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Minister Alois Stöger Bundesministerium für Gesundheit

„Ein Wissensdefizit ist ein eingeplanter Qualitätsverlust und darf nicht zulasten des Patienten gehen.“

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© NÖPA

Dr. Gerald Bachinger Sprecher der Patientenanwälte

„Die Gesundheitsreform ist ein taugliches  Arbeitspapier, das Defizite anspricht und den Finger in offene Wunden legt.

 
Gesundheitspolitik 11. Februar 2013

Standpunkte - Gesundheitsreform: Wo bleibt der Patient?

Wenn künftig Bund und Länder gemeinsame Sache machen, soll auch der Patient etwas davon haben. Spürbar sollen die Reformen ab 2014 werden.

Die von Bund, Ländern und Sozialversicherung ausverhandelte Gesundheitsreform hat kürzlich den Ministerrat passiert. Ziel ist die Kostendämpfung ohne Qualitätsverlust und im Wesentlichen soll dieses Ziel durch die Stärkung der niedergelassenen Ärzte und die Entlastung der Spitäler realisiert werden. Dazu wurde ein Zielsteuerungsmodell geschaffen, das eine bessere Abstimmung zwischen Bund und Ländern in Sachen Gesundheitsausgaben anpeilt. Dazu sollen Verträge ausgearbeitet werden, in denen festgelegt wird, welche Leistungen wo angeboten werden, um Redundanzen zu vermeiden und die finanziellen Mittel möglichst effizient zu verteilen. Der Anstieg der Gesundheitsausgaben soll an das prognostizierte jährliche BIP-Wachstum gekoppelt werden. Neu ist vor allem, dass die Sozialversicherungen in die Pflicht genommen werden können, bestimmte Leistungen extramural anzubieten. Bis dahin ist es in der Umsetzung freilich noch ein langer Weg und die Ärzteproteste gegen die Reform sind noch nicht verklungen. Spürbar sollen die Verbesserungen 2014 sein.

QUELLE:

47. Gesundheitspolitisches Forum: „Gesundheitsreform: Verbesserung für Patientinnen und Patienten“, am Podium: Gesundheitsminister Alois Stöger und Dr. Gerald Bachinger, Sprecher der Patientenanwälte Österreichs, 23.1.2013, Wien

 

Angebote leistungsorientiert gestalten

Wir haben in Österreich ein differenziertes Gesundheitssystem, sowohl was die Finanzierung als auch die Verantwortung für Patienten angeht. Aus einer Systemlogik der Gesundheitsinstitutionen heraus entstanden Angebote, was Patienten in einem Behandlungsprozess benötigen. Ein sehr gutes Beispiel ist hier die Schlaganfallversorgung. Bei der Behandlung ist es hier nötig, dass unterschiedliche hoch qualifizierte Einrichtungen kooperieren, damit der Nutzen für den Patienten am größten ist. Gleichzeitig ist dann auch der gesellschaftliche Nutzen maximiert, weil die Versorgung sehr kostengünstig läuft.

In der Praxis entscheidet aber nicht das Gesundheitssystem über die Behandlungspfade, sondern das soziale Umfeld, das für die rasche Übergabe des Betroffenen an eine ärztliche Einrichtung zu sorgen hat. Wenn Patienten zu spät zur richtigen Therapie kommen, dann ist das leidens- und kostenintensiv. Und genau hier setzt die Gesundheitsreform beim Patienten an: Wir werden in Zukunft die Angebote nicht nach den besten institutionellen Prozessen gestalten, sondern müssen die Perspektive der Patienten einnehmen. Wer aus den Behandlungspfaden heraus die Anforderungen definiert, der wird auch die Hemmschwellen und Grenzen des österreichischen Gesundheitssystems besser begreifen und feststellen, wo dringend notwendige Kooperationen derzeit unmöglich sind. Dazu bedarf es aus meiner Sicht mehrerer Punkte: eines Sektoren übergreifenden Informationsflusses und mehr Transparenz.

Es kann nicht sein, dass der behandelnde Allgemeinmediziner nicht weiß, was der behandelnde Facharzt einem Patienten verschrieben hat und das Wissensdefizit zulasten des Patienten geht. Das sind eingeplante Qualitätsverluste!

