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© Jagsch

Dr. Christian Jagsch, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Alterspsychiatrie und Alterspsychotherapie (ÖGAPP)
 
Gesundheitspolitik 4. Februar 2013

Versorgung vor Ort muss optimiert werden

Im Exklusivinterview mit der Ärzte Woche spricht der Psychiater Christian Jagsch über die speziellen Herausforderungen in der psychiatrischen und psychotherapeutischen Betreuung alter Menschen.

Jeder vierte Österreicher leidet im Lauf seines Lebens an einer psychiatrischen Erkrankung. Bei oft vorliegenden chronischen Leiden verschiebt sich das Altersspektrum zunehmend in Richtung Seniorenalter. Allein die Zahl der Demenzpatienten ist in Österreich inzwischen auf etwa 120.000 gestiegen. Im Bereich der Medizin sind es zumeist die niedergelassenen Allgemeinmediziner, welche die Versorgung gewährleisten – auch, weil es einen eklatanten, seit Jahren bekannten Mangel an niedergelassenen Psychiatern mit Kassenvertrag gibt.

Während es in vielen europäischen Ländern, unter anderem etwa auch in Deutschland und in der Schweiz, schon seit Längerem eigene Fachgesellschaften im Bereich der Alterspsychiatrie gibt, war dieses medizinische Feld in Österreich bisher eher nur fragmentarisch vertreten. Das sollte sich mit der Gründung der Österreichischen Gesellschaft für Alterspsychiatrie und Alterspsychotherapie (ÖGAPP) nachhaltig ändern, hofft deren Präsident, Dr. Christian Jagsch, wie er im Gespräch mit der Ärzte Woche bekräftigt.

Herr Dr. Jagsch, welche Überlegungen haben Sie dazu bewogen, eine eigene Gesellschaft für Alterspsychiatrie und Alterspsychotherapie ins Leben zu rufen?

Jagsch: Ein wesentliches Ziel ist es, die Öffentlichkeit stärker für das Thema psychische Erkrankungen im Alter und mögliche Behandlungen zu sensibilisieren. Neben einer besseren Vernetzung aller Psychiater – aber auch anderer Berufsgruppen, die österreichweit im Bereich der Alterspsychiatrie tätig sind – stehen auch Weiter- und Fortbildungen zu diesem Thema auf unserem Programm. Wir wollen das Wissen und die Kompetenz in allen Bereichen erhöhen. Auch der Dialog und eine Kooperation mit europäischen sowie internationalen alterspsychiatrischen / gerontopsychiatrischen Gesellschaften sind bereits gestartet worden.

Welches sind die hauptsächlichen psychischen Erkrankungen im höheren Alter?

Jagsch: In der Alterspsychiatrie gibt es drei Gruppen von Patienten: Die erste Gruppe umfasst die alt gewordenen psychiatrischen Patienten, also Menschen, die ihre Schizophrenie, affektive Erkrankungen, Persönlichkeitsstörungen, psychosomatische Störungen, Angsterkrankung und/oder Suchterkrankung ins höhere Alter mitgenommen haben und deren Behandlung wegen internistischer Komorbiditäten und möglicher Interaktionen zwischen Medikamenten zunehmend komplexer wird. Hinzu kommen Menschen, die im Alter erstmals psychiatrisch erkranken. Hier haben wir es vor allem mit demenziellen Erkrankungen mit und ohne Delir oder Verhaltensstörungen und Depression zu tun. Zusätzlich treten erstmals wahnhafte Störungen, Late-Onset-Suchterkrankungen oder auch reaktivierte traumatische Störungen auf. Die dritte Gruppe sind interdisziplinäre Patienten, die neben ihren psychiatrischen Erkrankungen, auch internistische oder chirurgische Erkrankungen aufweisen und daher von Experten aus verschiedenen Fachrichtungen gemeinsam betreut werden müssen.

Inwieweit unterscheidet sich die medizinische/therapeutische Arbeit bei älteren Menschen?

