus ausgebildet, daher halten wir es für wichtig, dass auch rechtzeitig die leitenden Ärzte, die diese Ausbildung „on the job“ machen müssen, eingebunden werden. Oft wissen wir im Krankenhaus sehr gut Bescheid, was eine Region am dringendsten braucht und wo die Probleme liegen“, legt Traindl dar.

Auch hier fordert der Mediziner eine Machbarkeitsanalyse, denn die Krankenhäuser stoßen dabei oft an ihre Grenzen, zumal der Trend der Patientenströme „weg vom niedergelassenen Bereich hin zum Spital“ ungebrochen anhält. „Im ländlichen Bereich suchen wir vermehrt Allgemeinmediziner, die Ordinationen übernehmen.

Was wir leitenden Ärzte im Krankenhaus machen können, ist lediglich den jungen Kollegen die Angst zu nehmen, in eine Ordination zu gehen“, so Traindl.

Mehrfachprimariate erhöhen die Arbeitsbelastung

Leitende Ärzte sind nach Ansicht des VLKÖ in einer unangenehmen Sandwichposition zwischen den Spitalsträgern und dem tatsächlichen Bedarf in der Patientenversorgung. Mit Sorge kommentieren die Vertreter des VLKÖ daher das Interesse von Spitalserhaltern, durch Vergabe von Mehrfachprimariaten finanzielle Einsparungen zu erzielen.

Zusätzlich zu dem administrativen Mehraufwand entsteht für Primarärzte ein sehr hoher Verantwortungsdruck bei der Erfüllung ihrer Pflichten als mehrfache Abteilungsleiter. „Die Leitungsfunktion umfasst die Organisation aller mit der Behandlung zusammenhängenden Aufgaben, einschließlich der Führung des Personals.

Die Übernahme zweier oder mehrerer Primariate ist nur dann zulässig, wenn die mit der Abteilungsführung verbundenen Verpflichtungen von ein und derselben Person auch tatsächlich wahrgenommen werden können“, meint Traindl und wird dabei auch von Prof. Dr. Helmut Ofner, LL.M. von der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien unterstützt.

Nach den krankenhausrechtlichen Vorschriften ist es nicht verboten, Primariate doppelt oder sogar mehrfach an eine Person zu vergeben, doch muss diese Lösung schon im Kontext mit der Verpflichtung gesehen werden, die im Gesetz steht: die Führung der Abteilungen inklusive der Ausbildung der Turnusärzte. Gerade Letzteres erfordert besonders viel Aufmerksamkeit, denn es gilt, im Einzelfall zu beurteilen, wie weit ein Turnusarzt abhängig vom aktuellen Kenntnis- und Wissensstand bereits im Regelbetrieb eingesetzt werden kann. „In der Praxis erhält ein Primar seine Position, weil er der Beste seines Faches ist. Übernimmt er dann gleich mehrere Primariate, so wird wohl diese medizinische Fachkompetenz nicht mehr in dem Ausmaß zur Verfügung stehen, wie sich das ein Krankenhaus wünscht“, ist Ofner überzeugt.

Als Lösung bietet der VLKÖ an, in großen Krankenanstalten ein Kollegialorgan zu schaffen, das Synergien im Bereich der Krankenhausführung schaffen könnte. Damit würde ein Primar am Standort tätig bleiben und seine strategische Führungsaufgabe im Verbund mit weniger Arbeitsbelastung wahrnehmen.

Große Bedenken hinsichtlich der parlamentarisch beschlossenen Implementierung der Elektronischen Gesundheitsakte (ELGA) teilt der VLKÖ mit der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK) hinsichtlich der Nutzerfreundlichkeit und des Datenschutzes. „Mit ELGA werden wir auf eine Befundmenge zugreifen müssen, deren Dimensionen wir uns noch gar nicht vorstellen können. Das ist gerade im Hinblick auf die Zahl der Befunde in einem Krankenhaus eine Herausforderung, die mit dem niedergelassenen Bereich kaum vergleichbar ist. Wir brauchen daher eine Usabiltity, die es dem Arzt möglich macht, die Inhalte sinnvoll zu verwenden, statt die ärztliche Tätigkeit durch das Studium der Befunde zu verlängern“, fordert Dr. Artur Wechselberger, Präsident der Österreichischen Ärztekammer. Ab dem 1. Jänner 2014 müssen die heimischen Krankenhäuser ihre Entlassungsbefunde ELGA-tauglich verfassen und selbst auf der niedrigsten „ELGA-Ausbaustufe“ werden Dokumente verlangt, die derzeit kaum ein Krankenhaus in der Form erstellen kann. „Es wird allein von der Usability abhängen, ob ELGA top oder ein Flop wird. Wir brauchen ein Suchsystem, das uns die Arbeit erleichtert und erlaubt mit hoher Sicherheit Daten zu extrahieren“, meint Wechselberger. Dass dazu auch Schnittstellen zur krankenhausinternen EDV-Infrastruktur notwendig sein werden, versteht sich von selbst.

Quelle:

Pressekonferenz des Verbands der leitenden Krankenhausärzte Österreichs „Und was nun? Antworten auf offene Fragen im österreichischen Gesundheitsmanagement“, 30 Jänner 2013    

R. Haiden, Ärzte Woche 7/2013

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