Außerdem wollen wir mit der Gesundheitsreform auch die Qualität der Leistungen im System, also die Prozessqualität, neu definieren anstelle der bisherigen Strukturqualität. Und schließlich dürfen wir die Ergebnisse nicht aus den Augen lassen, mit denen das Gesamtsystem in der Lage ist, die Patienten zu betreuen. Damit diese Forderungen auch auf eine operative Ebene kommen, übernehmen Bund und Länder gemeinsam die Verantwortung für die besten Behandlungsprozesse und sollen das Niveau der Leistungen gemessen am BIP auf einem konstanten Niveau halten.

Für die Patienten beinhaltet dieser politische Konsens auf jeden Fall ein Plus an Transparenz durch den Fokus auf der Ergebnisqualität. Zudem wird sich die Kultur der Kooperation auch auf der Ebene der Institutionen entwickeln und damit langfristig den Patienten einen erstklassigen Zugang zum Gesundheitssystem bieten. Schließlich wird das in der Verbesserung der Behandlungsprozesse münden und das ist der Ansatzpunkt, wo sich für den Patienten der größte Nutzen eröffnet.

 

Politik der kleinen Schritte

Während bis zur politischen Einigung über die Gesundheitsreform nach wie vor die finanztechnischen und strukturellen Bereiche im Vordergrund standen, freue ich mich umso mehr, dass endlich auch die Frage des Patientennutzens beleuchtet wird, der ja schließlich im Mittelpunkt der Reformbemühungen steht.

Für mich gibt es „die“ Gesundheitsreform nicht, sondern einen permanenten Prozess an Reformen, eine Politik der kleinen Schritte, die letztendlich zum Erfolg führt. Die Gesundheitsreform ist nicht aus den Wolken gefallen, sondern aus einer Reihe von vorbereitenden Maßnahmen entstanden, wie etwa dem Masterplan Gesundheit. Ich verstehe aber auch, dass man im Alltagsgeschäft müde wird, wenn ständig von Reform die Rede ist und letztlich bei vielen Planungen auch wenig erkennbare Inhalte übrig geblieben sind. Gleichzeitig ist jetzt sichtbar, dass in dieser Reform doch sehr klare Bereiche festgelegt wurden, die Verbesserungen für den Patienten bringen werden. Wider alle Euphorie dürfen wir nicht aus den Augen lassen, dass es dennoch nur ein Arbeitspapier ist, mit vielen Ideen und Maßnahmen, die aber derzeit nach wie vor nur auf dem Papier existieren. Es ist ein taugliches Arbeitspapier, das Defizite anspricht und den Finger in offene Wunden legt. Das merkt man schon allein daran, dass die Reform von heftigen Diskussionen begleitet war. Die Gefahr, die jetzt droht, ist, dass wir es noch nicht geschafft haben, das, was auf dem Papier, steht in die Wirklichkeit zu bringen. Das Reformpapier ist ein wichtiger Anfang, aber nur der erste Schritt, dem weitere folgen müssen. Dazu gehören auch ein Kulturwandel sowie Maßnahmenpakete, die jetzt folgen müssen.

Ein Kritikpunkt an der Reform ist, dass keine Bedarfsdeckung stattfindet. Ich sehe das genau gegenteilig, denn das Ausrichten am objektiven Bedarf anstelle regionaler Machtverhältnisse ist ja das Ziel der künftigen Planung und Steuerung. Weiters wurden Stimmen gegen die drohenden Rationierungen laut. Auch das sehe ich nicht, was aber kommen wird müssen, ist eine Priorisierung. Dass es nur ums Sparen geht und medizinischer Fortschritt damit unterwandert würde, sehe ich ebenfalls anders, denn: Die Behandlung nach Leitlinie oder Disease Management Programmen wird es künftig transparenter machen und wir entwickeln uns von der eminenzbasierten zur evidenzbasierten Medizin. Schließlich müssen Patienten im System dort landen, wo sie die richtige Behandlung erhalten, und dafür wird es künftig klar vorgezeichnete Wege geben müssen. Dazu ist die Stärkung des niedergelassenen Bereichs dringend nötig und das bedeutet, die Rolle des Hausarztes neu zu gestalten. Patienten brauchen eine Orientierung, wo Qualität geliefert wird und wie diese in Anspruch genommen werden kann. Die Erfüllung der Qualitätsziele muss auch entsprechend honoriert werden. Die Reform ist ein gutes Arbeitspapier, jetzt kommt es darauf an, was wir daraus machen!

R. Haiden, Ärzte Woche 7/2013

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