Jagsch: Die medizinische und pharmakologische Behandlung ist beim älteren Patienten wesentlich komplexer. Es ist eine ganzheitliche Sicht in der Abklärung und Zuordnung der Symptome und Syndrome erforderlich, um diese eher psychischen bzw. körperlichen Erkrankungen zuzuordnen. Überdies ist im Bereich psychosomatischer Störungen, vor allem bei Schmerzsyndromen, eine kombinierte Abklärungs- und Behandlungsstrategie erforderlich. Die pharmakologische Behandlung stellt aufgrund der sich meist entwickelnden Multimorbidität mit der Einnahme mehrerer Medikamente eine Herausforderung bezüglich Interaktionen und Nebenwirkungen dar. Außerdem vertragen alte Menschen mit demenziellen Erkrankungen die Medikamente oft schlechter als alt gewordene psychiatrische Patienten, die seit vielen Jahren und Jahrzehnten eine Medikamenteneinnahme gewohnt sind. In der Psychotherapie steht vor allem die Begleitung und Linderung der Beschwerden im Vordergrund. Es zeigen sich vorrangig depressive Beschwerden mit Ängsten, oft stehen körperliche Symptome im Vordergrund. Die häufigsten Themen sind Einsamkeit nach Partnerverlust, Bewältigung schwerer körperlicher Erkrankungen sowie die Beschäftigung mit den Themen Endlichkeit, Sterblichkeit und dem nahenden Tod.

Wie beurteilen Sie das aktuelle ambulante und stationäre Versorgungsangebot in Österreich und wo orten Sie akuten Handlungsbedarf?

Jagsch: Der ambulante Bereich ist noch verstärkt zu entwickeln. Wenn wir uns die demografische Entwicklung vor Augen halten, kann die Zukunft nur dahin führen, dass wir Erkrankte vor Ort betreuen. Wir müssen verhindern, dass alte Menschen mit psychiatrischen Problemen vermehrt in die Spitäler drängen oder auch gegen ihren Willen eingewiesen werden, weil eine adäquate Versorgung vor Ort fehlt. Dazu brauchen wir zum Beispiel Konsiliardienste in Seniorenheimen, gut ausgebildete Hausärzte sowie mobile alterspsychiatrische Dienste. Nachholbedarf gibt es auch bei sozialen Einrichtungen und Wohnformen, wie zum Beispiel Wohngemeinschaften für Demenzerkrankte. In Zukunft werden solche Formen selbstbestimmten Zusammenlebens für alte Menschen immer wichtiger werden. Im stationären Bereich wäre es aus meiner Sicht ausreichend, wenn wir pro Bundesland eine Abteilung für Alterspsychiatrie und Alterspsychotherapie haben und zusätzlich in allen psychiatrischen Abteilungen eine Station, die ältere psychiatrische Patienten betreut. In den Allgemeinkrankenhäusern sollte ein psychiatrischer Konsiliardienst fix etabliert sein.

Gibt es eine spezielle Ausbildung für Alterspsychiatrie bzw. Alterspsychotherapie?

Jagsch: Im Rahmen der Ausbildung zum Facharzt für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin verbringen Ausbildungsärzte, je nach regionalem Angebot, einige Monate auf einer Alterspsychiatrie. Falls regional kein Angebot vorhanden ist, laden wir im Rahmen der Tagung der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie Ausbildungsärztinnen und -ärzte ein, unser Tutorial zu besuchen. Laufende Veranstaltungen, die von unserer Gesellschaft mit initiiert werden, komplettieren das Angebot an Fortbildung.

In der Psychotherapieausbildung gibt es einige Anbieter, die spezifische Wochenenden für die Ausbildung anbieten. Eine vertiefende Weiterbildung nach abgeschlossener Psychotherapieausbildung findet in Schloss Hofen in Vorarlberg in Kooperation mit dem Institut für Alternspsychotherapie und Angewandte Gerontologie in Marburg, Deutschland, statt.

Eine spezielle Facharztausbildung für Alterspsychiatrie ist nicht angedacht, es soll eine zukünftig immer wichtigere Sparte im Rahmen der Allgemeinpsychiatrie bleiben. Eine zusätzliche Zertifizierung nach internationalem Vorbild ist sicherlich für die Zukunft zu überlegen.

Das Gespräch führte Volkmar Weilguni

ÖGAPP

Die Österreichische Gesellschaft für Alterspsychiatrie und Alterspsychotherapie (ÖGAPP) wurde im April 2012 gegründet. Die ÖGAPP hat derzeit etwa 50 Mitglieder, die laut Präsident Jagsch „eingeladen sind, aktiv am Entwicklungsprozess der Gesellschaft und ihrer Anliegen teilzunehmen.“ Der jährliche Mitgliedsbeitrag beträgt 30 Euro für ordentliche und zehn Euro für außerordentliche Mitglieder.

Detailinformationen zur Gesellschaft sowie ein Beitrittsformular befinden sich auf www.alterspsychiatrie.at

V. Weilguni, Ärzte Woche 6/2013

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